Katzenauge I
erschienen in “Pulsschläge”, 2006
Es dämmerte bereits und der Nebel tauchte die Landschaft in ein milchiges Licht, das nur von den orangenen Tönen der Blätter aufgelockert wurde. Hannah lief und lief und befürchtete, dass ein vorüber fahrender Wagen sie erfassen könne. Sobald sie die Geräusche der sich nähernden Fahrzeuge hörte, sprang sie in den Graben neben der Straße. Nur Wald und Straße waren um sie.
Den Abend zuvor hatte sie in einer Bar verbracht. Sie saß am Tresen. Ihr Blick ging nach innen und sie drehte das Glas in den Händen. Selbst die sonst so ausgehungerten Männer, die dankbar für jede Abwechslung diese Bar aufsuchten. beachteten Hannah nicht. Sie hatte so etwas abweisendes. Den Kopf hielt sie gesenkt. Hannah hatte bei der Wahl des Platzes danebengelegen, denn immer wenn sich die Tür neben der Bar öffnete, erkannte sie aus den Augenwinkeln urinierende Männer. Die Hosen hingen herunter und die Handbewegung nach dem Verstummen des Geräusches ließen die Frau mit einem Brechreiz kämpfen.
Gegenüber den Toiletten hörte sie das Klappern der Töpfe und die Flüche des Koches. Sie mochte sich nicht vorstellen, was in den Töpfen kochte und die Gäste zu speisen gedachten.
Ihr Kopf schmerzte. Ihre Augen tränten. Ihr rechter Augapfel begann sich vorzuwölben. Die unerträglichen Schmerzen hatten zugenommen im Laufe der Jahre. Es muss sich eingeschlichen haben. Immer öfter wurde sie darauf angesprochen. Die unterschiedliche Größe und Auffälligkeit ihrer Augen war die eine Sache. Die Schmerzen hinter dem Auge eine andere. Morgens, sie war meist noch nicht richtig wach, begann sich dieser dumpfe Schmerz bereits anzukündigen. Gegen Mittag war er so präsent, dass sie nur noch in ihre abgedunkelte Wohnung wollte. Sie verlagerte ihre Arbeitszeit. Und ging tagsüber schließlich gar nicht mehr ins Freie. Ihre Augen, besonders das rechte, reagierten immer empfindlicher. Die Schmerzmittel wurden stärker und verloren dennoch ihre Wirkung.
Sie begann schlecht zu träumen….
- Fortsetzung folgt -
Schwarze Schafe
Heute morgen war ich wie immer mit dem Hund unterwegs.
An den Tagen, an denen ich zweimal wöchentlich in die Geschäftsstelle fahre, laufen wir die unschöne Strecke, die man gehen muss, um an ein Feld zu gelangen. Dort ist alles gut einsehbar und ich kann Attila frei herum toben lassen.
Die unschöne Strecke, von der ich berichten möchte, ist voller Müll. Seit Wochen befinden sich in den Straßengräben links und rechts der Fahrbahn vergammelte Nahrungsmittel, Flyer, die wahrscheinlich verteilt werden sollten und die der/die Verteiler schnell los werden wollte, benutzte Kinderwindeln, Plastik, Papier, alte Töpfe und anderer Unrat. Zweimal wöchentlich hoffe ich, dass endlich jemand aus dem Zuständigkeitsbereich aufgeräumt hat. Nichts passiert.
Heute allerdings war ich entsetzter als jemals zuvor.
Linksseitig lagen zwei kleine schwarze Lämmchen in embryonaler Haltung im Straßengraben. Erst dachte ich, es seien Plüschtiere. Dann blickte ich genauer hin. Ich sah die kleinen Hufe, die zarten Beinchen, die süßen Köpfe der zwei schwarzen Schäfchen. Eng aneinandergeschmiegt lagen sie tot inmitten des Mülls.
Samstägliche Fotos
Ausnahmefall Persönliches
Todesfall
In unserer Kundschaft ist ein Todesfall.
Damit verbunden sind viele Angelegenheiten zu regeln, es gilt Verträge zu stornieren, umzuschreiben etc pp. Normalerweise ist das nichts Außergewöhnliches bezüglich meines Aufgabenbereiches.
Das Ehepaar kenne ich dreizehn Jahre. Zu Lebzeiten schimpfte sie nur allzuoft über ihren Mann, der es im Laufe der Jahre gelernt hatte, sämtlich zuviel gesprochene Worte der Frau zu überhören.
Heute war es still in dieser Wohnung. Ich spürte die Abwesenheit des Mannes fast körperlich. Die Wohnung war anders und irgendwie leer, obwohl das Mobliar noch am üblichen Platz stand.
Die Frau war verstummt. Sie sprach nur das Notwendigste. Der einzige Hoffnungsschimmer in all dieser stummen Trauer war eine blau/rot geblümte Kittelschürze, die die Witwe über ihrer Trauerkleidung trug.
—
Für mich sind das Tage, an denen ich der Aufmunterung bedarf.
Hussiten- oder Stöckchenweitwurf
Das gewünschte Gruppenbild.
Aber ich muss noch einmal nachlesen, ob der Titel: “Gruppenbild mit Frau” oder “Gruppenbild mit Mann” verlangt wurde….
——————————-
Die Hussiten warfen 1419 katholische Ratsherren aus dem Fenster, die dann von der wartenden Menge aufgespießt wurden (auch unter dem Begriff: “Prager Fenstersturz” bekannt), Sie allerdings wirft mit Stöcken um sich und man muss aufpassen, dass man nicht davon getroffen wird.
Was das eine nun mit dem anderen zu tun hat? Nix. Ich wollte nur ein wenig Historisches einbringen.
Einige sind bereits infiziert, ganz gleich ob Männlein oder Weiblein. Und diese Dame reichte es schließlich zu mir. Das eigene ICH ist also gefragt. Die Hosen (wahlweise auch Röcke) sollen herunter gelassen werden. Doch nicht genug damit. Mit bloßem Hintern soll man das Stöckchen auch noch weiterreichen. Nun, ich wüsste da einen, der es als nächstes erhalten sollte.
Was ist also gefragt.
Und was bin ich gewillt zu erzählen.
Hier mache ich schon mal eine Pause, weil ich, wie Ihr wisst, ziemlich faul bin und auf Fragen ungern oder nur dann antworte, wenn ich es auch möchte. Es ist ja nicht so, dass ich prinzipiell nicht darauf antworten möchte, nur bin ich eben keine Liebhaberin von Wiederholungen. Soll ich also nun meine Vita wiederholen? Oder besser sämtliche Geschichtchen näher erläutern? Dem Leser das Denken erleichtern?
Man könnte glauben, ich sei umständlich, da ich nicht einfach schreibe, wie ich bin, sondern wieder einmal eine Philosophie daraus mache. Also, ich fasse zusammen:
a) ich bin umständlich.
Gehen wir weiter, könnte ich über die zu lesenden Bücher berichten oder über Literatur, die ich gern geschrieben hätte und es bedauere, dass andere vor mir jedoch eher auf einen genialen Kunstgriff, eben den, der das Buch lesenswert macht, gekommen sind. Aber ich bin zu faul dazu.
Punkt zwei also:
b) ich bin faul.
Doch auch das ist nichts wirklich neues. Wie wäre es also, wenn ich mich als spröde bezeichne. Sabine würde es widerrufen, sie hat mich hier mehrere Tage erlebt und schätzt mich als eine sehr aufgeschlossene Frau ein. Korrigieren wir also meine eigene Meinung und sagen:
c) ich bin die Aufgeschlossenheit in Person.
Zynismus, Ironie, vor allem Selbstironie… auch das ist bekannt.
Fazit:
- es gibt über mich nichts zu sagen. Zumindest nicht von mir.
Das heißt, ich bin spröde. Ach nein, ich bin ja aufgeschlossen.
Na was denn nun???
Anmerkung:
Liebe Leserinnen. Liebe Leser.
Da ich, nicht zu vergessen, unheimlich neugierig bin, hätte ich es gern, wenn viele andere etwas von sich erzählen… ich mag Menschen. Und ich mag es, wenn sie schreiben.
Danke und Grüße.
TierarztBesuch
Was habe ich doch für einen raffinierten Hund.
Obwohl heute Sonntag ist, durften wir zum Tierarzt unserer Wahl. Auch er hat unter der Woche kaum Zeit, da wir jedoch gern ein wenig plaudern, richten wir es meistens so ein, dass der Impftermin von Attila auf einen Sonntag fällt. Nun, verständlicherweise machte ich mir vorher ziemliche Gedanken. Im Warteraum des Veterinärmediziners würde es mit Sicherheit nach vielen verschiedenen Tieren riechen, eine Strafe für Attila, der zur Zeit ziemlich unter all den “heißen Hündinnen” in näherer und auch weiterer Entfernung “leidet”.
Mein Hund jedoch schnupperte nur, dann kuschelte er sich förmlich an das Bein des Tierarztes. Er kam gerade aus seiner Großtierpraxis und der dort vorherrschende Geruch war wahrscheinlich bei weitem interessanter. Vielleicht verliebte sich Attila auch in den Geruch der Kühe oder ihm war aus unerfindlichen (so unerfindlich sind sie gar nicht, menschlich und auch tierisch gesehen, ist es ein fantastischer Mann) Gründen Herr S. (der Tierarzt) sehr sympathisch. Der Hund ließ sich betasten, beschauen und die Impfung ohne den kleinsten Laut über sich ergehen. Dann setzte er sich mitten in den Raum der Praxis und begann zu jaulen. Ganz leise nur, aber beständig.
Herr S. lachte, ging nach draußen und kam mit einem Medikament zurück. “Für schwache Nerven” sagte er und drückte mir die Dose noch immer lächelnd in die Hand. Kurz war ich der Ansicht, das Medikament wäre für den Eigengebrauch.
“Geben Sie Ihren Hund täglich zwei davon. Die Nervosität wird nachlassen. Es ist auf rein pflanzlicher Basis, also ohne jedwede Nebenwirkungen. Testen Sie es und berichten mir bitte davon. Ich gebe Sie ihnen gratis.”
Inhaltsstoffe:
Hm. Soll ich es geben oder lieber doch nicht?
(Das Gejaule geht, sobald wir die Wohnung verlassen haben, ohne Unterlass.)
Das kleine Hündchen
Es war einmal ein kleines Hündchen.
Grau und alt geworden, nannte man es manchmal noch immer “das kleine Hündchen”, grad so, als ob es geschlechtslos wäre.
Das kleine Hündchen war jedoch in Wirklichkeit ein alter, grauer Rüde. Einst war er stark und kraftvoll gewesen, nun lag sein Leben weitesgehend hinter ihm und könnte er davon berichten, würde er mit Freude all die Laternen, Gartenzäune, Bäume und andere Hunde aufzählen, an denen er sich probierte, in der Absicht, sein Revier zu markieren.
Ein Herrchen oder Frauchen brauchte es nie. Es sah darin keine Notwendigkeit, es war sich immer selbst genug. Das kleine Hündchen streunte durch die Welt, erhielt mal da einen Knochen und dort ein paar Fleischstücke. Einmal führte ihn das Schicksal sogar über das große Meer und er kam für eine Zeitlang in einem Hotel unter. Ein Küchenjunge fütterte das Hündchen heimlich, bis die Sache publik wurde. Daraufhin musste er es schweren Herzens vor die Tür setzen. Leider erfuhr der Junge nie, wie es mit dem Hündchen weiterging. Dem Hündchen selbst machte es wenig aus, es zog einfach weiter. Es wusste, dass es andere Menschen geben würde, an die es sich halten könnte.
Natürlich musste das kleine Hündchen auch unschöne Erfahrungen machen. Gartenzäune, Bäume, Laternen hielten still seinen Bemühungen stand, die Hunde jedoch wehrten sich, als es sein kleines, struppiges Beinchen hob. So kam es, dass sich das kleine Hündchen die eine oder andere Verletzung zuzog. Einmal, als er sich dummerweise an einer Katze versuchte, zerkratzte ihm diese sogar sein rechtes Auge.
Zurück blieb ein hängendes Augenlid.
Nun, da das kleine Hündchen auf das Gnadenbrot angewiesen war, lief es mit eingezogenem Schwanz durch das Dorf, in dem es sich niedergelassen hatte. Es war zu alt, um von einem Ort zum anderen zu laufen und konnte schon längst nicht mehr sein Bein heben. Wie ein Welpe oder eine Hündin hockte es sich hin, um seine Notdurft zu verrichten. Es stand mal hier und mal da vor einer Tür und mit hündischem Blick bettelte es um eine milde Gabe.
Jetzt, da die Jahre vergangen waren, wünschte sich der alte graue Hund, dass er zu einem Frauchen gehörte, die ihm liebevoll das allmählich ausfallende Fell bürstete und über seinen Kopf strich.
Aber es war allein, das arme alte Hündchen. Es hatte den Zeitpunkt verpasst.
Wer will schon einen alten Hund sein eigen nennen.
Die Menschen im Dorf jedoch waren mildtätig und so fristete das Hündchen sein Dasein. Manchmal träumte das kleine Hündchen von seiner Vergangenheit. Von den Tagen, als er noch ein kräftiger Rüde war.
Und könnte er erzählen, er würde davon berichten …
Valentinfieber
Die Menschen in meiner Nähe sind von einer höchst merkwürdigen Krankheit befallen. Sie fiebern, sind aufgeregt und in Vorbereitungen begriffen. Friseure haben Hochsaison, Kosmetikstudios sind ausgebucht. Bekleidungsgeschäfte werden von Menschenmassen gestürmt. Ich schaue genauer hin. Es sind vorwiegend Frauen, die sich mit dieser Erkrankung herumschlagen.
Besonders schön wollen sie sein. Begehrenswert und unwiderstehlich. Für diesen einen, den morgigen Tag? Den 14. Februar? Schauen wir mal, was die Geschichte zum Valentinstag sagt.
Valentin war ein Priester aus Ternia, der später als Märtyrer heilig gesprochen wurde. Er wurde am 14.02.269 dafür hingerichtet, dass er es wagte, Paare (insbesondere Soldaten aus dem römischen Heer) christlich zu trauen, in einer Zeit, als die Christenverfolgung im Römischen Reich besonders intensiv war.
Diese Geschichte ist allerdings, wie so vieles, nicht historisch belegt. Vielleicht wurde sie nur erfunden. Vielleicht hat sich ähnliches zugetragen. Wer kann das schon mit Gewissheit sagen. Gewissheit allerdings ist, dass viele Menschen am Tag vor Valentin mit ihrer Schönheit beschäftigt sind. Mit Vorbereitungen, die den 14. Februar zu einem kleinen Feiertag werden lässt. Die sich auf die Liebe freuen.
Ich lehne mich entspannt zurück und finde es schön, dabei zuzusehen. ![]()
Eiliges
Riesen Hirsche.
Otter, die ihren dicken Leib über eine Landstraße schleppen, Rehe, die am Straßenrand warten, bis der Wagen vorüber gefahren ist.
Haben Sie schon einmal bemerkt, dass der Wildwechsel immer rechts von Ihnen stattfindet, ganz gleich, in welche Richtung Sie sich bewegen? Nur die Otter fallen aus der Rolle, sie wackeln von der anderen Seite über die Straße.
Als ich noch nachts von der Geburtstagsparty losfuhr, um in den Morgenstunden mit meinem Hund gehen zu können, begegnete mir als erstes der Hirsch. Ich überquerte gerade die Peene, also nicht auf dem Schiff, sondern befuhr die Brücke, die darüber führt, als ich gegen 2.00 Uhr morgens dachte, ich halluziniere.
In Anklam stand ein riesiges Denkmal. Es zeigte einen Hirsch. Das auf der Hinfahrt vor 12 Stunden noch nicht errichtet war. Wieso hatte man es überdimensional dargestellt? War es überhaupt möglich, innerhalb dieser paar Stunden ein Denkmal zu errichten? Solche Hirsche gibt es doch höchstens als Elche. Was wollen die damit in Anklam? Ein riesiges Geweih reckte sich natürlich rechtsseitig in Richtung Straße. Ich wollte es näher betrachten, wohl auch um herauszufinden, ob ich schon schlafe und mir das alles nur einbilde, als sich das Geweih plötzlich bewegte. Der Hirsch war echt!
Erschrocken fuhr ich langsamer und hatte nur noch Angst, dass er über mich trampeln könnte. Vom Wagen und mir wäre nicht viel übrig geblieben.(Jetzt, da ich im Nachhinein darüber schreibe, verfestigt sich immer mehr der Gedanke, dass es doch ein Elch auf langer Wanderschaft gewesen sein muss.)
Zwischen Anklam und Pasewalk begegnete mir des weiteren ein Reh, oben aufgeführter, merkwürdig wackelnder Otter, in einer Ortschaft wurde ich gegen 3.00 Uhr morgens mit 10 km/h zuviel fotografiert (die völlig verschlafene Aufnahme ist inzwischen eingetroffen und jeden Lacher wert), schleppte mich auf der Autobahn von einer Raststätte zur nächsten, trank unzählige Kaffees und war schließlich 6.00 Uhr morgens zu hause.
Warum ich diese Möglichkeit wählte, statt einfach, wie geplant bei meinen Küstenbewohnern zu übernachten? Einer meiner Freunde da oben sprach es ganz deutlich aus:
„Eben bis du noch da, dann bist du auch schon wieder weg. Irgendwie hinterlässt du immer einen eiligen Eindruck. Und der, der dich nicht kennt, glaubt von dir, dass man dich nie zu „fassen“ bekommt. Du wirst sicher heute wieder fahren, trotz deines Gepäcks für eine Woche, oder?“
Als er diese Sätze gegen 23.00 Uhr äußerte, war ich noch der Überzeugung, dass ich bei ihnen übernachte. 0.30 Uhr nahm ich meine Tasche, stieg in meinen Wagen und fuhr los.
Was ist das nur, das mich umtreibt?
Will ich die Zeit überlisten?










