… und dann
Leserfrage
Werte Leser.
Sind Sie gerade mit Ihrem morgendlichen Ritual beschäftigt? Haben Sie eine bestimmte Reihenfolge einzuhalten?
Es ist schön, dass Sie täglich hier zu finden sind und mich interessiert heute einmal, wie Ihr Tag aussieht. Es ist einfacher, einen Blick auf andere zu werfen, als selbst “die Offenbarung” zu sein. Gestatten Sie mir diese Ausnahme. Auch finde ich es langsam etwas ungerecht, dass ich hier vor mich hin tippe, Ihnen eine Blick (in meine Gewohnheiten/Emotionen und anderes) gewähre und Sie nicht richtig zu Wort kommen lasse.
Also sprechen/schreiben Sie!
Beginnen Sie den Tag damit, dass Sie sofort nach dem aufstehen die Fenster, die zuvor nur angelehnt waren, weit öffnen, um den Tag herein zu lassen? Werden Sie als nächstes den Rechner einschalten, sich ins Bad begeben, während er startet, vorher vielleicht noch die Kaffeemaschine bedienen, sich nach dem Zähneputzen die Kaffeetasse nehmen, sich auf dem Rückweg zum Rechner den Mund an der heißen Tasse verbrennen und sich schließlich an den Rechner setzen?
Zurück am Rechner, rufen Sie zuerst Ihr Postfach auf und sind je nach Inhalt enttäuscht oder erfreut? Tröstet Sie ein eventueller Blick auf meinen Blog von Ihrem Tagesbeginn ohne die erhoffte Mail? Es würde mich freuen.
Welche Seiten lesen Sie danach? Die FAZ? Oder gar die Bildzeitung? In einer regionalen Tageszeitung die Todesanzeigen? Schauen Sie auf das Tages/Nachtgeschehen, bevor Sie das Hor(r)oskop lesen? Überprüfen Sie, wie Ihre Aktien stehen und kontrollieren die eingestellten Ebay Artikel? Wieviel Zeit ist inzwischen vergangen?
Oder erheben Sie sich schlaftrunken aus Ihrem Bett, öffnen die Fenster weit, werden schlagartig wach und eilen ins Bad, tauschen dort Ihr Schlafhemd gegen die “Laufbekleidung” und genießen Sie die morgendliche Stille beim Waldlauf?
Es wäre schön, könnten Sie etwas von der hier zu findenden Inspiration mit in Ihren Tag nehmen. Noch schöner wäre, Sie schilderten ganz einfach einmal Ihre Rituale.
Haben Sie ein schönes Wochenende.
Werte Leserin. Werter Leser.
Hommage an eine Großmutter
Als Großmutter starb, bekam ich am ganzen Leib warzenähnlichen Ausschlag.
Es begann an den Händen und zog sich rautenförmig vom Hals über den Busen bis hin zu den Oberschenkeln. Besonders der Daumen meiner linken Hand war von schlimmen Wucherungen betroffen.
“Wir müssen zum Arzt!”, sagte Mutter und schleppte mich von einem Dermatologen zum anderen.
“Das ist sicher im Zusammenhang mit der Pubertät zu sehen”, brummte der eine.
Ein anderer meinte:
“Suchen Sie für Ihre Tochter am besten psychologische Beratung, es ist durchaus möglich, dass diese Erscheinung mit dem Tod der Großmutter zu tun hat.”
Mir wurden Mittelchen und Tinkturen verabreicht und ich musste die verschiedensten Salben auftragen. Nichts zeigte dauerhafte Wirkung. Letztendlich vereinbarte Mutter einen Termin beim Psychologen. Es folgten zwei wöchentliche Gesprächstermine, die ich nur einhielt, weil ich von Mutter dazu gezwungen wurde. Wichtiger jedoch ist, dass mir vom ersten Tage an meine Großmutter erschien. Ich weiß. Es klingt äußerst unglaubwürdig. Doch glauben Sie mir, so war es.
Selbst jetzt, da ich schreibe, habe ich das Gefühl, Großmutter sitzt hinter mir und streicht mir übers Haar. Sie hatte schmale, schöne Hände und trotz ihres Alters waren sie nur ein ganz klein wenig runzlig. Ihr schlichter goldener Ehering erschien im rechten Ringfinger wie eingearbeitet. Nie legte sie ihn ab.
Immer strich sie mir über das Haar. Ganz gleich, ob ich traurig war, oder vor Freude nicht ruhig sitzen konnte. Manchmal legte ich meine Hände an Großmutters Haar. Sie war stets gut frisiert und die Friseurbesuche waren für sie etwas Besonderes. Ihr Haar schimmerte dann ein wenig violett und sah aus wie eine Perücke.
Ich kenne Großmutter nicht anders, nie habe ich sie unfrisiert oder in einem alten Kittel gesehen.
Als Großmutter starb, war ich nicht da.
Zuletzt sah ich sie ziemlich geschwächt in ihrem Bett liegend. Ich konnte ihr nicht helfen und als sie schließlich starb, war ich gerade mit meinen Freundinnen unterwegs. Ich nannte sie “Freundinnen”, obwohl sie das im grunde genommen gar nicht waren. “Das ist doch kein Umgang für dich!”, sagte Mutter immer. Je mehr sie darüber sprach, desto hartnäckiger beharrte ich auf meinen Umgang. Großmutter starb also im Krankenhaus und ich war mit meinem Umgang unterwegs.
Vergangene Nacht war ich mit Großmutter unterwegs. Wir trafen uns mitten im Gladiolenfeld, den Lieblingsblumen meiner Großmutter. An jeder einzelnen Blume wuchsen Schuhe. Lila, gelb, rot, weiß… in den Farben der Gladiolen. Großmutter saß zwischen den langstieligen Blüten und lachte mich an. Ich schnitt Schuhe, wie man im Normalfall Blumen pflückt.
“Hannah! Schneide doch nicht so viele Schuhe, die noch gar nicht auf sind!” Großmutter beobachtete mich aus den Augenwinkeln. Unbeirrt schnitt ich weiter Schuhe vom Grün. “Hilfst du mir tragen, Großmutter?”, frage ich sie. “Ich kann dir heute nicht bis nach Hause folgen, mein Enkelkind.”, entgegnete sie. Und ich lief, den Arm schwer von den zu tragenden Schuhen, allein nach Hause.
Oft besuchten Großmutter und ich den Zoologischen Garten. Sie kaufte mir am Bahnhof ein Eis. Und im Zoologischen Garten ein weiteres. Überhaupt stopfte mich Großmutter mit Süßigkeiten voll. Sie war der Ansicht, ich bekäme nicht ausreichend zu essen. Natürlich dauerte es nicht lange und ich hatte eine enorme Gewichtszunahme zu verzeichnen. Die Hänseleien der Mitschüler ließen nicht auf sich warten. “Sie hat Watte im BH!”, schrieen sie, und: “Fette Hannah, lach einmal!”. Ich konnte Großmutter nicht böse sein, wusste ich doch, dass sie sich alles mühsam vom Mund absparte. Es war mit Sicherheit nicht einfach, Großvater auszutricksen. Meine Großmutter entwickelte eine Fähigkeit, für die ich sie noch heute bewunderte.
“Einem guten Mann sagt man nicht viel, und einem schlechten gar nichts.” Das war einer ihrer Leitsätze. Großvater schien also ein schlechter Mann zu sein. Ich denke, er bekam von all dem gar nichts mit. Aber vielleicht wollte er auch gar nichts bemerken. Dann wäre er natürlich ein guter Mann, der sich als schlechter Mann darstellt, es aber gar nicht ist. War Großvater nun ein guter oder ein schlechter Mann? Das werde ich wohl nie erfahren.
Er brach sich beim Treppensturz das Genick.
Großmutter jedenfalls war eine gute Frau. Vielleicht ist das auch die Erklärung dafür, dass ich sie immer noch um mich spüre. Manches Mal mehr, dann wieder weniger. Aber ich fühle mich nie allein. Vielleicht liegt die Ursache auch darin begründet, dass ich noch immer in ihren Möbeln wohne. Fast ist es so, als ob Großmutter vor ihrer Anrichte steht und heimlich den für mich versteckten Eierlikör im Waffelbecher hervor holt. Großvater saß in diesen Momenten, den Rücken der Anrichte zugekehrt, vor dem Fernseher und schaute Karl Eduard von Schnitzler´s “Schwarzen Kanal”. Einige der alten Möbel stehen in meiner Wohnung und so ist meine Großmutter auch nach mehr als fünfundzwanzig Jahren noch immer bei mir.
In meinen Augen bleibt sie die schöne, ältere Frau mit dem silbergrau/violetten Haar und den behutsam berührenden Händen.
Tja.
Phantastische Wanderschaft
Die Phantasie ist eine merkwürdige Angelegenheit. Sie macht, was sie will. Man kann sie anschreien, ihr zuflüstern, ihr befehlen, sie möge doch endlich im tiefsten See ertrinken, sie macht, was sie will.
Ständig ist sie auf Wanderschaft. Würde sie gleichmäßig und ruhig durchs Leben gehen, könnte man das sogar aushalten. Doch sie denkt gar nicht daran. Sie springt hin und her, sitzt im Hirn und suggeriert die merkwürdigsten Dinge. Eben noch dachte man: “Prima, die Vernunft ist zurückgekehrt”, schon stellt man ein paar Sekunden fest, dass es ein Irrtum war. Farbenprächtig malt sie. Wunderschöne Bilder zeigt sie. Und eine Minute später blickt man in den Abgrund. Ein ständiges Hin und Her. Nicht auf- und auszuhalten.
Wie empfinden andere die Phantasie? Schlüpfen sie in Rollen und tragen so unbewusst ihre phantastischen Phantasien auf dem Leib? Denken sie in Bildern?
Was ist, wenn der Vorhang fällt? Wie ist man, wenn der Vorhang fällt? Ist es überhaupt möglich, dass der Vorhang fällt? Oder begibt man sich von einer Rolle in die andere, nur, um nicht in das ICH zu blicken?
Fragen über Fragen.
Und keine Antworten.
Phantom vom Land
Kennen Sie den “Mann vom Land”?
Mal ist er da, dann auch schon wieder weg. Hat man Glück, hinterlässt er ein Zeichen. Manchmal denke ich dabei unwillkürlich an “ZORRO”, den Schwarm aller Faschingskostüme. Ganz gleich, ob man als Prinzessin, Fee oder Braut verkleidet war… tauchte ein Junge mit einem ZorroUmhang auf, war man hin und weg und teilte sämtliche Papierschlangen mit ihm. Natürlich beherrschte dieser Zorro mit seinem hölzernen Säbel den perfekten “Z-Schwung” und markierte damit sein Revier.
Nun, der “Mann vom Land”, von dem ich berichten will, verhält sich ähnlich. Nur leider kommt man nicht dazu, Papierschlangen zu verschenken oder mit Konfetti zu werfen. Mal ist er da, dann wieder weg.
Also- werter A.R., Sie “Mann vom Land”! Dieser Absatz richtet sich explizit an Sie! Leider habe ich Ihre Telefonnummer verlegt. Also senden Sie mir doch bitte eine kurze Mail. Oder klingeln Sie kurz durch. Dann kommen Sie auch einmal in den Genuss diverser Faschingsartikel. Und vielleicht können wir der einen oder anderen Blume den Kopf abreißen. ![]()
Und dann…
hätte ich jetzt gerne
mit seinen
in meiner Wohnung. Ich könnte perfekt zur Ruhe kommen. Alternativ gänge natürlich auch ein Barbesuch. Mit einem guten Whisky und angenehmen (leisen) Menschen um mich herum…
und scheinbar wahllos zusammengesuchten Tönen, die doch ein Ganzes ergeben. Die sich ins Hirn winden und es einfach ausschalten, bis man nur noch aus
besteht.
Osterhighlight
Suche
Der Muschelsucher
(erschienen 2006 in “Pulsschläge” )
Es war spät, aber nicht zu spät, und es wäre ein Leichtes zu behaupten, dass ich das nun Folgende gar nicht beabsichtigte. Was beabsichtigt man schon. Man sucht doch eher das Weite, bevor man sich auf etwas einlässt. Man gibt nicht so einfach seine Gedanken und Gefühle preis. Und Schmetterlingsphasen? Was, bitteschön, ist das denn?
Und dann gibt es doch einen Muschelsucher.
Ich sehe ihn am Meer entlang schreiten, mit weit ausholenden Schritten, kein Wunder bei der Länge seiner Beine. Seine Arme geben seinen Beinen Befehle. So wirkt es auf mich, die ich ihn in der Ferne beobachte. Täglich ist er am Ufer und scheint irgendwie auf der Suche zu sein. Auf der Suche nach Tang, Muscheln und auch Bernstein. Nach Strandgut. Ich weiß nicht, ich habe das Gefühl, dass er manches Mal müde ist und sein Schritt schwer. An anderen Tagen wirkt es, als trage er an einer Last, die er gern ins Meer werfen würde. Seine Lippen bewegen sich beim Gehen. Einmal bewegten sie sich so ausdrucksvoll, dass ich annehmen musste, er schrie ins Meer. Er wollte seine Last von sich werfen, er wollte sie ertränken, unter das Wasser drücken, vernichten. Er wollte sie in schwarzer Tiefe wissen. Gefesselt und für immer verschwunden. Doch das Meer warf seine Worte wellenförmig zurück an den Strand.
Er ist groß. Sein Haar wird bereits von silbernen Fäden durchzogen. Seine Haut straft sein Haar Lügen. So glatt und weiß und eben sind seine Beine, seine Arme und auch sein Oberkörper. Manchmal entkleidet er sich in der Mittagshitze und ich denke, weil ich meinen Blick nicht abwenden kann: “Sieh doch endlich weg, sieh weg!”. Und doch kann ich nicht wegsehen und ich sehe und sehe… und ich bilde mir ein, ich könne ihn riechen. Ihn schmecken. Seine Haut leicht salzig vom Geruch des Meeres.
Er, der Muschelsucher, weiß, dass Bernstein nicht leicht zu entdecken ist und seine Kostbarkeit hinter verkrustetem Sand und grünlich, schwarzem Algengewirr verbirgt. Dennoch erkennt er das Leuchten des Steines und bückt sich in seiner ganzen Länge, um dieses Gelbgold in die Hände zu nehmen. Seine Hände. Ich wünsche mir Treibgut zu sein und von ihm aufgenommen zu werden. Ich, in meinem Haus am Meer. Gut geschützt vor Sturm. Ich brauche mich nicht ans Ufer zu bewegen. Aus sicherer Entfernung beobachte ich den Muschelsucher. Und ich wünsche mir voller Sehnsucht, dass dieser Mann endlich erkennt, dass ich ein Bernstein bin, der gefunden werden möchte. Und von seinen zärtlichen Fingern sacht vom verkrusteten Sand der Gezeiten befreit werde. Liebevolle Hände, die in der Bewegung innehalten und mich voller Ungeduld erzittern lassen, voller Ungeduld nach weiteren Berührungen seiner Hände. Hände, die sich weiter tasten, im Bemühen, mein Leuchten zum Vorschein zu bringen.
Oder bin ich doch ein Hühnergott? Eine Hühnergöttin? Eine der vielen, die man im Sand findet, ohne dass man genauer hinschauen will, um sie aufzunehmen und in den Weidenkorb zu den anderen zu legen. Dort, wo sie dann verstauben und man achtlos an ihnen vorübergeht. Sie nicht einmal mehr bemerkt. Es bilden sich feingesponnene Weben um die beiseite gelegten Steine. Ein Stein, an dem man schwer trägt. Solange schwer trägt, bis der Stein bei den anderen Steinen im Weidenkorb liegt. Ein Stein? Zehn? Wie viele Steine liegen da? Weiß der Muschelsucher, dass Hühnergötter einst am Leben waren?
Vor langer, langer Zeit, als die Welt noch nicht von Menschen besiedelt war, lebten am Wasser ausschließlich Hühner. Sie bauten keine Nester, in die sie liebevoll ihre Eier legten. Sie ließen ihre Nachkommen einfach in den heißen Sand fallen und beachteten sie nicht weiter. Diese Hühner waren auch nicht weiß, braun oder geflammt und schon gar nicht angenehm aunzuschauen. Sie waren schwarz und von plumper Gestalt. Sie hatten kein Gefieder, sondern dicke, borstige Stacheln, die straff über ihre Haut gespannt waren. Es waren keine normale Hühner, sondern Monster, die noch dazu äußerst aggressiv am Strand lebten. Ihre Gier war grenzenlos und es kam wohl auch vor, dass sie ihre eigenen Eier fraßen. Ihre eigenen Küken. Die jedoch nicht weich und flaumig zartgelb waren, sondern ebenso schwarzborstig wie diejenigen, von denen sie achtlos im Sand abgelegt wurden. Ständig rannten diese Monster wild umeinander, stritten sich um das größte Korn und stopften sich Strandgut in den Schlund. Sie fraßen alles. Ob Fisch, Sand, Tang oder Stein. Ihr Geschrei und Gekacker war so schrill, dass dem Einhalt geboten werden musste.
Über dem Wasser, dem Sand und dem Land lebte ein alter, weiser Gott. Er hatte diese Hühner in der Hoffnung auf Abwechslung, oder Bereicherung, geschaffen. Vielleicht hatte er jedoch auch nur an eine weitere Quelle zur Nahrungsaufnahme gedacht? Wer weiß das schon. Vielleicht dachte er an saftige Hähnchenschenkel, oder auch nur an süße, zartgelbe, flauschige Küken. Jedenfalls war seine Schöpfung gründlich missraten und tagaus, tagein ärgerte er sich darüber. Er liegte seine Stirn in Falten und stapfte mit den Füßen auf die Erde. Er wurde zornig. Eines Tages schrie er seinen Zorn heraus und verfluchte sie:
“Ihr, die Ihr gierig und bösartig am Wasser lebt, Ihr, die Ihr vor Nichts haltmacht, Ihr, die Ihr Euch gegenseitig vernichtet, sollt zu Stein werden! Da wo Euer Herz ist, Ihr gefräßigen Monster, da soll ein Loch sein! Ein Loch, durch das die Gezeiten wandern. Ihr sollt versteinern und Euer Herz soll ein Loch sein!”
Und so geschah es. Die Hühner wurden zu Stein. Und da, wo einst ihr Herz war, wurde ein Loch, durch das die Gezeiten fließen.
Ein Mann fordert Einlass. Einlass in mein Herz.
Mein Herz ist ein Loch.
Ich beobachte den Muschelsucher. Ihn, der Bernstein erkennt, auch wenn er verkrustet und tief im Sand vergraben liegt.
Und ich lege mich ins Meer und lasse mich ans Ufer treiben.














