
immer sitzt irgendetwas im nacken
Sei es der Tod, der früher oder später das Leben ablöst, oder das Leben und der Alltag an sich.
Es wird gezogen, gezerrt, gestoßen, gerüttelt und gefordert.
Aber vielleicht ist es auch Auslegungssache und ein anderer empfindet das Leben als
eine einzig große
Langeweile.
Ich weiß nicht mehr genau, wann ich unsichtbar wurde.
Vielleicht war es ein schleichender Prozess, vielleicht war es aber auch eine Eingebung, die sich über Nacht einstellte.
Vielleicht war es auch der Moment, als ich inmitten einer überlaufenen Fußgängerzone eine Passantin ansprach und sie nach dem Weg fragte, sie jedoch, ohne auch nur eine winzige Reaktion zu zeigen, einfach weiterlief. Es ist durchaus anzunehmen, dass ich das als Zeitpunkt benennen kann, in dem ich mit aller Konsequenz, die ich fähig und willens war, beschloss, endlich nicht mehr sichtbar zu sein. Allerdings war ich mir noch immer nicht ganz sicher, ob ich nicht bereits unsichtbar war und der Passantin mit meiner Behauptung unrecht tat.
Früher hatte ich ähnliche Erfahrungen. Meldete ich mich zu Wort und hatte etwas mitzuteilen, übersah und überhörte man mich. Ich probierte einiges, um mir Gehör zu verschaffen, so hob ich beispielsweise meine Stimme, weil hohe Frequenzen, und die damit verbundenen Geschehnisse, eindrucksvoller im Gedächtnis bleiben, doch auch das war vergebens. Weder sprang eine Glasscheibe, noch splitterte ein Spiegel. Man sah mich einfach nicht. Es schien, als sei ich nicht vorhanden. Nie wusste ich genau, ob ich noch sichtbar war. Kam es ganz schlimm, fiel man mir ins Wort und erzählte von seinen eigenen Begebenheiten. Spätestens dann verstummte ich, denn haben Sie einmal beobachtet, wie schwer es ist, wenn mehrere Parteien gleichzeitig sprechen? Einer ist besser als der andere. Und dann gibt es noch die, die ganz perfekt sind.
Nun ist es ja bisweilen äußerst vorteilhaft, wenn man nicht gesehen oder gehört wird. Warum also sollte ich mir das nicht zu nutze machen? Es war zwar unmöglich einzuschätzen, wie sich die Umwelt mein plötzliches Verschwinden erklären würde, doch das konnte mir gleich sein, ich würde nicht mehr gefragt werden, ich war endgültig, oder zumindest für einen langen Zeitraum, unsichtbar. Da ich seit Ewigkeiten allein lebte und nur sporadisch Kontakt zu weitläufig Bekannten hielt, war Besorgnis von dieser Seite nicht zu befürchten.
„Sie ist schon eine ganze Weile etwas schrullig und lebt äußerst zurückgezogen.“ würden sie sich untereinander verständigen.
Und: „Lassen wir sie in Frieden, sie wird sich schon wieder melden.“
Meiner Unsichtbarkeit stand somit nichts im Wege. Natürlich gab es einiges zu bedenken. Könnte ich meine monatliche Miete und alle anderen Kosten zahlen, ohne eine finanzielle Einnahmequelle zur Verfügung zu haben? Es galt den Postboten zu überzeugen, sämtliche Pakete mit Lebensmitteln, oder all den anderen benötigten Artikeln, die ich aus dem Internet bestellen könnte, vor der Tür abzulegen, denn schließlich kann ich als Unsichtbare keine Unterschrift leisten und den Empfang bestätigen, doch würde der Postbote ohne nachzufragen meine Wünsche erfüllen?
Ich hatte Bedenken, mich zu strafbaren Handlungen hinreißen zu lassen, wenn meine Ersparnisse aufgebraucht wären. Als Unsichtbare ist es ein leichtes, in eine geöffnete Bank zu laufen und in den Tresor zu greifen.
Meiner Berechnung zufolge könnte ich ca. 2 Jahre unbeschwert leben, mir Gedanken um meine Finanzen machen zu müssen. Aber auch Einschränkungen kämen auf mich zu. Ich könnte nicht mehr mit meinem Wagen unterwegs sein, ich wäre unsichtbar hinter dem Lenkrad.
Das hat zwar den großen Vorteil, dass ich, bei sämtlichen Geschwindigkeitsüberschreitungen nicht mehr herangezogen werde, früher oder später würde ich jedoch auffliegen. Ich müsste mich mit der Bahn fortbewegen oder auch in den Flieger steigen. Beides Dinge, die ich äußerst ungern mache. Dagegen standen all die Vorteile, die eine Unsichtbarkeit mit sich bringen würde.
Vielleicht wäre es mir nun auch endlich möglich, einen Roman zu schreiben. Das ruhelose hin und herlaufen hörte auf und ich könnte meine ständige Suche nach genialen Kunstgriffen einstellen. Die Geschichten würden mir sozusagen in meine weit geöffneten Augen und Ohren fliegen und ich bräuchte sie nur noch umzusetzen.
Ich könnte jetzt sogar unbemerkt in die Wohnung meines Nachbarn. Ich könnte überhaupt in jede Wohnung an jeden Ort, an den ich möchte. Es wäre ein leichtes, mit meinen Freunden oder Feinden am Frühstückstisch zu sitzen. Ich könnte ihnen unbemerkt Zucker statt Salz auf das Frühstücksei streuen oder ich könnte unliebsamen Personen in den Kaffee spucken. Sie würden ihn trinken, über mich sprechen und ich säße daneben. Sie würden es nicht bemerken und sich den verdorbenen Kaffee schmecken lassen.
Es wäre möglich den Politikern auf die Finger zu schauen. Ich würde hören, wie sie sich über die Ignoranz der Menschen amüsierten, die mit der Fußballweltmeisterschaft beschäftigt sind und nicht bemerken, dass ein völlig neuer politischer Kurs eingeschlagen wird. Das Erwachen wäre schmerzhaft, aber nicht zu ändern. Da sie sich noch im Nachrausch der Spiele befänden, fiele es ihnen vielleicht weniger schwer als im Normalfall. Wen interessiert schon die Erhöhung der Mehrwertsteuer, wenn sich deutsche Flaggen auf Vorrat in ihren Schränken befinden und man vom Crackervorrat gut ein paar Monate leben kann. Wobei das an und für sich nichts Besonderes ist. Ob die Politiker eine Fußballweltmeisterschaft nutzen oder andere Geschehnisse heranziehen, um von den Reformen abzulenken, was machte es schon aus. Das Volk wird beschäftigt, damit sämtliche Pläne einigermaßen unbemerkt beschlossen werden können.
Jetzt jedenfalls, während meiner unsichtbaren Phase, könnte ich der Kanzlerin beim auftragen ihres make up zuschauen und ich wüsste, wieso sie, seit sie den Posten der Kanzlerin innehat, bedeutend attraktiver wirkt. Die Erklärung, es läge an ihren Beratern, erschien mir zu einfach. Macht Macht also schön? Überhaupt könnte ich Gewaltiges in Erfahrung bringen, doch ich würde klein beginnen. Vorerst interessierten mich keine Kanzlerin, keine bespitzelten Politikerinnen oder homosexuelle Minister.
Als ich nach einer Jeans und dem liegen gebliebenen Männerhemd greife, das ich wie ein Relikt behandele und das auch mittlerweile so aussieht, fällt mir wieder ein, dass ich keine Kleidung mehr benötige. Ich bin unsichtbar. Kleidung würde mich verraten. Ich schließe den Schrank und freue mich, dass meine Unsichtbarkeit mitten im Sommer eingetreten ist. Gleichzeitig frage ich mich, wie ich den kalten Winter überleben soll, barfuss und nackt.
Ich laufe nackt durch die Straßen und keiner schenkt mir Beachtung. Meine Brüste, die langsam der Erdanziehung nachgeben und meine Oberschenkel, die unschöne Streifen und Löcher aufweisen, interessieren niemanden. Ich bekomme ein völlig neues Körpergefühl. Vielleicht könnte man nacktes umherlaufen zum Trend erklären. Ein schöner Gedanke. Stellen Sie sich die nackten Politiker im Bundestag vor. Nur mit einer Zigarette bekleidet im Raucherzimmer. Könnte man zusätzlich noch in ihre Köpfe kriechen und wäre in der Lage, die Aktionen in ihren Hirnwindungen zu deuten, hätte man bedeutend weniger Probleme mit ihnen.
Auf dem Weg zum Büro schaue ich in die Gesichter der vorübereilenden Menschen.
Plötzlich rennt ein dünner Mann mit halblangen Fadenhaaren über die Straße. Er schaut nicht zur Seite und auch nicht zurück, obwohl hinter ihm eine etwas kräftigere Frau mit dunklem Haar laut schreit. „Ha!“ ruft sie und läuft ihm nach, „Ha!“. Immer wieder schreit sie diese zwei Buchstaben und zeitgleich mit ihrem „Ha!“ stolpert sie als ob sie ausrutschen und jeden Moment hinfallen würde.
Der Mann vor ihr würdigt sie keines Blickes.
Ich überlege einen kurzen Moment, der Frau oder auch dem Mann ein Bein zu stellen. Liegend hätten sie endlich Zeit, sich miteinander zu beschäftigen.
Die beiden rennen schreiend weiter.
Im Büro angekommen schlüpfe ich durch die geöffnete Tür in das Büro von Franka. Die Assistentin der Geschäftsführung sitzt vor ihrem Schreibtisch, hat die Beine auf die Glasplatte gelegt und zieht sich, einen Handspiegel vor dem Gesicht haltend, die Lippen nach.
Dann nimmt sie die Beine vom Tisch, greift in ihre Handtasche, wirft den Lippenstift achtlos hinein und holt etwas anderes heraus, das sie mit einem Glas Wasser hinunter spült.
Nimmt sie heimlich Medikamente? Ich beschließe in ihrer Tasche nachzusehen, sobald sie den Raum verlassen hat.
Die Tür zum Büro öffnet sich und die Sekretärin steckt den Kopf herein:
„Entschuldige Franka“, sagt sie. „Herr und Frau Schneider sind soeben eingetroffen.“
„Einen Moment noch, ich bin gleich soweit“
Franka schließt die Handtasche, rückt ihre Bluse gerade und setzt sich aufrecht.
„Schick sie herein“, sagt sie durch die Sprechanlage ins Vorzimmer.
Eine Frau, deren Hinterteil so ausladend wie ein Schrank ist, betritt den Raum, im Schlepptau hat sie ihren Mann.
Ich kenne die Familie, ich war oft im Rahmen eines Kundenbesuches bei ihnen. Wenn Frau Schneider sitzt, sieht man ihr Gesäß bei weitem nicht in aller Grausamkeit, geht sie jedoch ein paar Schritte, wackelt dieser Schrank, als würde sich die Frau auf einem Schiff im schlimmsten Seesturm befinden. Ihr Oberkörper ist aufrecht und ganz steif und im Grunde überhaupt nicht dick. Ihr Unterteil jedoch scheint ein Eigenleben zu führen und selbstständig zu entscheiden, in welche Richtung es wackelt.
Als ich sie damals besuchte, begann Frau Schneider zu weinen. Es war schwer, ihr mein Anliegen zu erläutern. Zwischen dem Tränenfluss, der sich sintflutartig aus ihren Augen ergoss, erzählte sie mir, dass ihr Mann sie verlassen hatte.
Er besaß die Frechheit, sie einfach einzutauschen. Gegen ein Knochengerüst.
Auch seine neue Freundin kenne ich, zu allem Übel waren die beiden Frauen miteinander befreundet. Wirkt die Frau mit dem ausladenden Hinterteil in ihrer Erscheinung wie ein ganzes Schiff, so scheint die neue Frau ein dünner Mast auf eben diesem Schiff zu sein.
Jahrelang hatten sich die beiden Frauen unterstützt. Erlitt einer von ihnen finanziellen Engpass, half der andere aus. Sie saßen oft zusammen, erzählten und feierten im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Alles wurde geteilt.
Der Mann, der Glückliche, hatte nun beide Frauen.
Seine dicke Ehefrau war unglücklich und weinte dem Mann und ihrer ehemaligen Freundin hinterher, denn die dünne Frau war für sie nicht mehr zu sprechen.
Unter schluchzen fragte mich damals Frau Schneider, für wen sie nun Kohleintopf mit Rippchen kochen sollte? Überhaupt sei die ewige Kocherei daran schuld, dass sie ihren Mann verloren hatte, erzählte sie mir. Das ist doch gar kein Wunder. Immer steht sie am Herd. Soll sie das etwa in einem schönen Kleid machen? Es ist ein Teufelskreis.
Einmal schickte sie ihn Rippchen kaufen und beim Metzger hätte er ihre Freundin getroffen, mit der er dann zu ihr nach hause gegangen sei. Hätte sie ihn mal nicht dahin geschickt, sagte sie. Wäre sie mal lieber mitgegangen, sagte sie, dann hätte sich die Dünne nicht an ihren Mann heran gemacht. Die Dünne war doch auch früher schon mal alleine mit dem Mann gewesen und da war doch auch noch nichts. Oder vielleicht doch und sie hatte es gar nicht bemerkt? Ich hörte mir diese Litanei eine ganze Weile an, dann erhob ich mich, ging in die Küche, nahm eine ganze Rolle Küchenpapier aus dem Papierhalter, reichte sie der weinenden, dicken Frau und hoffte auf ein Ende der Heulerei. Stattdessen erblickte sie die Menge der noch zu benutzenden Küchentücher und bekam einen weiteren Weinkrampf. Ich konnte ihr nicht helfen und verließ schließlich die Wohnung.
Der Besuchsauftrag blieb ungeklärt. Sie ließ mich einfach nicht zu Wort kommen. Dabei war es mehr als wichtig, der Angelegenheit nachzugehen, die sich auf meinem Schreibtisch herumdrückte.
War das der Grund, weshalb die Familie nun im Büro war?
Aber wieso war Herr Schneider gemeinsam mit seiner Frau erschienen? Hatten sie sich wieder versöhnt? Oder führten sie eine „offene“ Beziehung? Wäre ich schon früher unsichtbar gewesen, wüsste ich es. Denn sicher hätte ich die Schneiders heimlich aufgesucht, um zu sehen, wie sich alles entwickelte. Und schon stellte ich es wieder in Frage. Würde ich wirklich wissen wollen, wie all die Schneiders/Lehmanns oder Müller/Meier/Schulze lebten?
Ich hockte mich in die Ecke des Büros und hörte aufmerksam dem Gespräch zu. Seit ich unsichtbar bin, ist es ein leichtes, an die Geschichten der anderen Menschen zu kommen.
Wie leichtfertig sie aber auch damit umgingen! Ich brauchte nur zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein.
Während Familie Schneider an der Lösung ihres Problems interessiert ist und Franka den Hergang schildern, wird mir klar, dass sich Franka langweilt. Sie beobachtet ihre Nägel, streicht sich behutsam eine Haarsträhne aus dem Gesicht und senkt den Blick zur Mappe, die vor ihr auf dem Schreibtisch liegt. Uninteressiert lässt sie die Familie sprechen und beschäftigt sich mit anderen Dingen. Ist sie schon immer so? Mir wird klar, dass ich nicht allzu viel von ihr weiß.
Sie ist ledig und hat einen Sohn. Ungefähr sechzehn/siebzehn Jahre alt. Sie trägt immer die neueste Mode und achtet sehr auf ihr Äußeres. Wie verbringt sie ihre Freizeit? Wer finanziert ihren Luxus? Das Gehalt, das ihr von der Firma gezahlt wird, kann nicht ausreichend sein. Hat sie ihre gepflegte Erscheinung der Unterstützung diverser Männer zu verdanken? Frankas Leben, so schien mir, war zu gleichmäßig. Keine Krankheiten, keinerlei Katastrophen. Irgendwo hatte auch sie eine Leiche im Keller. Sie musste eine Leiche im Keller haben. Jeder versteckt dort seine Toten.
Ich brauchte nur zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Dann würde mir die Leiche hämisch grinsend ins Gesicht springen. Oder aber sie freute sich, dass ich sie endlich vom tristen Dasein erlöste.
Während ich noch über Frankas verdorbenen Geheimnissen sinniere, verlassen Schneiders das Büro.
Ich befürchtete, wichtige Informationen verpasst zu haben.
Mir war nicht klar, dass ich Schneiders in den folgenden Tagen öfter sehen würde. Und ich ahnte auch nicht, inwieweit die Assistentin der Geschäftsleitung involviert war. Es stellte sich erst bedeutend später heraus, dass Köpfe rollen würden und die Vergangenheit von Franka dabei eine wesentliche Rolle spielte. Das Problem war von bedeutender Tragweite…
… doch das ist eine Geschichte, über die ich ein anderes Mal berichten werde.
(c)hh
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