Archiv für April 2008

30
Apr
08

Der Geher

Der kleine Mann, von dem ich berichten möchte, ging zwanzig Schritte vor, dann drehte er sich abrupt um und lief zwanzig Schritte zurück. Das Ganze wiederholte sich ständig.

Er trug zu kurze Hosen, seine Knöchel, die hervor lugten, waren unnatürlich geschwollen. Auf dem Kopf hatte er eine Melone, seine Jacke war ebenso wie die Hose zu klein. Schauten aus den Hosen die Knöchel, so sah man aus den Jackenärmeln die zierlichen, fast mädchenhaft wirkenden Handgelenke.
Sein Gang war hastig, eilig und er zählte die Schritte.
Natürlich war es für ihn unmöglich voranzukommen. Mit unbeweglicher Miene lief er vor und zurück.
Zwanzig mal hin und zwanzig mal zurück.
Langsam bildete sich eine Menschentraube.

„Was macht der da nur?“, fragte eine Frau. Aufgeregt zupfte sie am Arm ihres Mannes. Dann ging sie zu leichten Schlägen über, in der Hoffnung, er würde endlich antworten.
„Lass mich in Ruhe“, brummte der Mann. „Ich weiß das ebenso wenig wie du. Wahrscheinlich hat er einen Aussetzer. Oder eine andere Macke. Die haben wir doch schließlich alle. Und hör endlich auf, an mir herum zu fummeln!“
Die Frau drehte sich beleidigt weg. Sie fühlte sich unverstanden.
„Es ist doch immer das Gleiche“, dachte sie. „Ich kann sagen und machen, was ich möchte, ihm ist es nie recht. Ständig fühlt er sich belästigt. Da könnte ich mich auch in Luft auflösen, es wäre ihm gleich.“

Die vernachlässigte Frau intensivierte ihren Blick in Richtung des zwanzig Schritte gehenden Mannes. Sie wartete, bis er seine abrupte Drehung macht, dann lief sie plötzlich hinter ihm her.
Zwanzig Schritte vor, zwanzig Schritte zurück.

Ihr Mann senkte seinen Blick auf den Boden. Was hatte sie denn nur mit dem Verrückten?
Instinktiv übernahm die Frau die Schrittfolge des vor ihr gehenden Mannes. Es wirkte, als ob beide eine Figur wären. Fast bewegungslos klebte sie am Rücken des Gehers und bewegte ihre Beine im Takt der seinen.

Zwanzig Schritte vor, zwanzig Schritte zurück.
Keine Regung in ihren Gesichtern.

Ihrem Mann war es peinlich und er schaute verlegen zur seite. Er hoffte auf ein Ende dieser absurden Komödie, doch das war nicht abzusehen. Immer mehr Menschen sammelten sich und beobachteten die beiden Gehenden.
„Vielleicht sollte man die Poliizei rufen“, raunte es in der Menschenmenge.
„Wahrscheinlich ist das eher ein Fall für die Psychatrie“, flüsterte ein anderer.
„Kann vielleicht mal irgendjemand erklären, was hier vor sich geht?“ Ein ziemlich korpulenter Herr im Trägerhemd und ausgewaschenen kurzen Hosen drängte sich dazu. „Wie lange geht das denn schon so?“
Aufgeregt begannen alle durcheinander zu sprechen. Mittlerweile achteten sie nicht mehr auf die beiden Figuren, die noch immer hin und her gingen. Die Menschenansammlung war so in ihrer Ursachenforschung vertieft, dass sie gar nicht bemerken, dass die Schritte der Gehenden immer mehr wurden und sich der Abstand zu den Menschen erweiterte. Statt zwanzig Schritte vor, sind es schon mehr als fünzig. Zurück sind es weniger als zehn. Sie kamen langsam voran, doch sie kamen vorwärts.

Sie verfolgten ein gemeinsames Ziel.

28
Apr
08

Suche Urlaubsplatz

Ich habe mich entschieden.
Man sollte es nicht glauben, doch ich werde vom

20.07.2008 bis 25.07.2008
in den Urlaub fahren. Meine Wohnung wird in dieser Zeit untervermietet. Beziehungsweise freut sich mein jüngerer Bruder schon, dass er hier wohnen darf.

Der erste längere Urlaub seit dreizehn Jahren. Und obwohl es mir schwer fällt, meine Arbeit wirklich mal außer Reich- und Sichtweite zu bringen, werde ich es dieses Jahr durchziehen.
:-)

Leider weiß ich noch nicht, wohin es geht. Meer wäre schön. Hotel wäre unschön. Denn schließlich fährt Attila mit.
Ich suche also eine Unterkunft am Meer. Für mich und meinen Hund. Fern ab der ganzen Touristenhochburgen.

Hat jemand einen guten Tipp für mich?
Danke, Ihr!!

23
Apr
08

Land unter


-Bildquelle leider nicht bekannt

… manchmal möchte man sich samt nahrungsmittelfischvorrat in die tiefe begeben. dahin, wo die haie nicht folgen und man endlich fliegen lernt.

kennt ihr das auch?
was unternehmt ihr dagegen?

23
Apr
08

Verbundenheit

Vor einiger Zeit bin ich aus einer siebentausend Einwohnerstadt weggezogen. Sie wurde mir zu klein, ja fast schon zu piefig. Ich bin nicht weit gezogen, nur ca. 30 km entfernt in eine Großstadt mit 250 000 Einwohnern.
Meine Eltern und ein Bruder wohnen noch in O. Ebenso wie unzählige Bekannte, schließlich ist man dort aufgewachsen und jeder weiß über jeden Bescheid. So glaubt man zumindest.
Nach wie vor werde ich also telefonisch oder per mail über alle Geschehnisse in dieser Stadt informiert. Ich erfahre, wer erneut schwanger ist, endlich geheiratet hat (dies natürlich nicht ohne den Nachsatz: „Und du, Heike? Willst du nicht auch endlich heiraten?“, worauf meine Reaktionen Schweißausbrüche und Panikattacken sind,) und bekomme die Todesfälle sozusagen taufrisch serviert.
Die Todesanzeige meiner ehemaligen, noch nicht einmal fünfundfünzigjährigen Klassenlehrerin schockierte mich sehr. Erst kürzlich war sie bei unserem Klassentreffen anwesend. Zwar schon von der Krankheit gezeichnet, jedoch voller Mut und Zuversicht.

Nun. Gestern gaben ihr ca. 150 Trauergäste, meine Tochter und ich, das letzte Geleit.

Nicht zuletzt ein Anlass für meine Tochter (auch sie hatte Frau S. als Lehrerin) über ihre eventuelle, irgendwann in weiter Zukunft stattfindenden Bestattung, nachzudenken.

„Ich möchte, dass auf meiner Beerdigung niemand schwarz trägt!“, sagte sie mit Nachdruck.
„Und es sollen keine traurigen Lieder gespielt werden!“, führte sie fort. „Auch kann ich es nicht leiden, wenn dann alle auf dem Friedhof stehen und heulen. Wehe, du machst das, Mutti! Dann erscheine ich dir immer wieder!“

Ich konnte gar nichts dazu sagen. Denn ich hoffe von ganzem Herzen, dass meine Tochter ein langes, glückliches und zufriedenes Leben vor sich hat.

Meine verstorbene Lehrerin?

„Die Blümchen oben sind für Sie. Und ich öffne eine Flasche Prosecco und stoße auf Sie an. Denn ich bin sicher, dass Sie es so lieber haben, als an einer Krankheit elend langsam zugrunde zu gehen.“

20
Apr
08

Herr Dr. Richard Kehrencurh

- erschienen in „Pulsschläge“, 2006

Kennen Sie den Kehrencurh? Herrn Dr. Richard Kehrencurh?

Wissen Sie, wenn ich von ihm schreibe, und das mache ich wahrlich oft und zu jeder passenden und auch unpassenden Gelegenheit, bekomme ich ein warmes Gefühl in der Bauchgegend. Ich bin nicht verliebt in den Kehrencurh. Nein. Ganz und gar nicht. Zumindest gehe ich davon aus. Oder ich rede mir ein, das ich nicht verliebt in ihn bin. Das warme Strömen in der Bauchgegend hält bereits über Jahre an. Für manche meiner Bekannten und auch in meiner Familie stößt dieses langanhaltende Gefühl auf Missverständnis und Unfrieden. Dennoch lasse ich mich nicht irritieren. Ich lasse es einfach strömen.

Was könnte ich auch daran ändern. Richard und Ida waren schon seit Ewigkeiten ein Paar.

Kehrencurh ist ein alter Kritiker. Ein ständig und alles und jeden kritisierender Akademiker. Erregt er sich, schwillt die Ader an seiner Schläfe auf doppelte Größe an, und er wirkt ziemlich zornig.
Bevor er im deutschen Ordnungswidrigkeitsrecht promovierte, muss er ziemlich großzügig gewesen sein, wir mir seine Familie glaubhaft versicherte. Den Verlust seiner Großzügigkeit erlitt er eindeutig durch die Beschäftigung mit der Bürokratie. Seitdem schneidet man ihm Zugeständnisse wie Totgeburten aus einer schwangeren Stute. Alles kann man versuchen, er bleibt bei seiner ständigen Kritik, ganz gleich, um welches Theme es sich handelt.
Er kritisiert seine Schwestern, seine Mutter, seinen Vater. Er kritisiert die Politiker. Er kritisiert seine Liebste. Neulich kritisierte er sogar den Walnussbaum vor dem Haus, der ihm zu laut die Nüsse fallen ließ. Er kritisiert seinen Fußnagel, der sich aus unerfindlichen Gründen plötzlich blau färbte und sich selbst nach Ewigkeiten, so schien ihm, noch immer nicht gelöst hatte. Als er schließlich dem Nagel behilflich sein wollte und dazu mehr Zeit in Anspruch nahm, als er dieser Aktion zugestanden hatte, kritisierte er die stumpfe Schere, die ihn davon abhielt, sich anderen Geschehnissen zuzuwenden.
Seiner Liebsten beispielsweise. Sie war es, die neulich, beim üblichen Wochenendbesuch „Erika“ in Kehrencurhs Wohnung brachte.
Kehrencurh staunte nicht schlecht, als er dieses, ganz in rosa gehüllte, mit einem tonvarbenen Hut versehene Etwas erblickte. Erikas Arme wirten riesig und er kritisierte die ganze Aufmachung. Das rosafarbene Ding passte so gar nicht zu seinen Wänden.
Was sollte Erika auch in seinen Räumen? Es war kein Platz für sie und es war völlig unklar, was sich seine Liebste dabei gedacht hatte. Erika wurde platziert und so wie sie saß, so saß sie. Nur ihre langen Arme wedelten ständig vor Kehrencurh herum und verhinderten sein kritisieren. Versperrten sie ihm doch die Sicht auf den mit Nüssen um sich werfenden Baum oder auch auf seinen, nun glücklicherweise entfernten Fußnagel. Überhaupt- seine Fußnägel! Meist nutzte er nicht einmal eine Schere, sondern knipste mit den Fingern so lange herum, bis nicht nur die Nägel an den Füßen, sondern auch die an den Fingern hinüber waren. Und auch diese Aktion wurde von lauter Kritik begleitet. Gerade so, also ob seine Fingernägel auch nicht mehr das waren, was sie sein sollten.

Nur selten wagt sich Kehrencurh aus seinen Räumen. Begibt er sich dennoch auf die Straße, geschehen wundersame Dinge. Einmal fiel ein Stein vom Himmel und verfehlte den Kehrencurh nur knapp. Natürlich kritisierte er die Fallgeschwindigkeit des Steines und erstellte eine Berechnung, nach der der Stein ihn getroffen hätte, wenn er nicht durch eine Kritik im TV aufgehalten worden wäre. (Im nachhinein stellte sich heraus, dass ein Arbeiter auf dem Dach des Hauses die Ursache war. Ihm glitt versehentlich ein Ziegel aus den Händen.)
Jedenfalls fiel der Stein vom Himmel und zwang Kehrencurh zurm innhalten. Er stand also auf dem Bürgersteig und betrachtete die vorüber eilenden Passanten. Fragen Sie mich bitte nicht, weshalb er nicht einfach über den Stein stieg und weiter seines Weges zog. Selbstverständlich kritisierte er, dass niemand den Stein entfernte. Er selbst konnte sich allerdings auch nicht dazu überwinden und blieb, wie vom Stein getroffen, regungslos stehen. Besonderes Augenmerk legte er, wie sollte es auch anders sein, auf die Damen, die seinen Weg kreuzten.
Kehrencurh brummelte unverständliches Zeug.
„Ich möchte mal wissen…..“

- fortsetzung folgt.

18
Apr
08

Cees Nooteboom

… manchmal, in merkwürdigen Momenten, treibt es mich zu „Allerseelen“. Ich kenne das Buch so gut, dass ich es ohne Hilfe zitieren könnte. Ich kenne es so gut, dass ich auf anhieb die Seiten finde, die zur jeweiligen Stimmung passen.

Auszug, Seite 22:

Arthur Daane mochte Menschen, die, wie er es ausdrückte -mehr als nur eine Person waren-, und ganz besonders, wenn diese verschiedenen Personen gegensätzlich zu sein schienen. In Victor wohnte eine ganze Gesellschaft unter einer Fassade vorgetäuschter Nonchalance. Ein Pianist, ein Bergsteiger, ein kühler Beobachter des menschlichen Tuns, ein wagnerianischer Dichter mit Blut und Feldherren, ein Bildhauer und ein Erschaffer äußerst rhetorischer Zeichnungen, die zuweilen nur aus wenigen Strichen bestanden und deren Titel, auch jetzt noch, offensichtlich etwas über den Krieg sagen wollten, der schon so lange verschwunden war.

17
Apr
08

Teuflische Liebe

-Bildquelle leider nicht bekannt

heute morgen gegen zwei Uhr habe ich den Teufel kennengelernt.

Er hielt ein Seminar zum Thema „Schätze der Erde“. Das Ganze fand in einem Seminarraum unseres Firmenhotels statt. T. (Ich nenne ihn von nun an einfach: T.) war ca. 1,95 groß, 90 kg schwer und hatte sehr kurze Haare. Sein Anzug war nicht von der Stange, die Schuhe aus edlem Leder. Sein linkes Bein hielt er im Hintergrund.
T. begann also über Erze und ähnliches zu referieren. Dann verlegte er das Seminar nach draußen. Wir stiegen auf einen hohen Berg, ich war intensiv in ein Gespräch mit ihm vertieft. Als ich mich umschaute, bemerkte ich, dass uns keiner der ursprünglichen Teilnehmern mehr folgte.

T. sah mir tief in die Augen und begann sich zu entkleiden. Wie gebannt starrte ich in sein Gesicht, schließlich senkte ich meinen Blick. Er entblößte eine muskulöse, rasierte Brust.
Dann wandte er mir den Rücken zu und ein riesiges tattoo wurde sichtbar. Das Auge der tätowierten Gestalt auf seinem Körper bestand aus einem Edelstein und schien meinen Blick festhalten zu wollen. Es lebte.

Ich bekam Angst.

Allein mit dem Teufel auf einem Berg, dieser halbnackt. Was sollte das nur aussagen?


Glücklicherweise erwachte ich.
Ein schmerzhafter Migräneanfall hatte mich heimgesucht.

16
Apr
08

Spontane Telefonaufzeichnung


-Bildquelle leider nicht bekannt

… soeben am telefon mit sabine:

Sie: „ich will ja nicht stören.“
Ich: „ach komm, ich mail dir jetzt mal ein Glas Wein rüber.“
Stille.

Anmerkung des Verfassers: Sabine kramt in ihrer Wohnung nach einer Flasche Wein. Wahrscheinlich ist die mail nicht angekommen. Blöder eins und eins server, ständig hängt dieses Ding.
Leider findet sie: „Nichts.“ Stattdessen legt sie mich im Bad auf den Wannenrand, ohne daran zu denken, dass das Telefon nass werden könnte, hängt ihren Kopf unter die Dusche und wäscht zum dritten male in drei Tagen ihre Haare. Was treibt sie nur damit?

Ich: „Es kann doch nicht so schwer sein. Ich hätte gern einen Mann mit Hirn!“

Statt einer Antwort höre ich es plätschern und entferntes Murmeln. Sabine erzählt irgendetwas von einer Haarbürste, die nicht mehr in ihrem Besitz ist. Eine aus ihrer Familie hat sie mitgenommen. Nun wird sie nicht mehr Herr ihrer Haare. Ich warte noch immer auf einen zustimmenden Kommentar bezüglich meiner männlichen Hirnsuche. Doch ich glaube, da kommt nichts mehr. Denn Sabine murmelt abschließend:
„Geh lieber schlafen!“

:-)

14
Apr
08

Rückzug


-Bildquelle leider nicht bekannt

Es gibt einiges, das erledigt werden sollte.
Ich muss mich endlich wieder an das Manuskript setzen. Die Figuren neu ordnen, am Plot arbeiten, Farbe, Form und Gestaltung sortieren.
Es gibt Bücher zu lesen, die Balkonkästen müssen bepflanzt und meine Seele aufgeräumt werden.

Einen Besuch meines Lieblingskunsthändlers gibt es zu absolvieren, die „erneute Sitzung“ beim Lieblingsmaler ist noch offen. Es ist interessant zu sehen, mit welchem Blick er mich betrachtet und schließlich mit Kohle auf Pergament zeichnet.

Freunde rufen an und fragen, wann ich mich endlich wieder ein paar Tage frei machen kann.

Und ein Espresso steht noch aus. Einen, den ich mit dem Mann, an den ich immer denke, wenn es über dem Dach meines Schlafzimmers hagelt, stürmt und schneit, genießen werde.

Ich?
Was möchte ich?
Was möchte ich im Ganzen?

Rückzug.

13
Apr
08

Die Unsichtbare

immer sitzt irgendetwas im nacken

Sei es der Tod, der früher oder später das Leben ablöst, oder das Leben und der Alltag an sich.
Es wird gezogen, gezerrt, gestoßen, gerüttelt und gefordert.
Aber vielleicht ist es auch Auslegungssache und ein anderer empfindet das Leben als

eine einzig große
Langeweile.

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich unsichtbar wurde.

Vielleicht war es ein schleichender Prozess, vielleicht war es aber auch eine Eingebung, die sich über Nacht einstellte.
Vielleicht war es auch der Moment, als ich inmitten einer überlaufenen Fußgängerzone eine Passantin ansprach und sie nach dem Weg fragte, sie jedoch, ohne auch nur eine winzige Reaktion zu zeigen, einfach weiterlief. Es ist durchaus anzunehmen, dass ich das als Zeitpunkt benennen kann, in dem ich mit aller Konsequenz, die ich fähig und willens war, beschloss, endlich nicht mehr sichtbar zu sein. Allerdings war ich mir noch immer nicht ganz sicher, ob ich nicht bereits unsichtbar war und der Passantin mit meiner Behauptung unrecht tat.

Früher hatte ich ähnliche Erfahrungen. Meldete ich mich zu Wort und hatte etwas mitzuteilen, übersah und überhörte man mich. Ich probierte einiges, um mir Gehör zu verschaffen, so hob ich beispielsweise meine Stimme, weil hohe Frequenzen, und die damit verbundenen Geschehnisse, eindrucksvoller im Gedächtnis bleiben, doch auch das war vergebens. Weder sprang eine Glasscheibe, noch splitterte ein Spiegel. Man sah mich einfach nicht. Es schien, als sei ich nicht vorhanden. Nie wusste ich genau, ob ich noch sichtbar war. Kam es ganz schlimm, fiel man mir ins Wort und erzählte von seinen eigenen Begebenheiten. Spätestens dann verstummte ich, denn haben Sie einmal beobachtet, wie schwer es ist, wenn mehrere Parteien gleichzeitig sprechen? Einer ist besser als der andere. Und dann gibt es noch die, die ganz perfekt sind.

Nun ist es ja bisweilen äußerst vorteilhaft, wenn man nicht gesehen oder gehört wird. Warum also sollte ich mir das nicht zu nutze machen? Es war zwar unmöglich einzuschätzen, wie sich die Umwelt mein plötzliches Verschwinden erklären würde, doch das konnte mir gleich sein, ich würde nicht mehr gefragt werden, ich war endgültig, oder zumindest für einen langen Zeitraum, unsichtbar. Da ich seit Ewigkeiten allein lebte und nur sporadisch Kontakt zu weitläufig Bekannten hielt, war Besorgnis von dieser Seite nicht zu befürchten.
„Sie ist schon eine ganze Weile etwas schrullig und lebt äußerst zurückgezogen.“ würden sie sich untereinander verständigen.
Und: „Lassen wir sie in Frieden, sie wird sich schon wieder melden.“
Meiner Unsichtbarkeit stand somit nichts im Wege. Natürlich gab es einiges zu bedenken. Könnte ich meine monatliche Miete und alle anderen Kosten zahlen, ohne eine finanzielle Einnahmequelle zur Verfügung zu haben? Es galt den Postboten zu überzeugen, sämtliche Pakete mit Lebensmitteln, oder all den anderen benötigten Artikeln, die ich aus dem Internet bestellen könnte, vor der Tür abzulegen, denn schließlich kann ich als Unsichtbare keine Unterschrift leisten und den Empfang bestätigen, doch würde der Postbote ohne nachzufragen meine Wünsche erfüllen?
Ich hatte Bedenken, mich zu strafbaren Handlungen hinreißen zu lassen, wenn meine Ersparnisse aufgebraucht wären. Als Unsichtbare ist es ein leichtes, in eine geöffnete Bank zu laufen und in den Tresor zu greifen.
Meiner Berechnung zufolge könnte ich ca. 2 Jahre unbeschwert leben, mir Gedanken um meine Finanzen machen zu müssen. Aber auch Einschränkungen kämen auf mich zu. Ich könnte nicht mehr mit meinem Wagen unterwegs sein, ich wäre unsichtbar hinter dem Lenkrad.
Das hat zwar den großen Vorteil, dass ich, bei sämtlichen Geschwindigkeitsüberschreitungen nicht mehr herangezogen werde, früher oder später würde ich jedoch auffliegen. Ich müsste mich mit der Bahn fortbewegen oder auch in den Flieger steigen. Beides Dinge, die ich äußerst ungern mache. Dagegen standen all die Vorteile, die eine Unsichtbarkeit mit sich bringen würde.
Vielleicht wäre es mir nun auch endlich möglich, einen Roman zu schreiben. Das ruhelose hin und herlaufen hörte auf und ich könnte meine ständige Suche nach genialen Kunstgriffen einstellen. Die Geschichten würden mir sozusagen in meine weit geöffneten Augen und Ohren fliegen und ich bräuchte sie nur noch umzusetzen.

Ich könnte jetzt sogar unbemerkt in die Wohnung meines Nachbarn. Ich könnte überhaupt in jede Wohnung an jeden Ort, an den ich möchte. Es wäre ein leichtes, mit meinen Freunden oder Feinden am Frühstückstisch zu sitzen. Ich könnte ihnen unbemerkt Zucker statt Salz auf das Frühstücksei streuen oder ich könnte unliebsamen Personen in den Kaffee spucken. Sie würden ihn trinken, über mich sprechen und ich säße daneben. Sie würden es nicht bemerken und sich den verdorbenen Kaffee schmecken lassen.
Es wäre möglich den Politikern auf die Finger zu schauen. Ich würde hören, wie sie sich über die Ignoranz der Menschen amüsierten, die mit der Fußballweltmeisterschaft beschäftigt sind und nicht bemerken, dass ein völlig neuer politischer Kurs eingeschlagen wird. Das Erwachen wäre schmerzhaft, aber nicht zu ändern. Da sie sich noch im Nachrausch der Spiele befänden, fiele es ihnen vielleicht weniger schwer als im Normalfall. Wen interessiert schon die Erhöhung der Mehrwertsteuer, wenn sich deutsche Flaggen auf Vorrat in ihren Schränken befinden und man vom Crackervorrat gut ein paar Monate leben kann. Wobei das an und für sich nichts Besonderes ist. Ob die Politiker eine Fußballweltmeisterschaft nutzen oder andere Geschehnisse heranziehen, um von den Reformen abzulenken, was machte es schon aus. Das Volk wird beschäftigt, damit sämtliche Pläne einigermaßen unbemerkt beschlossen werden können.

Jetzt jedenfalls, während meiner unsichtbaren Phase, könnte ich der Kanzlerin beim auftragen ihres make up zuschauen und ich wüsste, wieso sie, seit sie den Posten der Kanzlerin innehat, bedeutend attraktiver wirkt. Die Erklärung, es läge an ihren Beratern, erschien mir zu einfach. Macht Macht also schön? Überhaupt könnte ich Gewaltiges in Erfahrung bringen, doch ich würde klein beginnen. Vorerst interessierten mich keine Kanzlerin, keine bespitzelten Politikerinnen oder homosexuelle Minister.

Als ich nach einer Jeans und dem liegen gebliebenen Männerhemd greife, das ich wie ein Relikt behandele und das auch mittlerweile so aussieht, fällt mir wieder ein, dass ich keine Kleidung mehr benötige. Ich bin unsichtbar. Kleidung würde mich verraten. Ich schließe den Schrank und freue mich, dass meine Unsichtbarkeit mitten im Sommer eingetreten ist. Gleichzeitig frage ich mich, wie ich den kalten Winter überleben soll, barfuss und nackt.
Ich laufe nackt durch die Straßen und keiner schenkt mir Beachtung. Meine Brüste, die langsam der Erdanziehung nachgeben und meine Oberschenkel, die unschöne Streifen und Löcher aufweisen, interessieren niemanden. Ich bekomme ein völlig neues Körpergefühl. Vielleicht könnte man nacktes umherlaufen zum Trend erklären. Ein schöner Gedanke. Stellen Sie sich die nackten Politiker im Bundestag vor. Nur mit einer Zigarette bekleidet im Raucherzimmer. Könnte man zusätzlich noch in ihre Köpfe kriechen und wäre in der Lage, die Aktionen in ihren Hirnwindungen zu deuten, hätte man bedeutend weniger Probleme mit ihnen.

Auf dem Weg zum Büro schaue ich in die Gesichter der vorübereilenden Menschen.
Plötzlich rennt ein dünner Mann mit halblangen Fadenhaaren über die Straße. Er schaut nicht zur Seite und auch nicht zurück, obwohl hinter ihm eine etwas kräftigere Frau mit dunklem Haar laut schreit. „Ha!“ ruft sie und läuft ihm nach, „Ha!“. Immer wieder schreit sie diese zwei Buchstaben und zeitgleich mit ihrem „Ha!“ stolpert sie als ob sie ausrutschen und jeden Moment hinfallen würde.
Der Mann vor ihr würdigt sie keines Blickes.
Ich überlege einen kurzen Moment, der Frau oder auch dem Mann ein Bein zu stellen. Liegend hätten sie endlich Zeit, sich miteinander zu beschäftigen.
Die beiden rennen schreiend weiter.
Im Büro angekommen schlüpfe ich durch die geöffnete Tür in das Büro von Franka. Die Assistentin der Geschäftsführung sitzt vor ihrem Schreibtisch, hat die Beine auf die Glasplatte gelegt und zieht sich, einen Handspiegel vor dem Gesicht haltend, die Lippen nach.
Dann nimmt sie die Beine vom Tisch, greift in ihre Handtasche, wirft den Lippenstift achtlos hinein und holt etwas anderes heraus, das sie mit einem Glas Wasser hinunter spült.
Nimmt sie heimlich Medikamente? Ich beschließe in ihrer Tasche nachzusehen, sobald sie den Raum verlassen hat.
Die Tür zum Büro öffnet sich und die Sekretärin steckt den Kopf herein:
„Entschuldige Franka“, sagt sie. „Herr und Frau Schneider sind soeben eingetroffen.“
„Einen Moment noch, ich bin gleich soweit“
Franka schließt die Handtasche, rückt ihre Bluse gerade und setzt sich aufrecht.
„Schick sie herein“, sagt sie durch die Sprechanlage ins Vorzimmer.
Eine Frau, deren Hinterteil so ausladend wie ein Schrank ist, betritt den Raum, im Schlepptau hat sie ihren Mann.
Ich kenne die Familie, ich war oft im Rahmen eines Kundenbesuches bei ihnen. Wenn Frau Schneider sitzt, sieht man ihr Gesäß bei weitem nicht in aller Grausamkeit, geht sie jedoch ein paar Schritte, wackelt dieser Schrank, als würde sich die Frau auf einem Schiff im schlimmsten Seesturm befinden. Ihr Oberkörper ist aufrecht und ganz steif und im Grunde überhaupt nicht dick. Ihr Unterteil jedoch scheint ein Eigenleben zu führen und selbstständig zu entscheiden, in welche Richtung es wackelt.
Als ich sie damals besuchte, begann Frau Schneider zu weinen. Es war schwer, ihr mein Anliegen zu erläutern. Zwischen dem Tränenfluss, der sich sintflutartig aus ihren Augen ergoss, erzählte sie mir, dass ihr Mann sie verlassen hatte.
Er besaß die Frechheit, sie einfach einzutauschen. Gegen ein Knochengerüst.
Auch seine neue Freundin kenne ich, zu allem Übel waren die beiden Frauen miteinander befreundet. Wirkt die Frau mit dem ausladenden Hinterteil in ihrer Erscheinung wie ein ganzes Schiff, so scheint die neue Frau ein dünner Mast auf eben diesem Schiff zu sein.
Jahrelang hatten sich die beiden Frauen unterstützt. Erlitt einer von ihnen finanziellen Engpass, half der andere aus. Sie saßen oft zusammen, erzählten und feierten im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Alles wurde geteilt.
Der Mann, der Glückliche, hatte nun beide Frauen.
Seine dicke Ehefrau war unglücklich und weinte dem Mann und ihrer ehemaligen Freundin hinterher, denn die dünne Frau war für sie nicht mehr zu sprechen.
Unter schluchzen fragte mich damals Frau Schneider, für wen sie nun Kohleintopf mit Rippchen kochen sollte? Überhaupt sei die ewige Kocherei daran schuld, dass sie ihren Mann verloren hatte, erzählte sie mir. Das ist doch gar kein Wunder. Immer steht sie am Herd. Soll sie das etwa in einem schönen Kleid machen? Es ist ein Teufelskreis.
Einmal schickte sie ihn Rippchen kaufen und beim Metzger hätte er ihre Freundin getroffen, mit der er dann zu ihr nach hause gegangen sei. Hätte sie ihn mal nicht dahin geschickt, sagte sie. Wäre sie mal lieber mitgegangen, sagte sie, dann hätte sich die Dünne nicht an ihren Mann heran gemacht. Die Dünne war doch auch früher schon mal alleine mit dem Mann gewesen und da war doch auch noch nichts. Oder vielleicht doch und sie hatte es gar nicht bemerkt? Ich hörte mir diese Litanei eine ganze Weile an, dann erhob ich mich, ging in die Küche, nahm eine ganze Rolle Küchenpapier aus dem Papierhalter, reichte sie der weinenden, dicken Frau und hoffte auf ein Ende der Heulerei. Stattdessen erblickte sie die Menge der noch zu benutzenden Küchentücher und bekam einen weiteren Weinkrampf. Ich konnte ihr nicht helfen und verließ schließlich die Wohnung.
Der Besuchsauftrag blieb ungeklärt. Sie ließ mich einfach nicht zu Wort kommen. Dabei war es mehr als wichtig, der Angelegenheit nachzugehen, die sich auf meinem Schreibtisch herumdrückte.

War das der Grund, weshalb die Familie nun im Büro war?
Aber wieso war Herr Schneider gemeinsam mit seiner Frau erschienen? Hatten sie sich wieder versöhnt? Oder führten sie eine „offene“ Beziehung? Wäre ich schon früher unsichtbar gewesen, wüsste ich es. Denn sicher hätte ich die Schneiders heimlich aufgesucht, um zu sehen, wie sich alles entwickelte. Und schon stellte ich es wieder in Frage. Würde ich wirklich wissen wollen, wie all die Schneiders/Lehmanns oder Müller/Meier/Schulze lebten?
Ich hockte mich in die Ecke des Büros und hörte aufmerksam dem Gespräch zu. Seit ich unsichtbar bin, ist es ein leichtes, an die Geschichten der anderen Menschen zu kommen.
Wie leichtfertig sie aber auch damit umgingen! Ich brauchte nur zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein.

Während Familie Schneider an der Lösung ihres Problems interessiert ist und Franka den Hergang schildern, wird mir klar, dass sich Franka langweilt. Sie beobachtet ihre Nägel, streicht sich behutsam eine Haarsträhne aus dem Gesicht und senkt den Blick zur Mappe, die vor ihr auf dem Schreibtisch liegt. Uninteressiert lässt sie die Familie sprechen und beschäftigt sich mit anderen Dingen. Ist sie schon immer so? Mir wird klar, dass ich nicht allzu viel von ihr weiß.
Sie ist ledig und hat einen Sohn. Ungefähr sechzehn/siebzehn Jahre alt. Sie trägt immer die neueste Mode und achtet sehr auf ihr Äußeres. Wie verbringt sie ihre Freizeit? Wer finanziert ihren Luxus? Das Gehalt, das ihr von der Firma gezahlt wird, kann nicht ausreichend sein. Hat sie ihre gepflegte Erscheinung der Unterstützung diverser Männer zu verdanken? Frankas Leben, so schien mir, war zu gleichmäßig. Keine Krankheiten, keinerlei Katastrophen. Irgendwo hatte auch sie eine Leiche im Keller. Sie musste eine Leiche im Keller haben. Jeder versteckt dort seine Toten.
Ich brauchte nur zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Dann würde mir die Leiche hämisch grinsend ins Gesicht springen. Oder aber sie freute sich, dass ich sie endlich vom tristen Dasein erlöste.
Während ich noch über Frankas verdorbenen Geheimnissen sinniere, verlassen Schneiders das Büro.

Ich befürchtete, wichtige Informationen verpasst zu haben.
Mir war nicht klar, dass ich Schneiders in den folgenden Tagen öfter sehen würde. Und ich ahnte auch nicht, inwieweit die Assistentin der Geschäftsleitung involviert war. Es stellte sich erst bedeutend später heraus, dass Köpfe rollen würden und die Vergangenheit von Franka dabei eine wesentliche Rolle spielte. Das Problem war von bedeutender Tragweite…

… doch das ist eine Geschichte, über die ich ein anderes Mal berichten werde.

(c)hh




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