
-Bildquelle leider nicht bekannt
Da sitzen sie also. Verwachsen mit ihren Stühlen. Die Köpfe gehen nach rechts. Nach links. Die Münder kleben an den Ohren des Nachbarn. Hält einer der lebenden Toten eine Kamera in die Höhe, setzt sich ein besonders gut erhaltenes weibliches Exemplar aufrecht und verfällt in einen todesähnlichen Schlaf. Erst wenn die Kamera verstaut ist, sieht man sie ihren Mund an ein weiteres Ohr heften. Später tanzt sie. Sie fühlt sich allein auf der Tanzfläche. Sie fühlt sich gut dabei. Sie fühlt sich noch besser, als die Kamera erneut auf sie gerichtet wird. Ihr Körper schwingt. Die Brüste beben im Takt der Musik. Die Hüfte schiebt sich nach vorn. Ihre Stiefel öffnen sich. Sie bückt sich nach unten, um sie zu schließen. Dabei bewegt sich ihr Hintern aufreizend. Sie verzieht keine Miene. Die Jungen schauen hin und wie ertappt wieder weg.
Manche der lebenden Toten wackeln so heftig mit ihren Köpfen, dass ich jeden Moment befürchte, sie würden vom Hals auf den Tisch fallen, ein wenig hin und her rollen und schließlich auf den Boden kullern.
Es ist wie in der Schulzeit. Die Mädchen sitzen sich am hinteren Ende des Tisches gegenüber, die Jungen auf der anderen Seite. Alle Plätze sind belegt, eng auf Tuchfühlung bedacht pressen sie sich aneinander. Einer riecht den Körpergeruch des anderen. Kein Platz mehr für eine ZuspätKommende. Nun, es war schon früher so, die Jungs waren mir am liebsten. Unkomplizierter und weniger zickig. Die Freude offen zeigend. Den Ärger ebenso.
So sitze ich schließlich als einziges Mädchen am anderen Ende des Tisches bei den Jungen. Mein Kopf geht nach rechts, nach links und wieder von vorn. Ich fürchte, dass er mir vom Hals fällt.
Es ist ungerecht, meine ehemaligen Schulfreunde als lebende Leichen zu bezeichnen. Sie haben sich durchweg gut gehalten. Die eine etwas kräftiger, die andere fast magersüchtig. Diese Klassen- oder Jahrgangstreffen bereichern die FriseurInnung ungemein.
Einige der Jungen wurden zum Mann. Die Gesichtszüge ausgeprägter, die Haare dünner oder gar nicht mehr vorhanden. Den meisten sieht man an, dass sie gern essen und nicht auf das Bierchen verzichten. Die Stillen sind noch immer still. Die Lauten lauter. In meinem Kopf beginnt es zu arbeiten.
Habe ich in einen Spiegel geschaut und die Normalität entdeckt? Haben sich die geführten Gespräche in mein Hirn gebrannt?
„Mein Haus. Mein Boot. Mein tolles Einkommen. Mein Mann. Meine Kinder. Unser Urlaub.“
Immer und immer wieder. Pflichtbewusst antworte ich: „Das ist ja toll. Fein. Prima. Da hast du es gut getroffen.“
Oder die andere Version:
„Ich bin nur auf Arbeit. Werde gemobbt. Aber was soll ich dagegen unternehmen?“ Ich habe wenig Lust, die verschiedenen Möglichkeiten aufzuzeigen. Schließlich bin ich zu Gast im Haus der lebenden Toten und möchte diesen Abend nicht mit endlosen Diskussionen verbringen.
„Und du? Wie geht es dir?“
„Mir geht es gut, danke. Was soll ich groß darüber berichten.“
Pause. Stille. Die muss doch mehr zu erzählen haben?
„Na ja, und sonst? Ich habe gehört, du schreibst? Das hätte ich dir nicht zugetraut.“
Endlich mal ein wenig Ehrlichkeit. Und Neid. Den kleinen Seitenhieb nicht zu vergessen.
„Ja“ antworte ich. „Aber ich habe nicht ohne Grund ein Pseudonym gewählt. Das war jemand anderes. Ich kann mich also gar nicht weiter dazu äußern.“
Das von mir erhoffte Schweigen bleibt aus. So einfach kapitulieren sie nicht.
„Bist du verheiratet?“ Um diese Frage zu verharmlosen folgt der Nachsatz. „Sicher bist du das, wir sind es auch alle.“ Was hat deren Ehe mit meiner nicht vorhandenen Ehe zu tun?
„Nein. Ich war nie verheiratet und werde auch nicht heiraten.“
Sie versuchen erneut, mich in ein Gespräch zu verwickeln und erwarten mit hoher Wahrscheinlichkeit bildhafte Schilderungen über meine zahllosen Enttäuschungen. Irgendwoher muss meine Einstellung kommen.
„Es gibt keinen Grund dafür“ entgegne ich bereits leicht gelangweilt. „Ich kann weder schlecht über einen meiner Männer sprechen, noch habe ich eine andere Erklärung.“
Unverständnis bei den ehemaligen Mädchen. Die muss doch was zu erzählen haben. Schließlich sind inzwischen 25 Jahre vergangen. Was stellt die sich so an? Schon in der Schule war die so verstockt, wenn sie nicht sprechen wollte. Mit uns hat sie sich kaum abgegeben. Sogar hinter die Kirche haben wir sie damals gelockt, in der Absicht, sie zum weinen zu bringen. Keinen Ton bekam man aus ihr heraus.
Ich kann die Gedanken förmlich lesen.
Das Gespräch ist beendet. Der Mädchenschwarm geht zischelnd und summend wieder zum Tisch und gibt sich erneut der Tuchfühlung hin. Ich atme aus. Das wäre also auch überstanden.
Ich fühle mich gut auf meinem Platz an der Bar. Begrüße diesen und jenen. Betrachte die ehemaligen Schüler und Lehrer. Ich rauche zuviel. Ich lache zuviel. Mir ist es gleich, ob mein Lidstrich noch an der vorgesehen Stelle heftet, der flüchtig aufgetragene Lippenstift vorhanden ist oder ob meine Haare inzwischen auf Krawall stehen.
Ich fühle mich lebendig.
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