Archiv für August 2008

30
Aug
08

Heute morgen

… ist hier alles still. Sogar die Vögel schweigen. Und das Laub am zugewachsenen Haus bekommt die ersten farbigen Tupfer.

Ich vergaß, nach meinem Einzug in die neue Wohnung, die genau gegenüber des alten Hauses liegt, die Jahreszeiten fotografisch festzuhalten.

Nun – beginne ich eben jetzt damit und hoffe, dass das Dach des Hauses die nächsten Wechsel durchhält. Es ist schade um das alte Haus, würde es zusammenfallen. Doch vielleicht sind es auch die Blätter, die den Halt bieten.
Keiner weiß, was darin vor sich geht. Niemand hat bisher einen Blick hinein geworfen.

Manchmal stelle ich mir vor, ich würde darin wohnen. Ich ließe es so bewachsen. Statt eines Daches müsste man mir allerdings eine Fensterfront installieren. Also ein „durchsichtiges“ Dach. Der Blick in den Himmel. Zu Großmutter. Und all den Anderen.

Ist so etwas eigentlich machbar, Herr Dachdecker Lutz?
:-)

24
Aug
08

Geschwindigkeit


-

Sie verstehen sicher, dass ich auf die Geschwindigkeit, bei der ich am besten schreiben kann, nicht näher eingehen werde. Erst kürzlich erhielt ich ein weiteres Strafmandat bezüglich der vollzogenen Geschwindigkeitsüberschreitung.
Jedenfalls legte ich mir eigens zu diesem Zweck eine stabilere Mappe zu als es die handelsüblichen erlauben. Diese halb auf meinem Schoß, halb aufs Lenkrad gelehnt, schreibe ich. Die Vibrationen des Basses, spürend als Luftzug in Höhe des linken Knies.
Vorbei fliegende Bäume.
Zuvor schrieb ich lange Zeit auch auf Bahnhöfen, für meine Bekannten unverständlich.
„Bitte alles aussteigen, dieser Zug endet hier. Es bestehen Anschlussmöglichkeiten in folgende Richtungen…“
Irgendwann hatte ich mir angewöhnt, morgens gegen neun mit meinen Schreibutensilien am Bahnsteig zu erscheinen. Meist setze ich mich auf einen dieser Stühle aus Metall, bei denen ich immer befürchte, dass sie einen Abdruck auf meiner Kleidung hinterlassen. Die Blicke der Anwesenden stören mich nicht, das kalte Metallgitter ebenso wenig.

Wissen Sie, ich sitze einfach nur da und halte regungslos Bleistift und Papier. Eine eigenartige Stimmung überkommt mich, während ich da warte, als ob ich auf einen Zug warte. Als ob ich auf einen Menschen warte, der aus eben einem Zug steigen wird. Ich bewege mich kaum, nur meine Augen blicken interessiert auf die Reisenden und Wartenden, die in ihrer Unruhe in Bewegung sind. Alles ist in Bewegung begriffen, Züge fahren ein, Züge fahren aus. Sie spucken die Menschen auf den Bahnsteig, die mit dem Geruch einer langen Reise und langem regungslosen Innehalten behaftet sind. Nach einer Zugfahrt tragen Reisende immer diesen Duft am Körper.
Nirgends sonst riecht man die eigenartige Mischung aus Schlaf und Schweiß, Rauch und etwas anderem, was ich nicht definieren kann. Belegte Brote vielleicht. Und hart gekochte Eier. Manchmal riecht es auch nach Apfel. Nach frischem, gerade erst verzehrten Apfel. Manche Menschen eilen auf die, auf sie wartenden Bekannten zu. Andere steigen eher zögerlich aus den Abteilen, gerade so, als ob sie weiter reisen möchten und sich nicht über die Ankunft freuen. Verliebte fallen sich in die Arme, Töchter eilen lachend auf ihre Mütter zu und Väter nehmen stolz die erwachsenen Söhne in den Arm. All das bemerke ich und möchte es festhalten.
Die Bewegung möchte ich halten, die Menschen, die wechselnden Gestalten. Die unterschiedlichen Charaktere mit den so ganz verschiedenen Lebensläufen. Ich denke mich in die Menschen, die ich sehe.
Ein Herr Ende vierzig steht mit einer einzelnen roten Rose und zupft nervös an seiner Krawatte. Kennt er die Dame bereits, auf die er wartet? Sehen sie sich das erste Mal? Wie werden sie sich begrüßen? Er hat sich herausgeputzt für den Auftritt am Bahnsteig.
Neben ihm tritt ein junges Mädchen mit kräftig überschminkten Augen vom rechten Fuß auf den linken Fuß, winkelt das Bein, stellt es auf einen kleine Vorsprung. Sie stellt das Bein zurück auf den Boden, winkelt das andere an, tritt vom rechten Fuß auf den linken und wieder zurück und blickt erneut auf ihre Armbanduhr. Sie streicht die Haare aus dem Gesicht, die ihr immer wieder dahin zurück fallen, steckt die Hände in die Taschen, sieht auf ihr Handy, tippt darauf herum, verstaut es zurück in ihre Tasche und blickt wieder auf die Uhr am zierlichen Handgelenk. Ein Pärchen betritt den nahegelegenen Bahnhofskiosk, die Frau bestellt sich einen Kaffee, der Mann wirft gleich nach dem eintreten Münzen in einen Spielautomaten.
Sie, die Frau mit dem Kaffee in der Hand ist eine sehr gepflegte Erscheinung und trägt modische Kleidung. Er, der Mann am Spielautomat, der ihn unermüdlich und zur Freude der Frau hinter dem Tresen, mit neuen Münzen füttert, trägt verschlissene alte Jeans, dreckige Schuhe und sollte seine Münzen besser in einen neuen Haarschnitt investieren.
Nach einer ganzen Weile, die Frau hat längst ihren Kaffee getrunken, verlassen die Beiden die Imbissstube und begeben sich aus der Bahnhofshalle. Weitere Reisende schleppen ihre übergroßen Taschen in leicht schief gebeugter Haltung den Bahnsteig entlang. Ab und an machen sie Halt, wechseln ihr schweres Gepäck und setzen sich erneut in Bewegung. Manche von ihnen bemerken die Frau auf dem metallenen Stuhl, werfen ihr einen flüchtigen Blick zu und eilen weiter.
Begebe ich mich auf meinen Weg zum metallenen Stuhl, komme ich in der Bahnhofshalle an einem Café vorbei. Immer überkommt mich Verlangen nach frisch gebrühtem Kaffee und knusprigen Baguette, obwohl ich mich doch gerade vom reichlich gedeckten Frühstückstisch erhoben habe. Immer überkommt mich auf Bahnhöfen Hunger. Im Grunde unnötig. Und dennoch, manchmal erliege ich der Versuchung. Dann beiße ich verstohlen von dem erworbenen Baguette. Später rauche ich eine Zigarette, sitze einfach nur da und warte. Ich genieße die Bewegung, während ich selbst ruhig und in gleichmäßigen Zügen den Rauch inhaliere und wieder aus stoße. Ich sehe die Menschen kommen und gehen, lachen und weinen, sich zornig und liebend begrüßen und verabschieden.

Ich weiß nicht mehr, wann ich die Leidenschaft des schnellen Schreibens in meinem Wagen entdeckte. War es, als die Bahnhöfe für mich ihren Reiz verloren? Das Schreiben im Wagen. Die Vibrationen des Basses am linken Knie spürend.

Vor mir fährt Frau Christine Tochterhagen. Ich kenne sie von meinen unzähligen Geschwindigkeitsfahrten übers Land. Ohne uns groß verständigen zu müssen, halten wir meist an der nächst gelegenen Raststätte, um uns zu begrüßen. Dann erzählt sie von ihrem Mann, von ihrem Leben.
Ich habe den Verdacht, dass sie auf der Flucht ist und ihr Leben hinter sich lassen möchte. Oder ihrem Leben immer mehrere Stundenkilometer voraus eilt.
So auch heute. Flüchtig umarmen wir uns. So flüchtig, als wäre unsere letzte Begegnung erst gestern gewesen.
Es ist ein eigenartiges Verhältnis zwischen uns Frauen. Wir begegnen uns bereits über einen längeren Zeitraum und tauschen unsere Gedanken miteinander.
Dennoch ist es, als ob uns irgendetwas davon abhält, unsere Gespräche auch außerhalb des Geschwindigkeitsrausches fortzusetzen und die Begegnungen freundschaftlicher werden zu lassen.
Sie berichtet mir von dem Mann, den sie liebt.

In mir wirkt die Erzählung von Frau Christine Tochterhagen nach, mein Espresso ist längst kalt. Ich weiß, er, der Mann von Frau Christine Tochterhagen wird oft ausfällig und beschimpft seine zierliche Gattin.
„Wissen Sie, “ sprach Frau Tochterhagen,
„Es gibt Tage, da habe ich das Gefühl, aus der Wohnung flüchten zu müssen. Mein Ehemann schenkt dem keine Beachtung. Er bemerkt weder meine frisch nachgezogenen Lippen, noch meine Aufmachung, die alles andere als auf einen Spaziergang hin deutet.“
Frau Tochterhagen bestellt sich einen weiteren Espresso.
„Dann begebe ich mich auf die Straße. Weiter als ein paar Meter kann ich nie zurück legen, ohne unsicher zu werden. Die Blicke der Männer auf meiner Gestalt, die ich früher, vor der Ehe mit Manfred als wohltuend empfand, verunsichern und stören mich jetzt. Neulich schlang ich mir zum Beispiel trotz der wenig frühlingshaften Temperaturen meine Jacke um die Hüften, da ich das Gefühl nicht los wurde, alle Welt starre auf meinen Hintern. Natürlich fror ich, und meine sich aufrichtenden Brustwarzen zogen weitere Blicke der Männer an. Ich eilte nach Hause zu meinem Ekel.“
Ich ziehe an meiner Zigarette und weiß, spätestens jetzt sollte ich mich äußern.
Wozu sonst erzählte sie mir das alles?
„Wissen Sie, Frau Tochterhagen, diese Situation ist mir bekannt. Ich verstehe sie gut. Meine Versuche einfach nur zu gehen, enden ähnlich. Ich komme nicht weit. Ich laufe nach hause und plündere meinen Kühlschrank.“
Erneut macht sich Schweigen zwischen uns beiden Frauen breit. War ich zu förmlich, zu kurz angebunden? Erwartete Frau Tochterhagen im Gegenzug eine Offenbarung?
Wir verabschieden uns. Dieses mal dennoch eine winzige Spur herzlicher als sonst.

In anderen Fahrzeugen sehen wir andere Frauen. Auf der Flucht? Die Absätze ihrer Schuhe, ihrer rechten Pumps ebenso gezeichnet vom häufigen Fahren, wie die unseren? Frau Christine Tochterhagen wirft mir einen letzten Blick zu, bevor die Tür ihres Wagens mit einem leichten „plupp“ ins Schloß fällt.

18
Aug
08

… in meinem kopf

Bildquelle: Sandy Skoglund

… da nisten die vögel.

Ton

für

Ton

für

Ton.

Vielleicht bringt man sie so zum schweigen.
-

Ich bin dann mal weg.

-
-

Termine Termine Termine.

14
Aug
08

Bärbel

Ernten Was Wir Säen

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Es ist sieben Uhr morgens. Bärbel quält ihren fett gewordenen Hintern aus den weichen Kissen und schaut aus dem Fenster. Resigniert lässt sie sich wieder zurückfallen. Die blöden Vögel zwitschern schon ab vier, denkt sie. Wo ist mein Luftgewehr, ich würde sie am liebsten abknallen. Manchmal singen die Vögel die ganze Nacht durch. Gerade so, als ob sie etwas zu erzählen hätten. Dabei geht es ihnen doch nur um Aufmerksamkeit.
Sie hebt den verquollenen Kopf und sieht im Spiegel über dem Bett die dicken Augenlider. Ihr buschiges Kopfhaar steht ab, hastig streicht sie darüber. Dann fällt der Blick auf den Mann neben ihr im Bett. Seine komischen Füße ragen aus der Bettdecke, der Kopf ist irgendwo darunter vergraben. Was will ich mit dem, fragt sie sich. Wie kommt der überhaupt in mein Bett. Blöde Frage, sie weiß doch, dass er immer in ihrem Bett liegt. Zumindest seit ein paar Wochen, oder sind es schon mehrere Monate? Irgendwann erbarmte sie sich und erhörte sein Werben. Er zwitscherte genauso wie die blöden Vögel. Jetzt schnarcht er nur noch. Und seine Füße… immer wieder fällt ihr Blick auf seine Füße. Waren sie schon immer so unschön?

Bärbel steigt aus dem Bett.
Gut, denkt sie, mein Hintern ist in die Breite gegangen, was interessieren mich seine Füße. Die Schönste bin ich längst nicht mehr. Da muss ich halt mit seinen Füßen leben. Überhaupt sollte man mit dem zufrieden sein, was man hat. Immer diese Gier.

Klaus-Peters Schnarchen geht in ein undefinierbares Grunzen über. Nicht mehr lange, dann ist er wach, Bärbel kennt inzwischen Klaus-Peters Eigenarten. Dann wird er nach ihr greifen und ihren dicken Hintern streicheln. Seine Hände wandern weiter, erst nach oben, später nach unten und dann wälzt er sich auf sie. Das ganze dauert ein paar Minuten, bis er sich von ihr löst und nach dem Frühstück fragt. Seit neuestem flüchtet sie aus dem Bett, bevor er mit dem grunzen beginnt. So umgeht sie den morgendlichen Beischlaf, der für sie ohnehin unbefriedigend endet.

Es ist doch immer ähnlich, anfänglich bemühen sich die Männer, grad so, als ob es nichts anderes gäbe. Sie überschütten die Frau mit Kosenamen, holen ihr die Sterne vom Himmel und packen ihr den Mond ins Bett. Glauben sie jedoch später, dass ihr Werben erfolgreich war, lassen sie sich gehen. Gleichgültigkeit setzt ein. Von Sternen ist nicht mehr die Rede. Es wird nur noch gegrunzt. Hässliche Füße hängen aus Bettdecken und der eigene Arsch wird fett.
Die Protagonisten wechseln, doch die Vorgehensweise ist immer gleich.
Was für eine Beliebigkeit.

-

War mein Hintern schon immer so fett? Bärbel betrachtet sich im Wandspiegel. Es muss so sein, denn ich trage noch immer die übliche Kleidergröße. Wieso nur betrachte ich mich dann voller Abscheu?
Klaus-Peter ist schuld. Natürlich. Das muss so sein. Er gibt ihr dieses ungute Gefühl.
Also weg mit ihm.

Bärbel wirft einen letzten Blick auf Klaus-Peter, dann nimmt sie ein Kissen, drückt es auf seinen Kopf und platziert ihren fetten Hintern darauf.
Klaus-Peter grunzt ein paar Mal, wirft den Kopf nach rechts und links, röchelt und ist endlich still.

-

Die blöden Vögel.
Noch immer zwitschern sie und betteln um Aufmerksamkeit. Nicht mal nachts sind sie still. Sie sollte erst die Vögel töten, bevor sie sich den nächsten Klaus-Peter ins Haus schleppt.

-

Vielleicht, denkt sie, wenn die Vögel endlich still sind, vielleicht ist es dann möglich, einen Mann zu lieben …

Einfach sein

13
Aug
08

Herzlichen Glückwunsch!

Zum Geburtstag!

Liebe SABINE!

:-)

10
Aug
08

Textfragmente

Es muss an einem Dienstag gewesen sein. Aber es kann auch Mittwoch stattgefunden haben. Genaueres ist nicht mehr in meiner Erinnerung.

Als ich am Morgen erwachte, war das Vögelchen tot. Ich wusste es, bevor ich es auf der Straße liegen sah und den Blick nicht abwenden konnte. Sicher hat es ein dumpfes „klack“ gegeben, als es vom Ast stürzte. Vielleicht auch ein „plapp“. Ich hörte es nicht. Doch ich erwachte davon. Später, als ich mich auf dem Weg zur Arbeit befand, lag es vor mir. Es hatte einen krummen, seiner Größe keinesfalls angepassten Schnabel. Stand das Vögelchen in der Hackhierarchie ziemlich weit oben? Oder es war, als es noch lebte, eine Art Paradiesvogel gewesen. Sein Köpfchen war leicht verdreht und der zierliche Körper unnatürlich gekrümmt. Es wird vor Kälte vom Ast gestürzt sein. Geraume Zeit stand ich vor dem Vögelchen. Ich überlegte, es an den Straßenrand zu bringen, es vielleicht sogar in die Erde zu betten.

Eine umgestürzte Tanne blockierte den schmalen Pfad, der kaum sichtbar von der Straße durch das angrenzende Waldstück führte. Die Spitze der Tanne bewegte sich und als ich genauer hinsah, erblickte ich zwei kopulierende Ratten. Nun muss erwähnt werden, dass ich erst kürzlich eine mehr als unangenehme Begegnung mit gerade eben diesen Tieren hinter mich gebracht hatte. Ich versteinerte.
Zu allem Überfluss starrten vier rote Augen in mein Gesicht, während die dazugehörigen Körper weiter der Vermehrung nachgingen. Ratten sind ca. vierundzwanzig Tage schwanger, dachte ich. Danach werfen sie acht bis zwölf Rattenwelpen, die nach vier bis sechs Wochen geschlechtsreif sind. Würde ich mich also im Wald verlaufen und fände keinen Weg aus dem Dickicht, wäre ich binnen kürzester Zeit von Ratten umzingelt. Meine Panik verstärkte sich. Gern hätte ich das Vögelchen in den Wald gebracht und dort begraben. Doch da waren die Ratten. Wann würden sie sich ans Tageslicht kopulieren?

Die Nacht riecht nach Ruß.
Ich sitze und bewache Deinen Schlaf. Mein Kind.

Heute morgen erzähltest Du mir Deinen Traum. Vor deinen Augen war ein Rollstuhlfahrer, der fest verkeilt in den Bahnschienen stand. Der Traum vom nahenden Zug. Immer lauter, immer schneller, immer zischender. Laut pfeifend. Er kann sich nicht befreien, der Mann in seinem Stuhl. Er kann nicht weg. Und im nächsten Moment siehst Du nichts mehr.

Du erwachst vom Geschrei des Windes im alten Gebälk unserer Mansardenwohnung.

Er,
ein weiterer wichtiger Bestandteil ihres Lebens, würde erst dann wieder schreiben, wenn sie wieder schrieb.
Diesen Satz gab er ihr mit auf den Heimweg.
Seit einiger Zeit schrieb sie nur noch kurze Gedanken in die Tastatur. Schnell gedacht und eingehämmert. Manchmal nicht einmal gedacht. Nicht in Gedanken gehämmert. Die hämmernden Hammerschläge ihrer Emotionen hart auf die Tastatur geschlagen. Von da auf den Bildschirm.
Laut schreiend springen die Buchstaben entgegen, ganz gleich ob Tag oder Nacht.

„Ich werde erst dann wieder schreiben, wenn du wieder schreibst.“

Die Tochter hielt ein Buch in den Händen, indem jeder Satz mit „ICH“ begann. Sie wollte es vortragen, las jedoch eine halbe Seite, dann hatte sie genug des Geschriebenen. Es sei eine langweilige Geschichte und sie würde lieber vorlesen, was ihr gefällt und dieses Buch sei es eindeutig nicht. Achtlos legte sie das Buch beiseite.

Könnte es funktionieren, wenn man aus dem „Ich“ ein „ER“ machte?

„Er drückte ihr zwei Löffel aus Metall in die Hand um sie zu neutralisieren, wie er es nannte. Er hätte früher, als er noch ein Kind war, beim Fahren in Vaters Auto ständig Übelkeit verspürt. Er hatte in seiner Erinnerung Metall berührt, um die Übelkeit zu vertreiben. Er wartete darauf, dass die Wirkung eintrat und die Übelkeit, die sie seit mehreren Stunden plagte, nachließ. Er erhob sich vom Bett.
Er lief vom Bett ins Bad und stützte ihren Kopf, der sich über der Toilettenschüssel befand. Er konnte ihr nicht helfen. Er wurde durch diese Hilflosigkeit brummig und auch vorwurfsvoll. Er wiederholte ständig, warum sie nicht auf ihn gehört hatte und sie den Raum mit der Katze nicht sofort verließen, als sie dieser gewahr wurden. Er lief vom Bad in die Küche. Er erklärte ihr im lauten Tonfall, sie solle kein Mineralwasser trinken, das würde den Brechreiz erneut auslösen. Er sagte fast hilflos, sie sei nicht gesund, mit ihr sei etwas nicht in Ordnung. Er lief von der Küche in das Zimmer, in dem sich das Bett befand.
Er wiederholte, sie solle die Löffel festhalten. Er sagte, wenn er streichelnd versuchen würde, sie zu beruhigen, ändere sich nichts. Er meinte, sie solle neutralisiert werden.“

Geschrieben. Gelesen. Weggeworfen.

Er würde erst dann wieder schreiben, wenn sie wieder schrieb.

09
Aug
08

Traumdeutung die I.

Liebe Leser.

Können Sie mir bitte erläutern, aus welchen Gründen ich vergangene Nacht den Pavarotti und die Dietrich mit in den Schlaf nahm?

Eine Gruppe völlig fremder Menschen befanden sich reglos vor einem Haus. Sie standen vor einem Stuhl, auf dem ein Plattenspieler befestigt war.
Herr Pavarotti überreichte ihnen verschiedene Langspielplatten und sie sollten, je nach Sangeskunst und Musikstück mit ihm singen. Ich erhielt Marlene Dietrich. Andächtig legte ich die Scheibe auf und ihre Stimmer erklang. Herr Pavarotti setzte ein, gab mir ein Zeichen und zu dritt schallten wir durch sämtliche Straßenschluchten.
Es muss nicht schlecht geklungen haben, denn wir erhielten tosenden Applaus.

Also, werte Leser, was will mir dieser Traum nur sagen? Und dann auch noch der Pavarotti! Da kann doch keiner mithalten! Ganz davon abgesehen, dass er und auch die Dietrich längst im Jenseits weilen!

03
Aug
08

Heulsuse

… und außerdem bin ich eine

Heulsuse.

Ich hasse diese Entfernungen. Viele meine Lieben, insbesondere mein Töchterchen, befinden sich in einer räumlichen Entfernung zu mir, die gefühlt ähnlich der Entfernung der Erde zum Mond ist.

Nun sind sie wieder in München.
Ich hasse Abschiede. Lebte ich auf dem Mond, als einziger Mensch, nein, wäre ich überhaupt der einzige Mensch im gesamten Universum, gäbe es niemanden, den ich verabschieden müsste.
:-/

03
Aug
08

Großvaters Worte

„Morgen ist alles anders. Kein Tag ist, wie er gestern war.“
Sagte Gr0ßvater.
Aber er log. Sicher wusste er, dass er log, dennoch waren das immer seine Worte.
Sind diese Art von Lügen erlaubt?

-
„Morgen ist alles anders.“
Wobei ja bis heute nicht geklärt ist, ob „anders“ auch „besser“ bedeutet.

Also sprach er doch die Wahrheit?

-

Momentane Musikstimmung

Diese
Version
ist auch sehr schön…

:-)

02
Aug
08

Großmutters Blumen

Als ich noch ein Kind war, wuchsen Gladiolen ordnungsgemäß in den eigenen Gärten. Liebevoll wurden die Blumenzwiebeln Anfang Mai in die Erde gebracht. Ein windgeschützter Standort war Voraussetzung und ganz eifrige Kleingärtner bastelten ein Gerüst für den besseren Halt. Manchmal ging ich in die nahegelegene Gartenanlage und lugte staunend durch den Zaun. Waren die Pflanzen am Tag zuvor noch gar nicht zu sehen, hatten sie bereits am nächsten die ersten grünen Blätter. Man konnte ihnen beim wachsen förmlich zuschauen.

Auf dem einzigen Beet meiner Großmutter wuchsen sie nicht. Dort gab es lediglich Petersilie und Schnittlauch. Ab und an verirrten sich Gänseblümchen oder Glockenblumen. Großmutter überließ den Naturblumen das Beet. Dennoch mochte sie nicht auf ihre Gladiolen verzichten. Aber diese waren teuer, denn sie galten zumindest in unseren Breiten als edel.

Großmutter hatte während der Sommermonate immer einen Strauß der eigenartigen Blumen in ihrer Wohnung. Die Blütenblätter erinnerten an Schwerter und dann stellte ich mir vor, dass in jeder dieser Blüte ein Ritter haust, der all seine Waffen von sich gestreckt hält.

-

Manchmal nahm mich Großmutter mit in die Gärtnerei. Wie verloren stand ich zwischen all den Pflanzen und Blumen. Ich atmete erdige Luft und wunderte mich über meine Großmutter. Andächtig schritt sie von Gladiole zu Gladiole und betrachtete sie fast zärtlich, bevor sie der Gärtnerin zeigte, welche der Blumen sie gern hätte.

Heute ist es einfacher.
Ich stelle meinen Wagen am Straßenrand ab, nehme das Cuttermesser, das ich für solche Zwecke stets in der Tasche habe, gehe ein paar Schritte zum Sonnenblumenfeld, ein paar weitere bis zum Gladiolenfeld und schneide mir so viele Gladiolen, wie ich mag. Sie werden schwer in meinem Arm, ich halte sie, wie man ein Baby hält und denke dabei an meine Großmutter, die seit achtundzwanzig Jahren keine Blumen mehr auswählen kann.

Aber vielleicht kann sie das doch.
Oder sie hat nun immer, und nicht nur im Sommer, ihre Lieblingsblumen um sich. Es kann ja sein, dass sie mitten im Gladiolenfeld wohnt und den Menschen beim schneiden zuschaut. Und Großvater, der ehemalige Buchhalter, sitzt seiner Bestimmung gemäß am Eingang und zählt das eingeworfene Kleingeld.

Eine schöne Vorstellung.
:-)




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