Ich weiß nicht, warum das immer mir passieren muss.
Gerade von der Arbeit gekommen, beschließe ich, ein Bad zu nehmen.
Das mache ich nicht oft, meist springe ich schnell unter die Dusche und sitze danach auch schon wieder am Schreibtisch, um irgendwelchen dienstlichen Kram zu erledigen. Mir fehlt einfach die Zeit, vielmehr, ich nehme sie mir nur selten.
Jedenfalls bin ich gerade dabei mich zu entspannen, als es an der Wohnungstür läutet.
Verärgert steige ich aus der Wanne, werfe ein langes Shirt über und öffne die Tür.
Vor mir steht ein gutaussehender Mann meines Alters.
„Sie entschuldigen, ich habe eine Frage…“
Sofort fällt mir ein, dass meine Haare auf Krawall nach oben gewickelt sind, ich unter dem Shirt nichts trage und man auch meine Rückenansicht sehen kann, wenn ich im Eingangsbereich meiner Wohnung stehe und die Tür geöffnet habe. Dummerweise konnte der lange Flurspiegel aus Platzgründen nur an der einen Wand befestigt werden, die gegenüber der Eingangstür liegt. Prima. Fantastisch. Da steht schon mal ein sympathischer Mann vor meiner Tür und dann so etwas. Das Shirt klebt mit Sicherheit inzwischen am Körper. Ich hätte mich besser abtrocknen sollen. Das kann wirklich nur mir passieren. Die anfangs weit geöffnete Tür wird zum kleinen Spalt, durch den ich schaue. Ich mache eine zustimmende Kopfbewegung und bin darauf gefasst, dass mir gleich ein Prospekt von BOFROST in die Hand gedrückt wird.
Der Mann fasst mit der Hand in seine Jackentasche. Wieder herausgenommen, hält er mir einen Ausweis vor die Nase.
„Polizeioberkommissar N., kennen sie einen Herrn U.?“
Im ersten Moment glaube ich, der will mich verarschen. Der soll bei der Polizei sein? Seine Haare sind mindestens genauso krawallig wie meine, die Lederjacke abgetragen und die Jeans und Pullover sind auch ziemlich unauffällig. Vielleicht muss das so sein, korrigiere ich mich gedanklich. Ein Mann wie jeder andere.
„Nein. Ich wohne erst ein Jahr hier in dieser Wohnung, soll Herr U. hier im Haus wohnen?“ antworte ich.
„Eine Zeitlang hat er das wohl. Wer könnte mir denn da weiterhelfen? Weiß im Haus jemand besser darüber Bescheid? Vielleicht derjenige, der die Betriebskostenabrechnungen verwaltet?“
Kurz überlege ich. Die Wohnungen im Haus haben alle unterschiedliche Vermieter. Auch Eigentumswohnungen sind darunter. Auf den Namen des Verwalters komme ich just in dem Moment natürlich nicht. Das sind wahrscheinlich Alterserscheinungen. Oder die Aufregung. Schließlich klebt mir inzwischen das Shirt am Popo und vor mir steht ein Hüter des Gesetzes. Mit zerstrubbeltem Haar und einem Blick, der aussieht, als käme er gerade aus dem Bett oder vielmehr, als möchte er erneut ins Bett. Herr Oberpolizeikommissar macht mich nervös.
„Ich kann Ihnen lediglich die Anschrift meines Vermieters geben“ antworte ich. „Wenn Sie sich einen Moment gedulden würden? Ich kann Sie allerdings nicht hereinlassen, ich habe einen großen Hund.“ Pflichtbewusst beginnt Attila in diesem Moment grimmig an zu knurren.
„Kein Problem“ antwortet Herr Polizeioberkommissar (oder meinetwegen auch anders herum, also Oberpolizeikommissar) und ich schließe die Tür.
Während ich nach oben eile, in meinen Unterlagen nach der Anschrift und Telefonnummer krame, bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob das auch alles seine Richtigkeit hat. Wer weiß, wer und was dieser Mensch in Wirklichkeit ist. Wie ein Polizeioberkommissar sieht der so gar nicht aus. Überhaupt, wie ist der denn ins Haus gekommen? Hat er nicht vorhin erwähnt, dass hier niemand weiter da ist?
Die Anschrift und Telefonnummer in der Hand, stehe ich wieder vor ihm.
„Darf ich bitte nochmal Ihren Ausweis sehen?“ frage ich.
Er hält ihn mir erneut entgegen, gibt ihn jedoch nicht aus der Hand. Ich bin noch immer nicht so richtig beruhigt. Irgendetwas hat der an sich, was mich beunruhigt. Könnte sein, dass es das breite Grinsen ist, das sich jetzt in seinem Gesicht festsetzt. Entweder hält er mich für leicht hysterisch oder übervorsichtig.
„Vielleicht schreiben Sie sich auch einmal den Namen meines Nachbarn auf. Die Familie wohnt hier schon Ewigkeiten, eventuell wissen die mehr. Jetzt sind sie noch arbeiten, aber später treffen Sie die auf jeden Fall an.“
Der Polizeioberkommissar notiert sich noch die Arbeitsstelle der Nachbarn, nimmt meinen Zettel mit den Informationen zum Vermieter entgegen und bedankt sich.
„Warum suchen Sie überhaupt diesen Herrn?“ frage ich noch.
Natürlich darf er mir das nicht sagen, was für eine dämliche Frage. Und so erhalte ich auch keine Antwort darauf. Die Verabschiedung fällt kurz aus. Das ist schade. Ich hätte gern noch ein wenig mit ihm geplaudert.
Mein gutduftendes Badewasser ist inzwischen kalt, meine nackten Beine blaugefroren und überhaupt habe ich so gar keine Lust mehr untätig in der Badewanne zu liegen.
Viel lieber würde ich jetzt gemeinsam mit Herrn Polizeioberkommissar N. auf Verbrecherjagd gehen.
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