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Ich war wie immer zu spät.
Obwohl Herr A., mein Vorgesetzter, diesmal etwas früher mit seinen Anweisungen fertig war und ich meinen Schreibtisch vorfristig verlassen konnte, schaffte ich es nicht, pünktlich am Schuhgeschäft zu sein.
Herr A. ist also mein Boss, mein Chef, mein Vorgesetzter. Er besitzt mehrere Schuhgeschäfte und einige Angestellte. Er besaß auch einmal mehrere Frauen, doch das ist lange her. Heute besitzt er nur noch mehrere Hunde und einige Angestellte. Die Hunde allerdings sterben ihm ständig weg. Die Angestellten wechseln und gestorben ist von ihnen noch keiner.
Es wurde angeordnet, pünktlich an seinem Geschäft zu sein, um mit Herrn A. und seinem aktuellen Hund zu feiern. Was Herr A. noch nicht wusste, mir aber durch einen befreundeten Veterinärmediziner zugetragen wurde, war, dass auch sein aktueller Hund bald sterben müsse. Nicht etwa auf normalem Wege, nein, er litt an einer schlimmen Blutkrankheit und würde den nächsten Monat nicht erleben. Nach der Feier würde der Veterinärmediziner Lukas C. – Herrn A. über den Zustand seines Hundes informieren. Während der Feier war allerdings angeraten, keinerlei negativen Dinge zu äußern, sofern man nicht bei Herrn A. in Misskredit geraten wolle.
Ich war dennoch zu spät. Und als ich das Schuhgeschäft betrat, bemerkte ich, dass ich zwei verschiedene Schuhe trug. Am rechten Fuß trug ich das spitze Modell, das längst aus der Mode war, der linke Fuß wurde von einem eher runden Modell bedeckt. Es war mir in der Eile gar nicht aufgefallen. Ich war von der Arbeit nachhause gelaufen, hatte meine Kleidung gewechselt und mich erneut auf den Weg gemacht. Ich hatte kein besonderes Augenmerk auf mein Schuhwerk gelegt. Zumindest waren beide braun und die Höhe des Absatzes ähnlich.
Nun stand ich also im Geschäft des Herrn A. und seine Angestellten sahen mich merkwürdig an. Wieder einmal unterschied ich mich von den anderen und wieder einmal war ich der Außenseiter. Nur der aktuelle Hund meines Vorgesetzten schnüffelte an meinen verschiedenen Schuhen und hielt mir dann seinen kranken Kopf hin. Er wollte gestreichelt werden und es störte ihn wenig, dass die Schuhe nicht in den gesellschaftlichen Rahmen passten.
„Sie werden sich jetzt ein paar passende Schuhe suchen „, sagte Herr A. „Dann erwarte ich Sie zurück im Saal.“
Mir lag ein „zu Befehl“ auf den Lippen, gern hätte ich dieser Anordnung widersprochen, doch ein Befehl ist ein Befehl. Erst recht, wenn der Befehl von Herrn A. ausgesprochen wurde, ungeachtet dessen, dass sein Hund mich mochte und ihm meine verschiedenen Schuhe gleichgültig waren.
Also ging ich durch das Schuhgeschäft, stöberte in den Regalen und probierte Schuhe an.
Ich ließ mir ausreichend Zeit, denn nichts drängte mich zu den Mitarbeitern, die sich wie fette Würmer um Herrn A. winden würden, im Bestreben, etwas von seiner Wahrhaftigkeit zu bekommen. Was tut man nicht alles, um in der Gunst zu steigen. Nun ja, ich probierte Schuhe. Sehr lange.
Schließlich wurde das Stimmengemurmel im Nebenraum leiser. Es war schon spät. Ich war dankbar, dass mich niemand vermisste. Auch Herr A. nicht. Sein Hund vielleicht. Doch auch das war nicht wirklich von Bedeutung. Er würde nicht mehr lange leben. Und statt seiner käme ein anderer Hund zu Herrn A., und statt einem fähigen, aber auch denkenden Mitarbeiter würde ein anderer fähiger, nicht denkender diese Stelle einnehmen. Mit Schuhen, die zueinander passten.
Es war spät und ich löschte das Licht.
Gerade wollte ich den Raum verlassen, als ich Herrn A. und seinen Hund bemerkte. Ich hatte sie nicht herein kommen hören und war etwas irritiert.
„Alles in Ordnung, Frau P.? Haben Sie etwas Passendes finden können? Sie waren lange im Geschäftsraum.“
Der Hund rieb seinen Kopf in meiner Hand. Meine gleichmäßigen, kraulenden Bewegungen verschafften ihm wohl Linderung.
„Nein.“, antwortete ich. „Ich habe nichts Passendes gefunden und ich werde nun auch nicht weiter suchen. Ich danke Ihnen für den Abend.“ Den leicht ironischen Unterton, der sich in meine Stimme geschlichen hatte, konnte ich nicht verbergen. Ohne weitere Worte zu verlieren oder mich krümmend zu seinen Füßen zu werfen, verließ ich den Raum. Herr A. blickte mir ebenso wortlos nach. Vielleicht war das mein letzter Tag in der Firma. Das ungute Gefühl beschlich mich erneut. Einmal mehr wünschte ich, ich wäre in der Lage, ebenso gleiches, perfektes Schuhwerk zu tragen wie all die anderen Mitarbeiter. Obwohl sich auch deren Schuhwerk ablief. Und die Mitarbeiter samt Schuhwerk ersetzt wurden.
Vor der Eingangstür des Geschäfts erwartete mich B.
B. ist ein Mitarbeiter, der noch nicht lange bei Herrn A. beschäftigt ist. Sein Schuhwerk ist neu und glänzend, sein Gang allerdings leicht hinkend. Vielleicht passen ihm die Schuhe nicht. Vielleicht sind sie aber auch nur neu und drücken noch. Vielleicht wird es besser, wenn er sie eingelaufen hat.
„Ich bringe Sie nachhause, Frau P., in der Dunkelheit werden Sie doch nicht allein die Straße entlang gehen?“
Genau das beabsichtigte ich. Da ich jedoch ein höflicher Mensch bin, gestattete ich ihm mich zu begleiten.
Ich wohne in einer waldreichen Gegend und das Haus liegt ein wenig abseits der Straße. Der Weg dahin ist gerade im Frühling nicht problemlos begehbar, B. würde sich seine schönen Schuhe ruinieren.
Dessen ungeachtet lief er neben mir her.
„Danke fürs Bringen“, sagte ich, als wir die dreißig Minuten wortlos nebeneinander her gegangen waren und reicht ihm meine Hand zum Abschied.
„Nein. Wieso? Ich bringe dich zum Haus und komme natürlich noch mit hoch, was hast du denn geglaubt?“ Sein Wechsel vom Sie zum Du war mir nicht entgangen, sein Tonfall, der sich von charmant zu bösartig gewandelt hatte, ebenso wenig.
Ich war in Gefahr.
„Gut“, antwortete ich. „Ich laufe vor und schließe auf, wenn du schon zum Eingang gehen willst? Ich habe leider nur den Schlüssel für den Hintereingang, aber ich öffne dir sofort.“
Ich wies ihm den Weg zur Vordertür und lief auf dem schlammigen Weg zur Hintertür des Hauses. Ich griff nach meinem Telefon und rief den Notruf.
„Was ist?“, hörte ich ihn fluchen. „Was tust du da? Mach das nicht! Ich warne dich!“
Dann bemerkte er die Lichter der sich nähernden Polizeiwagen und flüchtete in den angrenzenden Wald.
Ich zitterte vor Angst.
Im Haus gab ich den Uniformierten alle benötigten Angaben und versuchte, wieder zur Ruhe zu kommen. Ein Beamter zeigte mir Fotos von verschiedenen Personen und erwartete von mir, dass ich B. erkennen würde. Es ermüdete mich. Sie sahen alle gleich aus. Alle hatten die gleiche Bösartigkeit im Blick. Schließlich erkannte ich ihn. Und erschrak.
Der Beamte, der mir die Fotos zeigte, nahm seine Dienstmütze vom Kopf, fuhr sich wie beiläufig durchs Haar und sah mich an.
Ich benötigte keine weiteren Fotos. Ich erkannte ihn.
Es war B.
Unser neuer Mitarbeiter.







Das war am Ende ja fast wie `n lütter Krimi. Schon fast unheimlich
als wäre Klaus Kinski mit am Start.
Nur denke ich noch an den Hund von Herrn A. Gab es noch `ne chance?
liebe grüße an dich
Liebe Heike,
sehr spannend, und wie immer stellt sich mir die Frage – Phantasie oder auch ein Stück erlebtes?
Danke für die Unterhaltung – genieße es nach Feierabend in deinem Blog zu stöbern!
liebe Umarmung, Kay
Supergut geschriebene Geschichte, spannend, kritisch und am Schluß ausgesprochen unheimlich und gruselig!
Liebe Freidenkerin, danke.
Mit dem „super kritisch“ ist es so eine Sache… viele wollen das nicht hören.
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Lieber Kay,
danke auch dir, du weißt zwar, dass ich ein wenig „irre“ bin, aber mit verschiedenen Schuhen bin ich noch nicht los gelaufen. Im übertragenen Sinne schon, und mein erster Hund litt ja auch an einer Blutkrankheit, die so ausging, wie beschrieben.
Ümärmelung!
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Lieber Jerry,
oh je. Hoffentlich habe ich dich damit nun nicht traurig gemacht. Es ist eine gute Idee, die Geschichte weiter zu denken, vielleicht macht es ja jemand?
Meine Fantasie war an dieser Stelle leider erschöpft. Das ist schon auch irgendwie schade.
Zumindest der Hund sollte überleben. Und noch eine tragende Rolle übernehmen, bspw.
Aber jetzt höre ich auf, sonst schreibe ich die Fortsetzung wirklich noch selbst.
*g*
Liebe Grüße an dich!
Hoffentlich begegne ich so einem Herrn B. niemals real. Da mögen die Schuhe noch so neu und gepflegt sein.Aber der Hund könnte z.B. noch eine lebend tragende Rolle in der Fortsetzung spielen. Die Machenschaften des Herrn B. z.B. mit Spürsinn aufdecken und herrn A. eine neue Frau erschnüffeln. Soll es ja geben, die Wege im Wald unergründbar und überhaupt habe ich einfach nur sehr viel Mitleid mit Herrn A.
Wo der Hund der einzige ist, der ihm noch geblieben ist.
Hach das Leben ist hart, und ich muss dringend neue Schuhe kaufen.;)
Liebe Sabine, ich komme mal mit, zum Schuhkauf.
*g*
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Liebster, ich weiß, ich weiß. Vielleicht färbt das ja von dir ab? Du bist doch hier der Meister auf dem Gebiet des Schreibens. (ok ok, auch auf allen anderen Gebieten. )
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Schönen Tag euch, liebe Umarmung!