Der Raum geht in die Zeit, wie der Körper in die Seele über.
Novalis
Wie geht man mit dem Tod um?
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Das Internet ist eine merkwürdige Angelegenheit. Vor neun Jahren meldete ich mich auf einem anderen Server an. Damals bestand diese Seite aus einer Handvoll Usern, inzwischen ist man – so kann ich es ruhig bezeichnen – durch ein Jammertal gegangen. Betreiberwechsel, Umstrukturierungen etc. führten dazu, dass ich lediglich mein Profil erhielt, aber nicht mehr aktiv war. In den Anfangszeiten stellte man Texte, Geschichten ua. zur Diskussion, vereinbarte reale Treffen und die Zugehörigkeit machte Freude.
Im Laufe der Zeit änderte es sich.
Menschen verließen diese Seite, Menschen kamen hinzu.
Kürzlich verstarb nun bereits die zweite Userin, die ich persönlich kannte. Wohlgemerkt, kannte, eine Freundschaft entstand nie, dazu bin ich wohl auch zu zögerlich. Manchmal geriet ich virtuell mit diesen beiden Menschen in Streit, meistens jedoch las man sich und ging weiter.
Dennoch bringt mich der Sterbefall der zweiten, ziemlich bekannten Userin, zum Nachdenken.
Bereut man, Dinge nicht gesagt zu haben? Angelegenheiten ungeklärt zu lassen?
Wie wird es sein, sollte mir etwas passieren und ich unverhofft gehen müssen? Ich neige dazu, alles gern vorab geklärt zu haben. Nichts offen zu lassen.
Manchmal spreche ich das scherzhaft bei den Menschen an, die ich liebe, und die man auch im Internet findet. Dann sage ich so Sachen wie:
“Lasst euch ja nicht einfallen, ewig lang zu trauern. Und führt meinen Blog noch eine Weile weiter, ich habe noch so vieles zu sagen. Auf meinem PC ist Stoff für mindestens ein weiteres Leben.”
Ich möchte eine Seebestattung. Nicht umsonst behaupte ich immer: “In meinem ersten Leben war ich ein Seemann.” Manchmal füge ich frotzelnd hinzu: “Man weiß dann nie, ob nicht ein Körnchen Asche von mir in dem Fisch ist, der vielleicht gerade auf dem Teller liegt.”
Ich möchte anschließend eine Party an der Ostsee. Und ich möchte auch, dass jeder, der den Wunsch in sich fühlt, mir zum letzten Male nachzuwinken, einfach dabei sein kann. Sich dort vielleicht näher kommt, deutlich wird, dass das Leben weiter geht. Dann bin ich irgendwo vor mich hin grinsend dabei und freue mich darüber. Vielleicht staune ich auch, weil ich denke: Na schau an, das hätte ich ja nun nicht gedacht, dass der- oder diejenige auch anwesend ist …
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Ich glaube, es ist mir wichtig, noch in Lebzeiten anzumerken, dass ich keinen Zorn in mir spüre, nicht auf Menschen oder Tiere, mit denen ich je in Kontakt war. Ich glaube, das ist wichtig, für diejenigen, die zurückbleiben.
Phasen des Ärgers vielleicht. Ewige Harmonie halte ich für kaum realisierbar. Aber tiefen Zorn oder gar Hass?
Nein.
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Neun Jahre sind eine lange Zeit.
I. und C., die beiden Frauen, von denen ich schreibe, werden sich nun irgendwo da Oben über die Trauernden unterhalten. Sie werden lächeln und vielleicht auch staunen. Auf jeden Fall haben sie sich eine Menge zu erzählen.
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Warum ich das jetzt schreibe? Ich habe nicht vor, euch schon zu verlassen. Ein wenig müsst ihr mich schon noch bei euch haben.

Manche würden vielleicht sagen: darüber spricht man nicht, oder: rufe es doch nicht herbei.
Aber wer weiß schon, was das Leben noch für Überraschungen bereit hält?
Ich bin nun mal ein Mensch, der vorab gern alles geklärt haben möchte. Ich sagte es bereits. Und mal ganz ehrlich? Der Gedanke, dass vielleicht in vielen Jahren hier noch jemand stöbert und liest, was ich in all den Jahren geschrieben habe, ist ein Schöner. Ebenso wie der, wenn ich mir bspw.vorstelle, dass man meine
Glücksmomente
aus der grünen Pappschachtel nehmen kann, die kleinen, handschriftlichen Zettelchen betrachtet und vielleicht mit einem Lächeln sagt: “Ja ja, manchmal war sie auch ein wenig schrullig. Was hat sie da nur alles aufgeschrieben.”
Vielleicht bin ich deshalb so gewissenhaft und fülle diese grüne Pappschachtel so ganz real mit handschriftlichen Momenten.
Für diejenigen, die zurückbleiben.
Zum Anfassen. Greifbar.
Wer will schon immer Fisch essen.
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