Archiv der Kategorie 'Kurzgeschichten'

01
Feb
12

Joseph und Marie

Samstagmittag.
Alles ist wie immer.

Joseph holt tief Luft. Vielleicht schafft er es diesmal, Marie zu beruhigen.

Er ist nicht in der Lage etwas zu sagen, denn sofort schlägt seine Frau zu. Vergeblich versucht er, die Schläge abzuwehren, immer wieder holt sie aus. Mal ballt sie die Hände zu Fäusten, dann öffnet sie diese und versucht mit ihren langen Nägeln in seine Augen zu fassen. Sie zerkratzt seine Haut und ihr Gesicht verzerrt sich zu einer hässlich-grinsenden Fratze.  Alle sich in der Nähe befindlichen Gegenstände nimmt sie zu Hilfe, sie wirft in ihrem Tobsuchtsanfall Teller und Gläser nach Joseph. Als Marie schließlich nach dem Nudelholz greift, flüchtet Joseph aus der Küche. Er befürchtet einen harten Schlag und hat wenig Lust, sich dem auszusetzen.
“Wo willst du hin? Bleib hier!!”, kreischt Marie hinter ihm her. “Du hast mir noch immer nicht gesagt, warum du die Schlampe hinter der Wursttheke so fixiert hast!”
Mit dem Nudelholz in der Hand rennt Marie hinter Joseph her.
Das hat schon fast eine unfreiwillige Komik, denkt Joseph, als er in Richtung Keller läuft. Was für eine Dame hinter der Theke denn? Ich schaue nicht nach links und rechts, wenn wir einkaufen gehen. Wie kommt sie nur darauf?
Maries Eifersucht spitzt sich immer mehr zu, denkt Joseph. Sie kontrolliert mein Funktelefon. Sie schleicht mir nach. Neulich hörte ich sogar ihre trippelnden Schritte, als ich auf dem Weg zum Büro war. Und dann, als ich mich umdrehte, war niemand zu sehen. Wahrscheinlich versteckte sie sich im nächstgelegenen Hauseingang. Sie überwacht mich, ganz gleich wo ich mich befinde. Wie soll ich das noch lange aushalten?
Marie. Die Frau, deren Name an eine Heilige erinnert. Sie benimmt sich wie der Teufel. Grundlos. Ich habe sie bis heute noch nie betrogen. Bis heute. Vielleicht sollte ich es endlich tun. Auf andere Art und Weise lässt sich dieses Dilemma doch gar nicht ertragen. Allein die Peinlichkeit, wenn ich von den Arbeitskollegen auf meine Verletzungen angesprochen werde! Zum Glück fiel mir meine Katze ein, und ich konnte ihr die Schuld geben. Ohnehin würde mir die Wahrheit niemand glauben.

Wie sich alles wiederholt, sinniert er weiter. Meine Mutter schlug meinen Vater. Meine Schwester ihren Mann. Und nun meine Frau mich. Wie lange soll das noch so gehen? Vater starb sehr früh, es ist bis heute nicht geklärt, ob sein Tod eine natürliche Ursache hatte. Man spricht nur hinter vorgehaltener Hand darüber. Natürlich konnte der Sturz aus dem Fenster auch ein unglücklicher Zufall gewesen sein. Vater lehnte sich vielleicht etwas zu weit hinaus und verlor das Gleichgewicht. Man weiß es nicht.

Es wäre ein leichtes, Marie gegen die Wand zu drücken, oder ihr den Schädel einzuschlagen. Ich könnte sogar das Nudelholz verwenden. Dann wäre es vorbei. Nicht nur das Nudelholz wäre kaputt.

“Wo bist du, komm her!” Maries schrille Stimme versetzt ihn in Todesangst.
Hoffentlich findet sie mich nicht, denkt Joseph. So weit bin ich schon. Ich fürchte mich vor einer Frau.

Joseph sitzt lautlos auf der untersten Stufe der Kellertreppe, stützt den Kopf in seine Hände und lehnt erschöpft an der kalten Wand. Die Kälte kriecht in seinen Körper, schwächt ihn zusätzlich. Er hofft, dass Marie nicht auf den Gedanken kommt, im Keller nach ihm zu suchen.
Ich kann nicht einmal durch das Kellerfenster flüchten, denkt Joseph. Ratlos schaut er zu der winzigen Luke, die nur wenig Licht in den dunklen Kellerraum lässt …

- Fortsetzung folgt -
:-)

18
Jan
12

Nichts.

.

Nora war beunruhigt, irgendetwas stimmte nicht.

Die Erkenntnis kam gleichzeitig mit dem Augenaufschlag. Sie befand sich im Nichts. Um sie herum war Stille, eine Stille die so laut war, dass jeder Schrei ungehört verklingen würde. Es war sinnlos, zwecklos, vergebens, sie konnte sich sämtliche Bemühungen sparen. Schreien würde nichts ändern. Ebenso wenig wie Flüstern. Genauso gut könne sie auch die Augen wieder schließen und einfach liegenbleiben.

Nora überlegte, ob dieser Zustand schon vorherrschte, als sie sich zu Bett begab, doch gegen 22.00 Uhr war alles wie immer. Die Geräusche des Tages wurden weniger, der Verkehr vor ihrem Haus blieb nahezu aus. Einzelne Passanten unterhielten sich vor dem geöffneten Fenster, Zigarettenqualm zog ins Zimmer. Kurz überlegte sie, ebenfalls zu rauchen. Eine Flasche zerbrach klirrend auf dem Bürgersteig, Nora hörte einen Mann laut fluchen. Ein wenig lauschte sie noch den Gesprächen der Passanten, dann umhüllte sie der wohltuend sanfte Schleier des Schlafes.

Nun, da sie erwachte, war alles anders. Nora erwartete die Geräusche des Morgens, hörte jedoch Nichts.
Das Nichts war wie eine undurchsichtige Nebelwand. Sie musste ihr entkommen. Sie drohte daran zu ersticken. Wabernde, feuchte Schwaden beherrschten den Raum und legten sich auf ihren bleischweren Körper. Beschwerten ihn zusätzlich.
Überall war dieses Nichts. Es kroch in ihre Poren, schlängelte sich um ihren Körper. Hielt sie gefangen. Peinigte sie. Raum und Zeit existierten nicht mehr. Das Nichts hatte alles mit sich genommen.

Es war vorbei.

Dabei hätte ein winziges Zeichen ihrem Verlangen Genüge getan.

-

Die Augen leer. Der Mund schmal.
Über mir der Sternenhimmel.
Das Zimmer

taghell.

H.H.

13
Okt
10

Ein Zwillingsleben.

.


(Mit frdl. Genehmigung)

Als ich die Damen M. das erste Mal sah, war ich gerade mit der Beschaffenheit meiner Schuhe beschäftigt.
Ich brauche neue Absätze, dachte ich, ich bin eindeutig zu viel unterwegs. Wie viele Kilometer bin ich in diesen Schuhen bereits gelaufen? Und war daran irgendetwas bemerkenswert? Lohnt es überhaupt, darüber nachzudenken?
Heute kann ich nicht mehr sagen, was mich aufblicken und in meinen philosophischen Absatzbetrachtungen innehalten ließ, denn die Schwestern näherten sich mir fast lautlos. Eingehakt kamen sie trotz ihres hohen Alters leichtfüßig des Weges. Dieses Unterfassen war eher ein Zeichen, als eine Notwendigkeit. Sie bildeten eine Einheit. Als ich jedoch genauer hinschaute, bemerkte ich geringe Unterschiede. So glaubte ich zu erkennen, dass eine der beiden etwas dominanter war und die andere, wenn ich das so sagen darf, ein wenig leichtfertig wirkte. Vielleicht lag das lediglich daran, dass E. eine Brille trug, L. nicht, sie dafür aber eine kürzere Rocklänge bevorzugte.

L. hielt in der linken Hand den Regenschirm, E. rechts eine etwas größere Henkeltasche. Wahrscheinlich waren sie unterwegs zum Einkaufen. Sie machten auf mich den Eindruck, als seien sie in einer eigenen kleinen Welt. In einer schöneren, in der niemand ihnen etwas anhaben konnte. Einander zugewandt schienen sie keine Worte zu benötigen. Ihre Gedanken flogen sich zu. Ich war sicher. Diese Schwestern verstanden sich blind.
Gern wollte ich mit ihnen ins Gespräch kommen. Also fasste ich Mut und sprach sie an.
„Entschuldigen Sie, darf ich Sie bitte etwas fragen?“
Ein synchrones, freundliches Nicken war die Antwort.
„Sind Sie Zwillinge? Darf ich Sie vielleicht einmal fotografieren?“

Seit einiger Zeit trug ich meine kleine digitale Kamera immer bei mir. Das war schon oft von Vorteil gewesen. Nicht auszudenken, wenn ich diesen Moment verpasst hätte! Da sind die kleinen Augenblicke des Glücks. Des Stillstandes. An die man sich später beim Betrachten der Fotos zurückerinnert.
„Na, wenn Sie das unbedingt möchten“, antwortete eine der Schwestern. „So fotogen sind wir aber nicht mehr“, fügte die andere hinzu. „Aber wenn wir Ihnen damit eine Freude bereiten können, immerzu. Wir können das so schon kaum noch. Wenn man älter ist, kann man nicht mehr vielen Menschen eine Freude machen.“
Ich war verlegen. Fast lag ich zu ihren Füßen, weil ich mir einbildete, dass Aufnahmen von Personen, fotografiere ich sie auf diese Weise, besser gelingen, und plapperte irgendetwas von: Sie sehen so schön miteinander aus, wann sieht man schon mal Zwillinge in Ihrem Alter. Völlig überflüssig, die Beiden erwarteten kein Gespräch. Sie hätten auch einfach still dagestanden und abgewartet.
In mir wuchs der Wunsch, die Damen nicht einfach so gehen zu lassen.

„Wir sind bereits 88 Jahre“, sagte L.
“Also jeder von uns“, ergänzte ihre Schwester schmunzelnd.
„Das sieht man Ihnen aber nicht an“, antwortete ich, und schämte mich einmal mehr für diese Floskel. Man sah es den Schwestern natürlich nicht an, aber musste ich so gewohnheitsmäßig antworten? Mich interessierten doch ganz andere Dinge.
Wie hatten sie ihr Leben verbracht? Konnten sie immer zusammenbleiben? 1934 waren sie Zwölfjährige. Wie verbringt man seine Pubertät in der Nazizeit? Wie erlebten sie die Kriegsjahre? Waren sie später verheiratet? Hatten sie Kinder? Erst kürzlich unterhielt ich mich mit einer anderen älteren Dame, die das Konzentrationslager überlebte.
Das war ein Wunder, sage ich mir noch immer, denke ich an ihre Schilderungen zurück.

So viele Fragen. Ich brauchte Antworten. Doch ich wollte die beiden älteren Damen auch nicht verschrecken.
„Wenn Sie möchten, mache ich Ihnen davon einen Abzug und bringe ihn vorbei“, sprach ich weiter. „Sie müssen sich nicht sorgen, ich möchte mich für Ihre Freundlichkeit bedanken.“
„Das ist aber nett, gern würden wir eine Fotografie haben!“
Die Schwestern gaben mir ihre Anschrift, und mit meinem Versprechen, mich bald zu melden, verabschiedeten wir uns voneinander.

Ein paar Tage später war es soweit.
Die Fotografie hatte ich rahmen lassen und mich bei den Damen angemeldet.
Ich war gespannt, ob sie mir einen Blick in ihre häusliche Umgebung gestatten würden.
Natürlich hoffte ich auch auf weitere Fotos, gedanklich sah ich sie bereits auf ihren Stühlen vor einem altertümlichen Schrank sitzen, die Hände in den Schoß gelegt und in die Kamera blickend.
Nicht zuletzt wünschte ich mir, sie würden wenig aus ihrem Leben plaudern, das sicher voller Geheimnisse war.
176 Jahre.

Ein Zwillingsleben.

15
Jan
10

Herr und Frau Mann

.

Es war einmal, vor langer langer Zeit, einer Zeit, in der die Menschen nicht wussten, ob die Erde ewig bestehen würde, eine Frau. Nennen wir sie der Einfachheit halber Frau Mann.

Frau Mann war für hiesige Verhältnisse etwas ungewöhnlich anzuschauen. Sie passte nicht so recht in das Dorf, in das sie und ihr Mann gezogen waren. Auf einen ersten, flüchtigen Blick sah sie aus wie eine normale Frau. Schaute man jedoch näher hin, entdeckte man ein paar Unregelmäßigkeiten. Diese waren bei ihr ausgeprägter, als bei ihrem Mann. Das sollte sich jedoch bald ändern, denn nur ein paar Monate darauf hatte Hermann seine Frau dahingehend „eingeholt“.
Sprachlich hatte Frau Mann Schwierigkeiten, denn manchmal verstand sie die Einheimischen einfach nicht. So begannen sie sich, im stillen Einvernehmen, aus dem Weg zu gehen. Anfangs fragte sich Frau Mann, aus welchen Gründen sich die Dorfbewohner so verhielten, denn nur die Verständigungsprobleme und die geringen Unregelmäßigkeiten ihres Äußeren konnten doch nicht der einzige Grund sein? Sie hätten ihr ja auch ein Stück entgegenkommen können. Irgendwann gab es Frau Mann auf, die Gründe dafür in Erfahrung bringen zu wollen.

Ein großer Trost für Frau Mann war ihr Mann. Hermann und sie waren schon einige Jahre verheiratet und sie verstanden sich ohne große Worte.
‚Wir sind seelenverwandt‘‚ dachte sie oft, ‚warum sonst sollten wir so zueinander passen?‘
Hermann war ein guter Kerl, fleißig und arbeitsam, aber auch ein wenig eigenartig. Er hatte die Marotte, von einer Stadt in die nächste zu ziehen. Immer dann, wenn er einen Baumarkt leer gekauft hatte, suchte er sich den nächsten. Fragt mich bitte nicht, was er mit den ganzen Dingen anstellte, die er erwarb. Zwar war das jeweils von den beiden bewohnte Häuschen wunderschön gebaut und mit allen möglichen Raffinessen versehen, doch was mit den anderen gekauften Gerätschaften passierte, hatte Frau Mann bisher noch nicht herausgefunden. Hermann legte Bretter und Latten, ja selbst elektrische Geräte am Abend vor die Tür und am Morgen darauf waren sie verschwunden. Irgendjemand holte sie ab, das war sicher.
Das Einzige, worauf ihr Mann achtete, war sein Schraubenzieher. Ganz gleich, wo er sich befand oder hingehen wollte, ohne diesen Schraubenzieher verließ er nicht das Haus. Es musste irgendeine Bewandtnis mit diesem einfachen Schraubendreher haben, doch welche, hatte Frau Mann noch nicht herausbekommen.

Frau Mann und ihr Mann Hermann zogen also in einen Ort, der am Meer lag. Direkt am Meer, laut und zugig, aber das machte ihnen nichts aus. Krüppelkiefern wuchsen neben dem Haus, das auf einem Hügel stand und den Blick auf die stürmischen Wellen gewährte. Dieser Ort hatte nicht viele Einwohner, einen Dorfladen und einen Baumarkt. Selbstverständlich einen Baumarkt, schließlich war das die einzige Bedingung, die Hermann stellte. Ihm war es bisher gleich gewesen, wo er wohnte, nur der Baumarkt war wichtig. Und Frau Mann. Natürlich. Einmal sagte er ihr sogar, dass er ohne sie nicht mehr leben wolle und sie nie verlassen könne.
Jetzt allerdings schien es, als ob Hermann nicht nur wegen des Baumarktes und Frau Mann glücklich war. Oft saß er, mit einem Lächeln im Gesicht, im Garten neben dem Haus und schaute aufs Meer. Manchmal bewegte er dazu seine Lippen und brummelte in den Bart, den er sich wachsen ließ. Überhaupt veränderte sich Hermann mit einer Geschwindigkeit, die Frau Mann erstaunte. Er verließ gar nicht mehr so oft das Haus und war kaum noch mit baulichen Veränderungen beschäftigt.
Einmal nur brachte Hermann noch einen alten Wohnwagen vom Gelände des Baumarktes angeschleppt, den er im Garten aufstellte. Dieses, für Frau Mann funktionsuntüchtige, Gefährt hatte die Form eines Ostereies. Manchmal leuchtete es, besonders während des Sonnenunterganges, in kräftig orange-roten Tönen. Dann gefiel es auch Frau Mann. Doch Hermann hatte seine Frau bisher davon abgehalten, einen Blick ins Innere des Wohnwagens zu werfen. Schlich sich Frau Mann an den Wohnwagen, stand plötzlich Hermann vor ihr, fuchtelte mit dem Schraubenzieher und wiederholte ständig folgende Worte: „Es ist noch nicht an der Zeit, meine Liebe, noch nicht an der Zeit.“

Frau Mann fragte natürlich, wann es denn an der Zeit war, aber Hermann duldete in diesen Momenten keine Widerrede und war nicht wirklich an einem Gespräch interessiert.
So vergingen die Wochen.
Auf den Sommer folgte der Herbst, auf diesen der Winter und als es wieder Frühling wurde, bemerkte Frau Mann, dass auch sie sich veränderte. Inzwischen musste man nämlich nicht mehr genauer hinschauen, um die Zeichen zu sehen, die schon vor Monaten in Ansätzen vorhanden waren und die Frau Mann bisher erfolgreich verbergen konnte.
Auch Hermanns Veränderungen wurden immer deutlicher. Sein Bart reichte inzwischen bis zu den Oberschenkeln. Die Haare wuchsen nicht nur am Kopf herab, sondern zeitgleich in die Höhe.
Nun – mit einem Bart konnte Frau Mann nicht aufwarten. Ihre Haare allerdings türmten sich regelrecht auf ihrem Kopf. Weitere merkwürdige Dinge geschahen mit dem Wohnwagen. Er leuchtete und strahlte immer mehr, nicht nur während des Sonnenunterganges. Ab und an erklang ein Summen, was eindeutig aus dem Inneren des Wohnwagens stammte.

Hermann saß mittlerweile von früh bis spät im Wohnwagen. Sein Schraubenzieher musste bereits mehr als ein Schraubenzieher sein, denn wenn Frau Mann zu Hermann in den Wohnwagen schaute (sie durfte sich dem Gefährt inzwischen nähern, ohne von Hermann zurückgehalten zu werden), bemerkte sie, wie Hermann mit dem Werkzeug irgendwelche Koordinaten in ein Notizheft schrieb. Auch schien es, als ob der Baumarkt des Ortes, der sich einige Kilometer entfernt befunden hatte, näher an das Haus der beiden rückte. Manchmal hatte Frau Mann den Eindruck, dass sie direkt auf den Baumarkt blickte, wenn sie das Fenster ihres Schlafzimmers öffnete. Gern hätte sie mit Hermann darüber gesprochen. Doch dieser saß murmelnd im Wohnwagen vor dem Baumarkt.

Eines Morgens allerdings stand Hermann vor ihrem Bett.
„Zieh dich an, meine Liebe, schnell!“, sagte er und hielt ihr seinen Schraubenzieher entgegen. „Schnell! Schnell! Nun beeile dich doch!“
Erstaunt wollte Frau Mann den Kopf heben, um zu sehen, warum Hermann sich so untypisch verhielt, aber es gelang ihr nicht. Ihre Haare waren wie Blei und als sie den Kopf mit den Händen berührte, bemerkte sie, dass sich nicht nur Haare auf ihrem Kopf befanden. Links und rechts ragten zwei Antennen heraus, die sich mit Sicherheit nicht mehr verbergen ließen. Immer wieder tastete Frau Mann an ihnen herum.
Ja, jetzt ist es wirklich soweit, dachte sie. Denn auch der Haarturm ihres Mannes war zweigeteilt und seine Antennen leuchteten in den gleichen orangen Farben wie der Wohnwagen.
„Die Welt wird untergehen, mein Schatz, wenn wir nicht sofort abreisen“, sagte Hermann. „Beeile dich, unser Raumschiff steht bereit.“
„Du hast es also nicht geschafft?“, fragte Frau Mann und blickte Hermann traurig an.
„Nein, mein Schnuckel“, flüsterte er.
„Aber was wird jetzt?“ Frau Mann wollte sich nicht vorstellen, dass all die schönen Landschaften für sie bald nicht mehr existieren würden und sie nicht mehr auf das weite Meer blicken könnte, das es in ihrer Heimat nicht gab.
„Wir steigen in den Wohnwagen und verlassen diese Welt. Es ist die einzige Möglichkeit, ein Zeichen zu setzen. Vielleicht beginnen die Menschen sich zu wundern und nachzufragen. Es muss ihnen doch auffallen, dass wir nicht mehr da sind. Es hätte ihnen bereits auffallen müssen, als der Baumarkt von ihnen wegrückte.“
„Du hast recht, lass uns also gehen.“
Hermann half Frau Mann aus dem Bett, indem er den Schraubenzieher an ihre Antennen hielt. Magnetisch angezogen war es jetzt ein Leichtes, den Kopf zu heben. Frau Manns Antennen leuchteten daraufhin ebenfalls in den Farben des Wohnwagens, der sich als Raumschiff zu erkennen gab. Sie stiegen ein, das Summen wurde lauter und es gab einen mächtigen Knall.

-

„Was war das denn?“, fragte nur kurze Zeit später eine Spaziergängerin ihren Mann, als sie am Meer entlangliefen. „Und schau mal, hast du gesehen, wie sich der Hund eben verhielt?“
„Ich habe nichts gehört“, antwortete ihr Mann und umfasste die Hand seiner Frau ein wenig fester.
„Aber der Hund! Was schnüffelt denn der Hund wie verrückt!?!“
„Komm her! Alibaba! Fuß!“
Alibaba gehorchte und eilte zu seinem Herrchen.
„Was bringst du uns denn da? Leg ab! Braver Hund!“
Der Mann bückte sich und nahm einen Schraubenzieher auf, den Alibaba in den Sand fallen gelassen hatte.
„Da fällt mir ein“, sagte der Mann zu seiner Frau, „wir müssen morgen unbedingt in den Baumarkt. Ich habe noch einiges zu reparieren.“

Wissend nickte die Frau und war in Gedanken bei dem alten Wohnwagen, der unbewohnt auf dem Gelände des Baumarktes stand und von dem sie nicht wusste, wie er da hingekommen war.

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:-)

24
Dez
09

Habt einen schönen Weihnachtsabend,

.

ein frohes Fest und besinnliche Feiertage, ihr Lieben!
Und mein Geschenk an euch ist diese kleine Geschichte. Viel Vergnügen beim Lesen und eine ganz dicke Umarmung!
:-)
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Eduard van Louisenhof ist Angestellter einer mittleren Firma, die sich mit Kosmetikartikeln beschäftigt. Eigentlich ist das gelogen, denn Eduard ist Repräsentant für Kosmetikartikel.
Aber Angestellter klingt bedeutend besser, so meint er.

Als Repräsentant ist Eduard oft unterwegs. Eduard sieht viele Frauen und begehrt viele Frauen, verbringt jedoch nun bereits das fünfte Weihnachtsjahr allein unter seiner Tanne aus grüner Plastik.
„So eine Plastiktanne ist einfach pflegeleicht“, sagte Eduard neulich zu mir. „Man kann sie das ganze Jahr stehen lassen. Sie nadelt nicht und man sticht sich nicht an ihr. Die Staubflusen werden abgeschüttelt und ob mit Lametta oder Ostereiern behangen, sie sieht immer gut aus!“

Immer, wenn wir über Weihnachten sprechen, zanken wir uns.
Es ist nicht so, dass ich an diesen Tagen Freudensprünge mache, wenngleich ich den festlichen Abend im Kreise meiner Lieben genieße. Irgendwie ist der Heilige Abend auch immer ein wenig traurig.
Eduard jedoch ist in einem tieferen Zwiespalt. Einerseits freut er sich auf die Festtage, andererseits verfällt er in tiefe Depressionen. Alljährlich höre ich die immer gleichen Worte.

„Ich brauche dieses Jahr dringend eine Frau. Ich möchte sie unter meiner Plastik sitzen haben und mit ihr zu Abend speisen.“
Eduards Ton wird weinerlich.
„Woran liegt es nur, dass ich immer alleine bin?“
Ich versuche Eduard zu trösten und spreche ihm Mut zu. Er solle seine Suche nun endlich richtig angehen. Mit der nötigen Zuversicht wird es schon gelingen.

An den folgenden Tagen sehe ich Eduard kaum. Mir ist klar, Eduard sitzt von morgens bis abends in den verschiedenen Cafés unserer Stadt. Er spricht Frauen an und opfert seine gesamten Ersparnisse.

Eduard kauft langstielige Rosen.
Eduard bezahlt die Zeche.
Eduard ist Kavalier.
Eduard ist Charmeur.
Eduard ist einfach toll.

Eben rief mich Eduard an.

Seine tiefe Stimme, die immer ein wenig zurückhaltend wirkt, ist laut und klar, deutlich höre ich Freude heraus.
„Ich habe sie gefunden!“, schreit er in mein Ohr. „Sie ist es, auf sie habe ich mein Lebtag gewartet! Ich sah sie. Ich verliebte mich sofort in sie!“
Ich versuchte, ihm ins Wort zu fallen. Natürlich wollte ich mehr über sie erfahren. Ich wollte wissen, welche Frau das Herz meines Eduard erobert habe. Ich wollte ihm alles Glück der Welt wünschen.
„Sie ist einfach göttlich.“
Eduard holte tief Luft und ich erwartete einen weiteren Redeschwall.
„Sie ist perfekt! Ihre Haut ist straff. Leicht gebräunt und faltenlos. Das wundert mich ein wenig, ist sie doch kein junges Huhn mehr. Sie ist schlank, aber nicht mager. Sie ist an den richtigen Stellen gut gepolstert. Ich liebe ihre Figur!“
Eduard wird pathetisch.
„Marie“, sagt er voller Inbrunst zu mir, „auf dieses Geschöpf habe ich mein Lebtag gewartet. Als ich sie sah, als ich sie gestern in dieser kleinen Kneipe sah, du weißt schon, Marie, die Kneipe gleich in der Nähe meines Hauses, in der ich so manch einsame Nacht verbrachte, spürte ich sofort: Sie gehört zu mir! Ein kleines weißes Tuch betonte ihre Zartheit. Fast hilflos wirkte sie mit diesem Tuch auf ihrer leicht gebräunten Haut. Und sie trug rote Pumps an den zierlichen Füßchen. Ich sah sie immer nur schweigend an. Die kleinen, feinen Härchen stellten sich in meinem Nacken auf. Auch sie sah tief in meine Augen, ich spürte es, auch wenn sie keinen Wimpernschlag tat. Ewigkeiten verbrachte ich nur mit Blicken, tief in ihre angenehme Erscheinung versunken. Ich traute mich nicht, sie anzusprechen. Ich wollte auch den Wirt nicht nach ihr fragen. Sie blieb auf ihrem Platz. Zurückhaltend wird sie sein, dachte ich.“
Gespannt lauschte ich seinen Worten.
„Schließlich fasste ich mir ein Herz. Ich erhob mich und ging auf sie zu. Sie rührte sich noch immer nicht. Still und regungslos blieb sie. Nur das kleine, blütenweiße Tuch wurde von einem Luftzug leicht in Bewegung versetzt. Ich streckte ihr meine Hand entgegen, berührte sie ganz sacht, fühlte ihre Haut. Ich nahm sie vorsichtig auf und schritt frohgemut mit ihr zum Wirt. Dann beglich ich meine Rechnung, die höher ausfiel als erwartet. Doch für sie hätte ich wirklich mein letztes Hemd gegeben. Nun ist sie hier bei mir. Ich werde sie mir schmecken lassen.

Meine Weihnachtsgans.“

17
Dez
09

Verwebtes

.

Seit Wochen lebe ich mit einer Spinne vor dem Fenster. In ihrem Netz verfangen sich Fliegen und scheint die Sonne darauf, schillert es in den schönsten Farben. Morgens sind darin Tautropfen, die ich wie kostbare Perlen aufsammeln möchte.

Die Spinne selbst hat inzwischen einen mächtig dicken Leib. Im Netz ist ihr Vorrat für die nächsten Tage verwoben. Manchmal stehe ich am Fenster und beobachte, wie sie die Insekten vertilgt.

Heute allerdings ist die Spinne verschwunden. Der Wind oder der Regen hat sie davon getragen. Stattdessen sitzt ein kleiner Vogel auf dem Fensterbrett und schaut mir beim Schreiben zu. Neugierig hat er sich in die Nähe meines Schreibtisches getraut.
War es eben dieser Vogel, der die Spinne fraß?
-

Ich schließe die Vorhänge und sperre den Vogel aus.
Er fraß meine Spinne.

14
Dez
09

Monolog

.

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Erinnern Sie sich?

Sie müssen damals gerade frisch liiert gewesen sein, als ich Ihnen endlich begegnete.

Sie trugen einen roten Mantel, der Sie wie Knecht Ruprecht wirken ließ. Sie wissen schon, wie ein Weihnachtsmann, allerdings ohne dicken Bauch und weißem Bart.

Ich sagte es Ihnen doch auch, erinnern Sie sich?
Jedenfalls wirkten Sie sehr auffällig in Ihrem roten Mantel. Und Ihr Gesicht strahlte, als wären Sie in der ersten Verliebtheit. Wie setzten uns auf eine Bank im Park, und ich wollte gern Ihre Geschichte hören. Die Geschichte, die Sie dazu brachte das alltägliche Grau abzulegen und in diesen wunderschönen roten Mantel zu schlüpfen. Zuvor trugen Sie immer grau, ich konnte es beobachten, da Sie in meiner Nachbarschaft lebten.
Immer wenn Sie Ihr Haus verließen und mich bemerkten, neigten Sie Ihren Kopf zu einem kurzen Gruß. Wissen Sie wie glücklich Sie mich mit dieser Geste machten?
Ich, ein alter Mann und Sie, die junge Frau in grau. Das Grau verstand ich nie, ich dachte oft, wie gut würde Ihnen doch rot stehen oder blau oder eine andere strahlende Farbe. Jetzt kann ich es Ihnen ja gestehen, immer erschienen Sie so, als ob Sie nicht existieren wollen. Als ob Sie notgedrungen Ihr Haus verlassen müssen, vielleicht, um Lebensmittel zu kaufen, aber sich im Grunde gar nicht fortbewegen wollen. Auch heute ist mir nicht klar, ob Sie einer Tätigkeit nachgingen und wovon Sie damals Ihren Lebensunterhalt bestritten. Glauben Sie mir, ich saß oft an meinem Fenster und beobachtete Sie. Und immer trugen Sie diesen grauen Mantel und die klobigen schwarzen Schuhe, in denen Sie wie ein Mann wirkten. Ich verstand das Versteckspiel wirklich nicht, dabei hatte ich Sie einmal, ich bin sicher, Sie bemerkten es nicht, spärlich bekleidet gesehen. Eilig wechselten Sie Ihre Kleidung, es war nur Sekundensache. Ich sah Ihre schmalen Schultern, die zarten Brüste und Ihre langen Beine. Sie zogen sich um und staksten dabei durch das Zimmer. Hilflos sahen Sie aus, ein wenig wie ein Reh und als Sie angekleidet Ihre Wohnung verließen, waren Sie in Ihrem grauen Mantel und den klobigen Schuhen wieder wie ein Jüngling, nicht wie eine zarte Frau.

Und dann, eines Tages, trugen Sie diesen roten Mantel. Unter dem Mantel ein Kleid und an den Füßen zierliche Stiefelchen. Schön war das, Ihr langes schwarzes Haar lugte unter der Kappe hervor und auf dem Gesicht machte sich ein breites Lächeln Raum. Und Sie sahen mich an, als ich gerade in diesem Moment aus meiner Haustür trat. Sie neigten nicht nur den Kopf, sondern waren bereit mir Ihre Geschichte zu erzählen, die Geschichte, die Sie dazu brachte, das alltägliche Grau abzulegen.

Nun sitzen wir hier und ich lausche dem Nichts.

Sie erzählen nichts, denn ich sitze allein.
Ich sitze allein auf dieser Bank und schicke meine Fantasie auf Wanderschaft, während um mich herum die Menschen in Eile vorüber hasten. Ab und an streift mich ein mitleidiger Blick.

Meine Füße spielen mit vom Wind heran getriebenen letzten Blättern und es setzt sich Schnee in mein Haar.

11
Aug
09

Ohne Rückflugkarte

.

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Ich riss am Steuerknüppel der Boing 444, drückte verschiedene Knöpfe und gab laute Befehle, in der Absicht, das Flugzeug vor dem Absturz zu bewahren.
Umsonst. Es ging unaufhaltsam abwärts.
Sämtliche Besatzungsmitglieder waren wie gelähmt, was ich auf den Druckausfall und die nicht funktionierenden Sauerstoffmasken zurückführte. Die Technik reagierte nicht mehr. Näher und näher rückte die Erde, das Flugzeug war funktionsuntüchtig und ich völlig hilflos.

„Mayday mayday, this is Flugkaptitän Karl – Heinz Höhentiefer, hört mich jemand? Wir haben Druckverlust in der Kabine und Motorausfall, mayday mayday, ich versuche zu landen, bin über Hamburg, halten Sie mir den Luftraum frei …“

Hektisch wiederholte ich den Notruf. Keine Antwort. War das Signal überhaupt rausgegangen? Was konnte ich noch tun?
Hätte ich nur nicht die Fischsemmel gegessen, die mir Luise immer in die Tasche schmuggelte, sobald ich mich auf die Reise machte.
Luise ist meine Frau und stolze Besitzerin eines Fischsemmelimbisses. Schuld an der Situation, in der ich mich befand und in die ich sämtliche Fluggäste sowie das Personal gebracht hatte, war eine Gräte, die sich in meiner Kehle verfing. Gierig biss ich in die Semmel und verschluckte mich an eben dieser Fischgräte. Als ich hustend und wild gestikulierend versuchte, dieses üble Ding wieder loszuwerden, geriet ich versehentlich auf die Flugzeugarmaturen, die daraufhin verrückt spielten.

„Mayday, mayday ….“ Meine Rufe wurden leiser, das Atmen fiel mir schwerer. Raketengleich lief mein bisheriges Leben an mir vorbei. Sollte ich wirklich an einer Gräte zugrunde gehen?

Vielleicht war es sogar Absicht von Luise? Sobald ich mich auf eine meiner Flugreisen begab, beschwerte sie sich.
„Du bist so weit weg von mir wie der Mond von der Erde“, sagte sie erst heute Morgen wieder. „Immer bist du so weit weg.“
Hatte ich mich nicht erst kürzlich gefragt, was ich machen könnte, um dem Gezeter zu entgehen?
Was war sie aber auch für eine Heulsuse. Sie hatte mich mit meiner Leidenschaft fürs Fliegen kennen gelernt und wusste, dass ich nicht anders konnte.
„Ich werde dich immer und ewig lieben“, sagte sie damals. „Ganz gleich, wo du bist, wie lange du weg sein wirst, ich werde auf dich warten!“

Nun – ich war sicher. Sie liebte mich trotz ihres Zornes. Manchmal sogar ein wenig zu viel. Das war beklemmend und ich wünschte mich in solchen Momenten auf den Mond. Am besten ohne Rückflugkarte, das Einzige, was ich mitnehmen würde, war die dämliche Fischplastikdose, in die sie die Fischsemmeln packte. Als Andenken, sozusagen. An Fischsemmeln, die niemand so gut zubereiten konnte wie meine Luise.

Ich spürte, die Wut die Magenwände hinauf zur Gräte in den Hals steigen. Der Absturz interessierte mich schon gar nicht mehr.

Was nützte Luises ganze Schönheit. In all den Jahren schien sie nicht zu altern. Kehrte ich von meinen Flugreisen zurück, reichten ihre Beine noch immer bis zum Himmel und die Augen glichen wie eh und je tiefen Bergseen. Ihre Taille konnte ich genau wie vor zwanzig Jahren mit beiden Händen umfassen und die Brüste lagen wie kleine Äpfelchen in den Handflächen. Als wir uns kennen lernten, erbebte sie unter meinen Berührungen. Die Lust überkam uns an den verschiedensten Orten und zu den unmöglichsten Zeiten. Mehr als einmal trieben wir es im Wagen auf dem Weg zum Flughafen.
Damals begleitete sie mich noch zur Arbeit. Ich weiß noch, ich hätte längst im Cockpit sein sollen, doch sie ließ mich einfach nicht gehen. Immer und immer wieder verführte sie mich. Ich konnte nur mit Verspätung starten und es war mir gleich, dass sich die Fluggäste beschwerten. Natürlich musste das früher oder später Folgen haben.
Doch meiner Frau erzählte ich nie davon.

Ich hatte mich in sie verliebt, als wir vor vierzig Jahren gemeinsam vor einem Fernsehgerät saßen. Es war der 20. Juli 1969 und gespannt sahen wir zu, wie Apollo 11 auf dem Mond landete. Als Neil Amstrong den Mond betrat, flackerte das Bild. Ich versuchte, den Empfang zu verbessern und brach vor lauter Aufregung die Antenne des Privileg TV Gerätes ab. Luise lachte laut, klopfte mit der Hand auf das weiße Gehäuse und wie von Geisterhand erschien ein makelloses Bild. Nach diesem Abend trafen wir uns regelmäßig. Nicht lange darauf waren wir verheiratet.
Wenn ich mich recht entsinne, hatten wir zwanzig gute Jahre.

In den nächsten zwanzig Jahren erzählte ich Luise nie, wohin ich ging. Wie immer trug ich meine Uniform, wenn ich das Haus verließ und mich in einem leer stehenden Gebäude gegenüber versteckte. Sobald Luise unterwegs zum Fischsemmelimbiss war, verschanzte ich mich im Keller unseres Einfamilienhauses. Sie wusste nicht, dass die monatlichen Kontoeinnahmen aus dem Erbe meiner verstorbenen Schwester waren.
Luise wusste so einiges nicht.

Jetzt, da ich den Absturz des Flugzeuges im Keller simulierte, war ich sicher, dass es kein Zurück mehr gab. Luise würde weinen und mich beklagen, doch das war mir gleich.
Ich, Flugkapitän Karl – Heinz Höhentiefer a.D., schob mir mit den Fingern die Fischgräte noch tiefer in den Rachen. Den Würgereiz unterdrückend, starb ich mit einem glücklichen Lächeln im Gesicht.
In den Händen hielt ich eine gefaltete Boing 444.

09
Aug
09

Am Abend mancher Tage

“Sie gefallen mir gar nicht!“

Noch während Frau U., die gute Seele der Firma, diese Worte spricht, schießen mir die Tränen in die Augen.
Sie blickt mich an.
„Was ist mit Ihnen, Sie gefallen mir nicht!“, wiederholt sie.

Ich dränge die Feuchtigkeit in meinen Augen dahin zurück, wo sie hergekommen ist.
„Wenn sich nichts ändert, gehe ich.“
Das ist mehr, als ich sagen wollte. Es kostet mich alle Kraft, die wenigen Worte mit Nachdruck zu äußern.

Die Firmenfeier im besten Hotel der Stadt ist in vollem Gange. Frau U. zieht trotz Rauchverbots intensiv an ihrer Zigarette.
„In meinem Alter interessiert mich nicht mehr, wo man nun rauchen darf oder nicht!“, verkündete sie erst kürzlich und so lässt sie sich auch jetzt nicht davon abhalten.
Mitarbeiter begrüßen sich, gehen von Tisch zu Tisch, Küsschen rechts, Küsschen links, eine Floskel hier, eine Floskel da. Ich mag solche Veranstaltungen nicht, muss jedoch daran teilnehmen. Das erwartet man von mir. Man erwartet so einiges von mir. Mittlerweile erwartet man zu viel von mir und bemerkt nicht, dass die Höchstleistungskraft meiner Arbeitsfähigkeit längst ausgeschöpft ist. Stattdessen setzen Automatismen ein. Erfahrungswerte übernehmen das Denken. Ein Tag wie jeder andere. Morgens steige ich in die überfüllte U-Bahn. Abends bringt sie mich nachhause. Dazwischen manage ich die Geschäftstelle.
Nicht mehr als drei Worte benötigt es, um meine Person abschließend zu beschreiben. Zuverlässig. Souverän. Perfekt.
Achtzehn Jahre Firmenzugehörigkeit. Das muss man erst einmal nachmachen.

Toppen kann das nur Frau U., sie hat ihr Leben dem Unternehmen geschenkt.
Vergangenes Jahr wurde sie offiziell verabschiedet, pünktlich zum siebzigsten Geburtstag. Sie sollte für ein paar Wochen in ein Wellness-Hotel. Nicht dass sie da auch hingehört hätte, man wollte ihr wohl nur etwas Gutes tun. Dankend verzichtete sie darauf, gab die Reise zurück und saß es aus. Nur zwölf Monate brauchte es, bis der neu eingestellte Prokurist wieder entlassen wurde und die gute Seele ihre ursprüngliche Funktion in der Firma zurückerhielt
Ihre eindringliche Stimme holt mich zurück zur Realität.

„Sie wissen doch, Frau P., Sie können sich auf mich verlassen! Was also ist mit Ihnen los?“
Ich habe keine Lust, mich darüber zu unterhalten. Nicht an diesem Abend, den ich gerade so durchstehen kann.
„Lassen Sie uns später darüber sprechen, jetzt ist es der falsche Zeitpunkt.“

Frau U. bestellt Whisky. Sie mag keine süßen Liköre, ich ebenso wenig. Noch während wir schweigend trinken und rauchen, beginnt die Auszeichnung. Die Beine bereits whiskyschwanger, laufe ich mit antrainiertem Gesichtsausdruck nach vorn, nehme die Belobigungen entgegen, höre die Worte der Mitarbeiter, die an den vorderen Tischen sitzen, „Bleib doch gleich vorn stehen“, begebe mich wieder zurück an meinen Tisch, stehe erneut auf und bin schließlich froh, als dieser Teil der Veranstaltung beendet ist.
Als wäre die Eingangsrede nicht rührend genug gewesen, folgt nun auch noch eine Ausgangsrede.

Mein Zigarettenkonsum steigt. Gebannt hängen besonders die weiblichen Mitarbeiter mittleren Alters an den Lippen des Witwers. Er ist eine gute Partie und auch kein Kostverächter. So wird zumindest behauptet. Die einzig feste, weibliche Konstante an seiner Seite ist Frau U.
Ich höre etwas von: „Ziele erreicht, sogar übertroffen, in der heutigen, wirtschaftlich schwierigen Zeit“, sowie: „Wir haben Großes vor uns, gemeinsam werden wir auch das schaffen“, und wünsche mich auf eine ferne Insel.
Die Mitarbeiterin an einem der vorderen Tische ist besonders angetan. Von Feier zu Feier wird ihr Röckchen kürzer und die Brüste werden voller. Gleichermaßen schwinden die Falten und die Lippen schwellen an. Der Firmeninhaber ist auch nur ein Mann, versuchte ich irgendwann auf einer der letzten Veranstaltungen sein Verhalten zu entschuldigen, obwohl mich das alles gar nichts angeht. Es ist doch klar, dass er reagierte. Wobei letztendlich sein Verstand gesiegt haben muss. Warum sonst sollte die vollbusige Mitarbeiterin ihre Bemühungen verschärfen. Die gute Seele formuliert so etwas drastischer und da sie meinen Blicken gefolgt ist, verstehen wir uns zumindest in diesem Fall ohne Worte.
„In den nächsten Tagen werden wir Ihre Angelegenheit besprechen!“, kommt sie wieder auf den Punkt zurück. „Ich werde mich persönlich darum kümmern!“

Die Hitze beginnt in mir aufzusteigen. Frau U. meint es nur gut, versuche ich mich zu beruhigen. Es ist ungerecht, verärgert zu sein. Durch solche Stimmungen habe ich schon genug verloren.
Mittlerweile kann ich die Zeichen deuten. Diesmal jedoch bricht es mit einer Mächtigkeit aus, die mich selbst überrascht. Ich könnte schreien. Laufen. Weglaufen. Wütend auf den Tisch schlagen. Davon rennen. Alle zerren an mir herum. Jeder möchte etwas. Nicht einmal jetzt wird meinem Wunsch stattgegeben, nicht darüber zu sprechen. Es wird hinterfragt, immer und immer wieder. Ich habe keine Ruhe. Klar und deutlich habe ich zum Ausdruck gebracht, dass ich nicht darüber sprechen möchte, warum ist das nicht zu akzeptieren? Erneut wird gefragt, man kann mich einfach nicht in Frieden lassen. Ich will doch nur hier sitzen. Eigentlich will ich nicht einmal hier sitzen, man muss doch sehen, dass ich gar nicht hier sitzen möchte. Erkennt denn niemand, dass ich nur hier sitze, weil es erwartet wird? Damit ich den Vorstellungen genüge?
Mein Körper beginnt zu jucken. Die Röte kriecht vom Dekolletee den Hals hinauf, hinterlässt unschöne Flecken und wird bald meine Wangen erreicht haben. Sämtliche Haarwurzeln sind wie elektrisiert. Ich könnte mir jedes Haar einzeln vom Kopf reißen, damit ich endlich Genugtuung verspüre. Die Arme, Beine, der Bauch, das Jucken wird unerträglich. Mir ist klar, wohin das führt. Ich muss schleunigst versuchen, vom Tisch wegzukommen.

„Entschuldigen Sie“, kurz schaue ich die gute Seele an, bevor ich mich erhebe, „ich gehe mich mal eben frisch machen.“
Noch während ich die Worte ausspreche, denke ich, was für ein Unsinn. Warum wahre ich den Schein? Warum sage ich nicht, dass sie mich doch alle in Ruhe lassen können, mir es nach achtzehn Jahren Arbeit ohne Urlaub reicht, ich nur noch schlafen oder zumindest aus dieser Stadt weg will, die mich mit ihren Lichtern und Menschen und Autos wahnsinnig macht!
Ich eile auf die Toilette.
Schließe mich ein.
Kontrolliere, ob die Tür verschlossen ist. Reiße mir den Pullover vom Leibe und beginne meinen Körper zu kratzen. Die Arme, den Bauch, wieder die Arme. Es gibt ein schabendes Geräusch und je mehr ich schabe, umso lauter wird es. Je lauter das Geräusch wird, umso mehr Hautpartikel lösen sich.
Langsam werden blutige Striemen sichtbar. Ich kann nicht aufhören. Unter den Fingernägeln sammelt sich Blut. Ich kratze und schabe an den Unterarmen und schaue auf meine schwarze Seidenhose, die inzwischen aussieht, als sei ich in einen Wintereinbruch geraten. Die Stimme des Witwers, der noch immer mit der Abschlussrede beschäftigt ist, dringt durch die geschlossene Tür. Ein Wintermärchen, denke ich. Seine Frau starb im Winter. Seitdem arbeitet auch er ununterbrochen.
Mein Kratzen nimmt noch einmal an Geschwindigkeit zu, dann halte ich abrupt inne. Eine weitere Person betritt die Damentoilette. Am Klacken der Schuhe und an der Art des Gehens erkenne ich die Mitarbeiterin im kurzen Rock. Sie klackt durch den Raum und schließt sich zwei Türen neben mir ein. Ich höre, wie sie ihre Strumpfhose herunterzieht, ein Seufzen und die üblichen Erleichterungsgeräusche. Das Ganze dauert nur wenige Minuten, dann geht die Toilettenspülung. Ich wette mit mir selbst, ob sie das Waschbecken benutzen wird und verliere.
Während ich auf dem geschlossenen Toilettensitz hocke, massieren meine Hände den Nacken und streichen von da zum Hinterkopf. Langsam werde ich ruhiger. Vorsichtig öffne ich die Tür der kleinen Toilettenzelle, gehe eilig die paar Meter in den Vorraum zum Waschbecken und halte meine Arme unter das kalte, fließende Wasser. Glücklicherweise bin ich allein, als mein Blick in den Spiegel fällt. Das Gesicht, das mir entgegenblickt, hat wenig mit meinem eigenen zu tun.
„Es hat etwas länger gedauert.“
Flüsternd nehme ich neben der guten Seele Platz. Ihre Hand legt sich auf meinen Arm. Ich zucke zusammen. Die blutigen Striemen schmerzen. Sie schiebt den Ärmel des Pullovers hoch, wirft einen Blick darauf, zieht den Ärmel wieder herunter. Ich befürchte, dass sie etwas dazu sagen wird, doch sie schweigt und zündet sich die nächste Zigarette an.
Auf der Bühne spricht der Firmeninhaber letzte Sätze seiner ausdauernden Rede, bedankt sich nochmals und wünscht einen angenehmen Abend. Lauter Beifall setzt ein. Die sich anschließende Geräuschkulisse lässt mein Schweigen unauffälliger erscheinen.
Natürlich darf ich nicht lange schweigen. Die gute Seele nimmt das so nicht hin. Ich hätte mir denken können, dass sie es nicht auf sich beruhen lässt. In ihrer Bestimmtheit geht sie den Dingen immer auf den Grund.
„Vielleicht sollten Sie einen Arzt aufsuchen.“
Streng blickt sie mich an, will ihre Hand erneut auf meinen Arm legen und hält in der Bewegung inne.
„Ich denke nicht, dass das nötig ist.“
„Aber sehen Sie denn Ihren Zustand nicht? Das hängt doch mit Ihrem Problem zusammen! “ Sie zeigt auf meine Arme.
„Sie meinen die Kratzer? Das war die Katze. Es ist weiter nichts. Machen Sie sich keine Sorgen.“
Ich lüge gut. Es ist nicht der Abend für Wahrheiten.
„Lassen Sie uns noch ein Glas zusammen trinken. Danach verabschiede ich mich.“
Mit diesen Worten proste ich ihr lächelnd zu und bin dankbar, als sie sich einige Zeit später angeregt unterhaltend von mir abwendet.

Andere Mitarbeiter lachen und flirten, es wird geraucht, getrunken und gelästert. Röcke rutschen höher, Männerhände fassen wie versehentlich an weibliche Hüften und Hintern. Unter den Tischen wandern Frauenfüße an Männerbeinen entlang, nesteln an Reißverschlüssen und kommen im geöffneten Schritt zum stehen. Alles wie gehabt. Die üblichen Pärchen verlassen ganz unbemerkt nacheinander den Raum, um sich vor der Tür wieder zu finden. Das Lachen wird schriller und die Luft im Raum unerträglich.

Ich rufe ein Taxi.
Die Lichter des sich nähernden Fahrzeuges erhellen die Hotelauffahrt und ich bemerke erst jetzt eine Gestalt, von der ich nicht sagen kann, wie lange sie schon hinter mir steht.
„Teilen wir uns das Taxi.“
Der Firmeninhaber macht einen Schritt nach vorn und hält mir die Wagentür auf. Als wir nebeneinander sitzen, zieht er sein Sakko aus, entfernt die teuren Manschettenknöpfe und legt sie in ein Seidentuch, das er sorgfältig gefaltet in seiner Tasche verstaut. Er schiebt die Hemdärmel nach oben.
„Ich bin es leid“, sagt er.

Und entblößt blutige Striemen.

04
Jun
09

Pulsschläge – 16 -

Schalten wir doch einfach alles Soziale ab. Treffen wir uns nur noch zur Lustbefriedigung.
„Guten Tag. Eine eilige Ejakulation bitte.“
Am besten zwischen zwei Whiskey Cobbler und dem Honeymoon. Und wenn die Sterne günstig stehen, ejakulieren sie möglicherweise sogar ein zweites Mal.
„Hallo? Haben sie heute schon ihr Hor®oskop studiert?“
Wenn sie zweimal still halten, gehört der Diamant aus dem Geschäft der 5th Avenue ihnen und wollen sie vielleicht danach noch zu Balducci`s?

Ist das die Entwicklung, die wir nehmen werden? Noch empfinden wir nicht so. Und doch. Wie viel erspart man sich? Ging es uns gefangen im eigenen Ich nicht besser? Wie leicht scheint es, sich das einzureden. Wie einfach ist es doch zu versteinern. Was tragen wir heute nicht wieder für eine tolle Maske! Und bitte, wir wollen doch mal nicht daran rühren! Nähe? Die haben wir doch noch nie benötigt! Natürlich nicht. Selbst als Kind verzichteten wir maulig darauf. Gebrachte Geschenke wurden genommen und Zärtlichkeiten unter dem Mantel der Scham abgelehnt.
„Liebling? Würdest du bitte ‘Danke!’ sagen und der Tante einen Kuss geben?“
Klein Liebling packt das Geschenk und verschwindet im Nebenzimmer.
Die Erwachsenen? Am besten handhaben wir es doch auf die banale Art.
„Sie hätten gern mal wieder Sex?“
„Gern, ein neuer Wagen käme mir gerade recht.“
Doch was ist mit der Einsamkeit? Wie viele Kostbarkeiten sind nötig um sie zu ersticken? Jene Einsamkeit, die uns einholt, so sehr wir uns auch dagegen wehren. Die Einsamkeit, die nach uns greift und uns den Schlaf raubt. Einsamkeit, die sich auch mit Arbeit nicht betäuben lässt.
Mein Schneckenhaus ist greifbar nah. Es hat mir schon gute Dienste geleistet. Dort bin ich sicher. Und am Fenster ein Kaktus.

Der wider Erwarten blüht und junge Triebe bringt.

- Ende –




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