Ich riss am Steuerknüppel der Boing 444, drückte verschiedene Knöpfe und gab laute Befehle, in der Absicht, das Flugzeug vor dem Absturz zu bewahren.
Umsonst. Es ging unaufhaltsam abwärts.
Sämtliche Besatzungsmitglieder waren wie gelähmt, was ich auf den Druckausfall und die nicht funktionierenden Sauerstoffmasken zurückführte. Die Technik reagierte nicht mehr. Näher und näher rückte die Erde, das Flugzeug war funktionsuntüchtig und ich völlig hilflos.
„Mayday mayday, this is Flugkaptitän Karl – Heinz Höhentiefer, hört mich jemand? Wir haben Druckverlust in der Kabine und Motorausfall, mayday mayday, ich versuche zu landen, bin über Hamburg, halten Sie mir den Luftraum frei …“
Hektisch wiederholte ich den Notruf. Keine Antwort. War das Signal überhaupt rausgegangen? Was konnte ich noch tun?
Hätte ich nur nicht die Fischsemmel gegessen, die mir Luise immer in die Tasche schmuggelte, sobald ich mich auf die Reise machte.
Luise ist meine Frau und stolze Besitzerin eines Fischsemmelimbisses. Schuld an der Situation, in der ich mich befand und in die ich sämtliche Fluggäste sowie das Personal gebracht hatte, war eine Gräte, die sich in meiner Kehle verfing. Gierig biss ich in die Semmel und verschluckte mich an eben dieser Fischgräte. Als ich hustend und wild gestikulierend versuchte, dieses üble Ding wieder loszuwerden, geriet ich versehentlich auf die Flugzeugarmaturen, die daraufhin verrückt spielten.
„Mayday, mayday ….“ Meine Rufe wurden leiser, das Atmen fiel mir schwerer. Raketengleich lief mein bisheriges Leben an mir vorbei. Sollte ich wirklich an einer Gräte zugrunde gehen?
Vielleicht war es sogar Absicht von Luise? Sobald ich mich auf eine meiner Flugreisen begab, beschwerte sie sich.
„Du bist so weit weg von mir wie der Mond von der Erde“, sagte sie erst heute Morgen wieder. „Immer bist du so weit weg.“
Hatte ich mich nicht erst kürzlich gefragt, was ich machen könnte, um dem Gezeter zu entgehen?
Was war sie aber auch für eine Heulsuse. Sie hatte mich mit meiner Leidenschaft fürs Fliegen kennen gelernt und wusste, dass ich nicht anders konnte.
„Ich werde dich immer und ewig lieben“, sagte sie damals. „Ganz gleich, wo du bist, wie lange du weg sein wirst, ich werde auf dich warten!“
Nun – ich war sicher. Sie liebte mich trotz ihres Zornes. Manchmal sogar ein wenig zu viel. Das war beklemmend und ich wünschte mich in solchen Momenten auf den Mond. Am besten ohne Rückflugkarte, das Einzige, was ich mitnehmen würde, war die dämliche Fischplastikdose, in die sie die Fischsemmeln packte. Als Andenken, sozusagen. An Fischsemmeln, die niemand so gut zubereiten konnte wie meine Luise.
Ich spürte, die Wut die Magenwände hinauf zur Gräte in den Hals steigen. Der Absturz interessierte mich schon gar nicht mehr.
Was nützte Luises ganze Schönheit. In all den Jahren schien sie nicht zu altern. Kehrte ich von meinen Flugreisen zurück, reichten ihre Beine noch immer bis zum Himmel und die Augen glichen wie eh und je tiefen Bergseen. Ihre Taille konnte ich genau wie vor zwanzig Jahren mit beiden Händen umfassen und die Brüste lagen wie kleine Äpfelchen in den Handflächen. Als wir uns kennen lernten, erbebte sie unter meinen Berührungen. Die Lust überkam uns an den verschiedensten Orten und zu den unmöglichsten Zeiten. Mehr als einmal trieben wir es im Wagen auf dem Weg zum Flughafen.
Damals begleitete sie mich noch zur Arbeit. Ich weiß noch, ich hätte längst im Cockpit sein sollen, doch sie ließ mich einfach nicht gehen. Immer und immer wieder verführte sie mich. Ich konnte nur mit Verspätung starten und es war mir gleich, dass sich die Fluggäste beschwerten. Natürlich musste das früher oder später Folgen haben.
Doch meiner Frau erzählte ich nie davon.
Ich hatte mich in sie verliebt, als wir vor vierzig Jahren gemeinsam vor einem Fernsehgerät saßen. Es war der 20. Juli 1969 und gespannt sahen wir zu, wie Apollo 11 auf dem Mond landete. Als Neil Amstrong den Mond betrat, flackerte das Bild. Ich versuchte, den Empfang zu verbessern und brach vor lauter Aufregung die Antenne des Privileg TV Gerätes ab. Luise lachte laut, klopfte mit der Hand auf das weiße Gehäuse und wie von Geisterhand erschien ein makelloses Bild. Nach diesem Abend trafen wir uns regelmäßig. Nicht lange darauf waren wir verheiratet.
Wenn ich mich recht entsinne, hatten wir zwanzig gute Jahre.
In den nächsten zwanzig Jahren erzählte ich Luise nie, wohin ich ging. Wie immer trug ich meine Uniform, wenn ich das Haus verließ und mich in einem leer stehenden Gebäude gegenüber versteckte. Sobald Luise unterwegs zum Fischsemmelimbiss war, verschanzte ich mich im Keller unseres Einfamilienhauses. Sie wusste nicht, dass die monatlichen Kontoeinnahmen aus dem Erbe meiner verstorbenen Schwester waren.
Luise wusste so einiges nicht.
Jetzt, da ich den Absturz des Flugzeuges im Keller simulierte, war ich sicher, dass es kein Zurück mehr gab. Luise würde weinen und mich beklagen, doch das war mir gleich.
Ich, Flugkapitän Karl – Heinz Höhentiefer a.D., schob mir mit den Fingern die Fischgräte noch tiefer in den Rachen. Den Würgereiz unterdrückend, starb ich mit einem glücklichen Lächeln im Gesicht.
In den Händen hielt ich eine gefaltete Boing 444.
Noch während Frau U., die gute Seele der Firma, diese Worte spricht, schießen mir die Tränen in die Augen.
Sie blickt mich an.
„Was ist mit Ihnen, Sie gefallen mir nicht!“, wiederholt sie.
Ich dränge die Feuchtigkeit in meinen Augen dahin zurück, wo sie hergekommen ist.
„Wenn sich nichts ändert, gehe ich.“
Das ist mehr, als ich sagen wollte. Es kostet mich alle Kraft, die wenigen Worte mit Nachdruck zu äußern.
Die Firmenfeier im besten Hotel der Stadt ist in vollem Gange. Frau U. zieht trotz Rauchverbots intensiv an ihrer Zigarette.
„In meinem Alter interessiert mich nicht mehr, wo man nun rauchen darf oder nicht!“, verkündete sie erst kürzlich und so lässt sie sich auch jetzt nicht davon abhalten.
Mitarbeiter begrüßen sich, gehen von Tisch zu Tisch, Küsschen rechts, Küsschen links, eine Floskel hier, eine Floskel da. Ich mag solche Veranstaltungen nicht, muss jedoch daran teilnehmen. Das erwartet man von mir. Man erwartet so einiges von mir. Mittlerweile erwartet man zu viel von mir und bemerkt nicht, dass die Höchstleistungskraft meiner Arbeitsfähigkeit längst ausgeschöpft ist. Stattdessen setzen Automatismen ein. Erfahrungswerte übernehmen das Denken. Ein Tag wie jeder andere. Morgens steige ich in die überfüllte U-Bahn. Abends bringt sie mich nachhause. Dazwischen manage ich die Geschäftstelle.
Nicht mehr als drei Worte benötigt es, um meine Person abschließend zu beschreiben. Zuverlässig. Souverän. Perfekt.
Achtzehn Jahre Firmenzugehörigkeit. Das muss man erst einmal nachmachen.
Toppen kann das nur Frau U., sie hat ihr Leben dem Unternehmen geschenkt.
Vergangenes Jahr wurde sie offiziell verabschiedet, pünktlich zum siebzigsten Geburtstag. Sie sollte für ein paar Wochen in ein Wellness-Hotel. Nicht dass sie da auch hingehört hätte, man wollte ihr wohl nur etwas Gutes tun. Dankend verzichtete sie darauf, gab die Reise zurück und saß es aus. Nur zwölf Monate brauchte es, bis der neu eingestellte Prokurist wieder entlassen wurde und die gute Seele ihre ursprüngliche Funktion in der Firma zurückerhielt
Ihre eindringliche Stimme holt mich zurück zur Realität.
„Sie wissen doch, Frau P., Sie können sich auf mich verlassen! Was also ist mit Ihnen los?“
Ich habe keine Lust, mich darüber zu unterhalten. Nicht an diesem Abend, den ich gerade so durchstehen kann.
„Lassen Sie uns später darüber sprechen, jetzt ist es der falsche Zeitpunkt.“
Frau U. bestellt Whisky. Sie mag keine süßen Liköre, ich ebenso wenig. Noch während wir schweigend trinken und rauchen, beginnt die Auszeichnung. Die Beine bereits whiskyschwanger, laufe ich mit antrainiertem Gesichtsausdruck nach vorn, nehme die Belobigungen entgegen, höre die Worte der Mitarbeiter, die an den vorderen Tischen sitzen, „Bleib doch gleich vorn stehen“, begebe mich wieder zurück an meinen Tisch, stehe erneut auf und bin schließlich froh, als dieser Teil der Veranstaltung beendet ist.
Als wäre die Eingangsrede nicht rührend genug gewesen, folgt nun auch noch eine Ausgangsrede.
Mein Zigarettenkonsum steigt. Gebannt hängen besonders die weiblichen Mitarbeiter mittleren Alters an den Lippen des Witwers. Er ist eine gute Partie und auch kein Kostverächter. So wird zumindest behauptet. Die einzig feste, weibliche Konstante an seiner Seite ist Frau U.
Ich höre etwas von: „Ziele erreicht, sogar übertroffen, in der heutigen, wirtschaftlich schwierigen Zeit“, sowie: „Wir haben Großes vor uns, gemeinsam werden wir auch das schaffen“, und wünsche mich auf eine ferne Insel.
Die Mitarbeiterin an einem der vorderen Tische ist besonders angetan. Von Feier zu Feier wird ihr Röckchen kürzer und die Brüste werden voller. Gleichermaßen schwinden die Falten und die Lippen schwellen an. Der Firmeninhaber ist auch nur ein Mann, versuchte ich irgendwann auf einer der letzten Veranstaltungen sein Verhalten zu entschuldigen, obwohl mich das alles gar nichts angeht. Es ist doch klar, dass er reagierte. Wobei letztendlich sein Verstand gesiegt haben muss. Warum sonst sollte die vollbusige Mitarbeiterin ihre Bemühungen verschärfen. Die gute Seele formuliert so etwas drastischer und da sie meinen Blicken gefolgt ist, verstehen wir uns zumindest in diesem Fall ohne Worte.
„In den nächsten Tagen werden wir Ihre Angelegenheit besprechen!“, kommt sie wieder auf den Punkt zurück. „Ich werde mich persönlich darum kümmern!“
Die Hitze beginnt in mir aufzusteigen. Frau U. meint es nur gut, versuche ich mich zu beruhigen. Es ist ungerecht, verärgert zu sein. Durch solche Stimmungen habe ich schon genug verloren.
Mittlerweile kann ich die Zeichen deuten. Diesmal jedoch bricht es mit einer Mächtigkeit aus, die mich selbst überrascht. Ich könnte schreien. Laufen. Weglaufen. Wütend auf den Tisch schlagen. Davon rennen. Alle zerren an mir herum. Jeder möchte etwas. Nicht einmal jetzt wird meinem Wunsch stattgegeben, nicht darüber zu sprechen. Es wird hinterfragt, immer und immer wieder. Ich habe keine Ruhe. Klar und deutlich habe ich zum Ausdruck gebracht, dass ich nicht darüber sprechen möchte, warum ist das nicht zu akzeptieren? Erneut wird gefragt, man kann mich einfach nicht in Frieden lassen. Ich will doch nur hier sitzen. Eigentlich will ich nicht einmal hier sitzen, man muss doch sehen, dass ich gar nicht hier sitzen möchte. Erkennt denn niemand, dass ich nur hier sitze, weil es erwartet wird? Damit ich den Vorstellungen genüge?
Mein Körper beginnt zu jucken. Die Röte kriecht vom Dekolletee den Hals hinauf, hinterlässt unschöne Flecken und wird bald meine Wangen erreicht haben. Sämtliche Haarwurzeln sind wie elektrisiert. Ich könnte mir jedes Haar einzeln vom Kopf reißen, damit ich endlich Genugtuung verspüre. Die Arme, Beine, der Bauch, das Jucken wird unerträglich. Mir ist klar, wohin das führt. Ich muss schleunigst versuchen, vom Tisch wegzukommen.
„Entschuldigen Sie“, kurz schaue ich die gute Seele an, bevor ich mich erhebe, „ich gehe mich mal eben frisch machen.“
Noch während ich die Worte ausspreche, denke ich, was für ein Unsinn. Warum wahre ich den Schein? Warum sage ich nicht, dass sie mich doch alle in Ruhe lassen können, mir es nach achtzehn Jahren Arbeit ohne Urlaub reicht, ich nur noch schlafen oder zumindest aus dieser Stadt weg will, die mich mit ihren Lichtern und Menschen und Autos wahnsinnig macht!
Ich eile auf die Toilette.
Schließe mich ein.
Kontrolliere, ob die Tür verschlossen ist. Reiße mir den Pullover vom Leibe und beginne meinen Körper zu kratzen. Die Arme, den Bauch, wieder die Arme. Es gibt ein schabendes Geräusch und je mehr ich schabe, umso lauter wird es. Je lauter das Geräusch wird, umso mehr Hautpartikel lösen sich.
Langsam werden blutige Striemen sichtbar. Ich kann nicht aufhören. Unter den Fingernägeln sammelt sich Blut. Ich kratze und schabe an den Unterarmen und schaue auf meine schwarze Seidenhose, die inzwischen aussieht, als sei ich in einen Wintereinbruch geraten. Die Stimme des Witwers, der noch immer mit der Abschlussrede beschäftigt ist, dringt durch die geschlossene Tür. Ein Wintermärchen, denke ich. Seine Frau starb im Winter. Seitdem arbeitet auch er ununterbrochen.
Mein Kratzen nimmt noch einmal an Geschwindigkeit zu, dann halte ich abrupt inne. Eine weitere Person betritt die Damentoilette. Am Klacken der Schuhe und an der Art des Gehens erkenne ich die Mitarbeiterin im kurzen Rock. Sie klackt durch den Raum und schließt sich zwei Türen neben mir ein. Ich höre, wie sie ihre Strumpfhose herunterzieht, ein Seufzen und die üblichen Erleichterungsgeräusche. Das Ganze dauert nur wenige Minuten, dann geht die Toilettenspülung. Ich wette mit mir selbst, ob sie das Waschbecken benutzen wird und verliere.
Während ich auf dem geschlossenen Toilettensitz hocke, massieren meine Hände den Nacken und streichen von da zum Hinterkopf. Langsam werde ich ruhiger. Vorsichtig öffne ich die Tür der kleinen Toilettenzelle, gehe eilig die paar Meter in den Vorraum zum Waschbecken und halte meine Arme unter das kalte, fließende Wasser. Glücklicherweise bin ich allein, als mein Blick in den Spiegel fällt. Das Gesicht, das mir entgegenblickt, hat wenig mit meinem eigenen zu tun.
„Es hat etwas länger gedauert.“
Flüsternd nehme ich neben der guten Seele Platz. Ihre Hand legt sich auf meinen Arm. Ich zucke zusammen. Die blutigen Striemen schmerzen. Sie schiebt den Ärmel des Pullovers hoch, wirft einen Blick darauf, zieht den Ärmel wieder herunter. Ich befürchte, dass sie etwas dazu sagen wird, doch sie schweigt und zündet sich die nächste Zigarette an.
Auf der Bühne spricht der Firmeninhaber letzte Sätze seiner ausdauernden Rede, bedankt sich nochmals und wünscht einen angenehmen Abend. Lauter Beifall setzt ein. Die sich anschließende Geräuschkulisse lässt mein Schweigen unauffälliger erscheinen.
Natürlich darf ich nicht lange schweigen. Die gute Seele nimmt das so nicht hin. Ich hätte mir denken können, dass sie es nicht auf sich beruhen lässt. In ihrer Bestimmtheit geht sie den Dingen immer auf den Grund.
„Vielleicht sollten Sie einen Arzt aufsuchen.“
Streng blickt sie mich an, will ihre Hand erneut auf meinen Arm legen und hält in der Bewegung inne.
„Ich denke nicht, dass das nötig ist.“
„Aber sehen Sie denn Ihren Zustand nicht? Das hängt doch mit Ihrem Problem zusammen! “ Sie zeigt auf meine Arme.
„Sie meinen die Kratzer? Das war die Katze. Es ist weiter nichts. Machen Sie sich keine Sorgen.“
Ich lüge gut. Es ist nicht der Abend für Wahrheiten.
„Lassen Sie uns noch ein Glas zusammen trinken. Danach verabschiede ich mich.“
Mit diesen Worten proste ich ihr lächelnd zu und bin dankbar, als sie sich einige Zeit später angeregt unterhaltend von mir abwendet.
Andere Mitarbeiter lachen und flirten, es wird geraucht, getrunken und gelästert. Röcke rutschen höher, Männerhände fassen wie versehentlich an weibliche Hüften und Hintern. Unter den Tischen wandern Frauenfüße an Männerbeinen entlang, nesteln an Reißverschlüssen und kommen im geöffneten Schritt zum stehen. Alles wie gehabt. Die üblichen Pärchen verlassen ganz unbemerkt nacheinander den Raum, um sich vor der Tür wieder zu finden. Das Lachen wird schriller und die Luft im Raum unerträglich.
Ich rufe ein Taxi.
Die Lichter des sich nähernden Fahrzeuges erhellen die Hotelauffahrt und ich bemerke erst jetzt eine Gestalt, von der ich nicht sagen kann, wie lange sie schon hinter mir steht.
„Teilen wir uns das Taxi.“
Der Firmeninhaber macht einen Schritt nach vorn und hält mir die Wagentür auf. Als wir nebeneinander sitzen, zieht er sein Sakko aus, entfernt die teuren Manschettenknöpfe und legt sie in ein Seidentuch, das er sorgfältig gefaltet in seiner Tasche verstaut. Er schiebt die Hemdärmel nach oben.
„Ich bin es leid“, sagt er.
Schalten wir doch einfach alles Soziale ab. Treffen wir uns nur noch zur Lustbefriedigung.
„Guten Tag. Eine eilige Ejakulation bitte.“
Am besten zwischen zwei Whiskey Cobbler und dem Honeymoon. Und wenn die Sterne günstig stehen, ejakulieren sie möglicherweise sogar ein zweites Mal.
„Hallo? Haben sie heute schon ihr Hor®oskop studiert?“
Wenn sie zweimal still halten, gehört der Diamant aus dem Geschäft der 5th Avenue ihnen und wollen sie vielleicht danach noch zu Balducci`s?
Ist das die Entwicklung, die wir nehmen werden? Noch empfinden wir nicht so. Und doch. Wie viel erspart man sich? Ging es uns gefangen im eigenen Ich nicht besser? Wie leicht scheint es, sich das einzureden. Wie einfach ist es doch zu versteinern. Was tragen wir heute nicht wieder für eine tolle Maske! Und bitte, wir wollen doch mal nicht daran rühren! Nähe? Die haben wir doch noch nie benötigt! Natürlich nicht. Selbst als Kind verzichteten wir maulig darauf. Gebrachte Geschenke wurden genommen und Zärtlichkeiten unter dem Mantel der Scham abgelehnt.
„Liebling? Würdest du bitte ‘Danke!’ sagen und der Tante einen Kuss geben?“
Klein Liebling packt das Geschenk und verschwindet im Nebenzimmer.
Die Erwachsenen? Am besten handhaben wir es doch auf die banale Art.
„Sie hätten gern mal wieder Sex?“
„Gern, ein neuer Wagen käme mir gerade recht.“
Doch was ist mit der Einsamkeit? Wie viele Kostbarkeiten sind nötig um sie zu ersticken? Jene Einsamkeit, die uns einholt, so sehr wir uns auch dagegen wehren. Die Einsamkeit, die nach uns greift und uns den Schlaf raubt. Einsamkeit, die sich auch mit Arbeit nicht betäuben lässt.
Mein Schneckenhaus ist greifbar nah. Es hat mir schon gute Dienste geleistet. Dort bin ich sicher. Und am Fenster ein Kaktus.
Meinen eigenen Schweiß riechend, erwache ich.
Mücken überfallen mich, obwohl ich doch stets darauf achte, das Licht bei offenem Fenster gelöscht zu halten. Vergangene Nacht müssen sie sich eingeschlichen haben. Mein ganzer Körper ist von Stichen übersät und juckt unerträglich. Meine Fingernägel verletzen die Haut und hinterlassen blutige Striemen. Ich werde meine Nägel kontrollieren müssen. Gut, dass ich meine Kleidung nicht ablege und die Wunden verborgen bleiben. Was will das Ungeziefer nur? Mein Blut? Ich schlage wiederholt auf mich ein, um die saugende Mücke auf meiner Wange zu töten. Erfolgreich. Wieder ein Weibchen erschlagen. Eine ruhestörende Sirene weniger. Was bleibt ist ein blutiges Etwas mit herausragenden, filigranen schwarzen Gliedern. Ich wische dieses Etwas achtlos aus meinem Gesicht. Die Mücke ist tot, verwischt und dennoch nicht verschwunden.
Vielleicht wollen diese Blutsauger meine Gedanken? Und was ist mit den Gefühlen? Wieder einmal bewegen sich Alles im Kreis und ich überlege, ob es nicht besser wäre, ganz abzuschalten. Einmal durchschütteln bitte. Gut durchgeschüttelt wird es zum Einheitsbrei. Im Shaker mit gecrashtem Eis. Wir wollen doch immer schön cool bleiben… als Garnitur wahlweise eine schöne lange Selleriestange oder doch lieber eine knackige Cocktailkirsche? Oder hätten sie es gern flambiert? Und nicht vergessen, den Schalter umzulegen.
Noch bin ich voller Sehnsucht nach seinen Händen. Ich vermisse seinen Rücken, der sich mir voller Zuneigung entgegenstreckt und sich ungeduldig bewegt, sobald meine Hand nicht mehr auf seiner Haut ruht. Sein Blick, der bis in mein Innerstes dringt. Er saß mir gegenüber, der Blick leer und ausgebrannt. Seine Augen wirkten unheimlich müde.
„Es war so schön hier mit dir und nun wird wieder alles so still…“
Wann sagte er es liebevoll? Schwang in seiner Stimme bei ihrem letzten Treffen nicht auch Wut mit? Da war doch noch etwas. Nennen wir es Freude am Leben. Intensive Gefühle? Wann hörten wir zuletzt Musik und gaben uns ihr hin?
Eine umgestürzte Tanne erschwert zusätzlich das Vorwärtskommen.
Die Spitze der Tanne bewegt sich und als sie genauer hinsieht, erblickt sie zwei kopulierende Ratten, die sich einen Weg durch grüne Nadeln bahnen. Nun muss erwähnt werden, dass Frau Christine Tochterhagen erst kürzlich eine mehr als unangenehme Begegnung mit gerade eben diesen Tieren hinter sich gebracht hatte. Nicht verwunderlich also, dass sie versteinert, als sie zwei besonders ausgeprägte, riesige Tiere erblickt. Zu allem Überfluss starren vier rote Augen in Christines Gesicht, während die dazugehörigen Körper weiter der Vermehrung nachgehen. Ratten sind ca. vierundzwanzig Tage schwanger. Danach werfen sie acht bis zwölf Rattenwelpen, die nach vier bis sechs Wochen geschlechtsreif sind. Fände sie also keinen Weg aus dem Dickicht, wäre sie binnen kürzester Zeit von Ratten umzingelt.
Ihre Panik verstärkt sich. Gern hätte sie den Vogel begraben, hätte ihn in das Waldstück gebracht. Sie kann ihn doch nicht einfach so liegen lassen. Doch da waren die Ratten. Wann würden sie sich ans Tageslicht kopulieren? Christine läuft weiter, findet eine passende Stelle und begräbt den Vogel. Sie verspürt wenig Lust, wieder in die Nähe von Manfred zu gelangen. Ihre Schritte sind schleppend, als sie den Wald verlässt. Schon von weitem sieht sie Manfreds kahl werdenden Kopf, der aus dem Fenster hängt. Entweder er isst, oder er beobachtet seine Umwelt. Noch immer ist seine schwammige Gestalt im Unterhemd. Was würde geschehen, stürzte Manfred einfach so aus dem Fenster eines zwölfstöckigen Wohnblocks? Würde er es überleben? Er läge auf dem Boden, das Unterhemd blutig und sicher wäre er tot. Tot wie der Vogel, den sie eben beerdigte.
Christine malt sich Manfreds Begräbnis aus und währenddessen biegt der Leichenwagen in die Straße ein.
Ebold, der Fahrer, winkt ihr wie immer freundlich zu. Stets ist er gut gelaunt, trotz der toten Fracht, die hinter seinem Rücken liegt. Würde es eigentlich auffallen, wenn er zu der transportierenden Leiche eine Leiche zusätzlich deponieren würde? Natürlich müsste es eine Feuerbestattung sein, zu der er seine Fracht bringt. Aber auch das ist heutzutage nicht mehr ganz so einfach. Hörte sie nicht neulich erst von einer Frau, die wochenlang im Kühlhaus lag, bevor sie bestattet wurde? Frau Christine Tochterhagen allerdings ist sich sicher, dass auch Manfred einmal von Ebold transportiert wird.
Wieder sehe ich Frau Christine Tochterhagen am Tisch sitzen.
Es stinkt. Der Raps, der seinen aufdringlichen Duft bis zu uns ins Haus weht, ist störend. Wie Manfred, der ihr gegenüber sitzt. Sie sieht durch ihn hindurch, doch sie riecht ihn. Seit Neuestem betritt er im Unterhemd das Esszimmer, um so dem Frühstücksritual beizuwohnen. Ungeduscht und unrasiert sitzt er ihr gegenüber und stinkt. Sie beginnt, den Rapsgeruch zu lieben. Er übertüncht mit seinem gelben Geruch sämtliche andere vorhandenen Gerüche. Das Blättern der Lokalzeitung, die Manfred mit fettigen Fingern vor seinem Schädel hält, ist im Moment das einzige Geräusch. Manfred wird nicht mehr lange mit der Morgenzeitung beschäftigt sein. Er wird sich erheben, die Toilette aufsuchen, aus der dann Töne der Erleichterung dringen.
Heute soll es zum Mittag Herz geben. Vor langer Zeit waren sie zumindest noch kulinarisch kompatible, doch auch das änderte sich mit den Jahren. Frau Christine Tochterhagen hasst Herz. Ebenso wie die neu eingerichtete Küche, diesen Traum in Edelstahl und kühlem Grau mit großen weiten Arbeitsflächen und blinkenden immer frisch geschliffenen Messern. Noch raschelt die Morgenzeitung, doch das Rascheln wird nicht mehr lang anhalten.
„Christine!!“, hört sie ihn rufen. „Wenn ich von der Toilette zurück bin, müssen wir uns über die Zubereitung des Herzens unterhalten!“
„Es ist noch Zeit, Manfred. Sehr viel Zeit“, antwortet sie und nimmt ihren Mantel vom Haken. Sie wirft die Tür hinter sich ins Schloss. An der detaillierten Darstellung seiner Verdauung ist sie nicht im Mindesten interessiert. Auch nicht an den Geräuschen, die er dabei von sich gibt. Sein nerviges „Christineeeeee!!“, das aus dem geöffneten Fenster über die Straße tönt, überhört sie. Sie geht einfach weiter und bemerkt den Vogel, der vor ihr auf dem Gehsteig liegt. Er war bereits tot. Es muss ein klares „klack“ gegeben haben, als er vom Ast stürzte. Oder vielleicht doch ein dumpfes „plapp“. Ihr fällt der krumme Schnabel des Tieres auf. Der Vogel stand sicher in der „Hackordnung“ ziemlich weit oben. Oder er war, als er noch lebte, eine Art Paradiesvogel. Sein Kopf ist leicht verdreht und der zierliche Körper unnatürlich gekrümmt.
Geraume Zeit steht Christine vor dem Vogel. Sie überlegt, ob sie ihn in die Erde betten soll. Sie weiß nicht, was das ist, mit den fliegenden Gefährten. Sie weiß nicht, wieso gerade sie immer auf tote oder sich in Gefahr befindliche Vögel trifft. Erst neulich kam Christine dazu, wie ein Amselmännchen um sein Weibchen trauerte. Das Amselweibchen war auf der Straße überfahren worden. Ungeachtet des fließenden Verkehrs hüpfte das Männchen um sein totes Weibchen, flatterte aufgeregt mit den Flügeln und wollte die Straße nicht verlassen. Christine lief zu dem Amselmännchen, nahm es vorsichtig in ihre, zu einer Schale geformten Handflächen und trug es von der Straße. Den kleinen, warmen Körper des Tieres spürend, war Christine den Tränen nahe. Sie lief ein ganzes Stück mit dem Vogel in der Hand, bis sie ihn an einem Waldrand setzte. Er hüpfte ein paar Mal hin und her und flog dann davon.
Dieser Vogel jetzt lag jedoch gekrümmt auf dem Gehsteig und früher oder später würden Kinderwagen über ihn fahren, Katzen würden mit ihm spielen. Es wäre wichtig, den Vogel zu begraben. Christine geht, den Vogel in der Hand, zum Weg, der kaum sichtbar durch das angrenzende Waldstück führt.
Teilnahmslos lehne ich in meinem Stuhl.
Die Unterarme auf der Lehne ruhend, zeigen meine Finger nach unten. Ich beobachte meine Hände, meine Finger. Durch die Stellung der Arme beginnen die Finger zu kribbeln. Ameisen laufen emsig auf dem abgerissenen Nagelbett und arbeiten sich die Arme bis zu den Schultern hinauf. Ich wechsle meine Haltung und richte mich auf. Ich beginne zu frösteln. Ich erhebe mich, öffne die Kommode und finde ein warmes Kleidungsstück meines Mannes. Ich bemerke kleine Löcher im Wollstoff und denke, es werden die Motten sein.
Wann tötete ich zuletzt eine Motte und bemerkte den Staub, der aus ihr fällt?
Asche zu Asche. Staub zu Staub.
Am schnellsten erwischt man die Motte, umschwirrt sie das Licht.
Gedanken umschwirren mich wie Motten das Licht.
Ich habe eine Phobie. Sobald etwas Flatterndes meinen Kopf umschwirrt, werde ich panisch. Neulich waren es die Sittiche meines Bekannten, die im Wohnzimmer Freiflug hatten. Er lässt sie frei fliegen und verschafft den armen Vögeln das Gefühl einer Freiflugillusion. Der Freiheit von einhundert Quadratmetern.
Oft stehe ich mit meinem Mann am Fenster und wir beobachten die vom Himmel fallenden Vögel. Leise und verhalten stehen wir da und erwarten einen lauten Aufprall, der jedoch nie erfolgt. Die Vögel fallen nicht auf den Boden, kurz zuvor erheben sie sich mit starken Schwingen und fliegen aufwärts, knapp am Fenster vorbei. Eng umschlungen stehen wir an eben diesem Fenster, mein Bauch ist an seinen Rücken gepresst und wir fühlen die Körperwärme der sich einander begehrenden Leiber. Die Gedanken fallen. Und erheben sich erneut.
Die Schmerzen im Kopf werden weniger, die Hitze weicht einem wohligen vor sich hin dämmern.
Mein Kaffee ist getrunken. Ich wünschte, mein Mann wäre bei mir. Ich denke an sein breites Bett, auf dem wir manches Mal einfach nur so liegen. Manchmal schläft er ein und ich kann ihn unbemerkt beobachten.
Ein Fisch, denke ich mir dann. Er muss ein Fisch sein. Sein stummer Mund bewegt sich, als ob seine Zunge noch am Leben sei. Auf und zu. Auf und zu. Sein breitlippiger Mund formt Worte, die für mich unverständlich sind. Sacht drehe ich mich auf die andere Seite um seinen Schlaf nicht zu stören. Leise tastet sich eine haarige Hand mit spinnenförmigen Fingern an mich heran und berührt meine Haut. Die Hand tastet weiter, sucht den Weg zu meinen Geheimnissen und verharrt angekommen fast bewegungslos. Apathisch fließe ich mit dem Laken und bemühe mich lautlos zu atmen. Der Atem wird schwerer, die Hand fordernder. Ich will mich schlafend stellen, doch es gelingt mir nicht. Vorsichtig hebe ich den Kopf und betrachte sein haariges Hinterteil, das sich im undefinierbaren Rhythmus auf und ab bewegt. Die aufgestellten Härchen stechen mir mit unsagbarer Grausamkeit in die Augen.
Plötzlich sehe ich die Spinne an der Wand. Groß und bepetzt klebt sie breitbeinig an der Wand. Eng dagegen gepresst, jede noch so geringe Unebenheit kann dieses haarige Ding zwischen den weit ab gespreizten Beinen genau spüren.
Warum hört die Bewegung plötzlich auf? Wieso hört sie auf? Er ist gefangen in seiner Breitbeinigkeit und gefangen in seiner Stummheit wie ein Fisch auf dem Trockenen.
Mit einer beiläufig wirkenden Bewegung drehe ich mich erneut.
DA! Was macht der Segelflieger auf dem Fenstersims??
Kraftvolle Flügel schwingen im Rhythmus des haarigen Hinterteils.
Vorsichtig erhebe ich mich, ich habe Durst. Weshalb fließt das Wasser zurück in die Leitung, sobald ich meinen Kopf kühlen will? Ich werde verdursten. Am fließenden Wasser verdursten. Flächigbreitporiggraue Gesichter pressen sich gegen das Fenster, offene Münder benetzen und verschmieren die Scheibe mit Speichel, riesige Ohren, die wie Muscheln wirken, durchdringen das Glas, jeder auch noch so leiseste Laut verschwindet in der Tiefe dieser Ohren.
Ich bemerke, dass das Sofa mich beobachtet. Es starrt mich an. Nein, das ist keine schadhafte Stelle, das ist das Auge. Ein großes, weit aufgerissenes, braunes, glotzäugiges Auge. Was will das Auge von mir? Es hört nicht auf zu starren. Ich drehe mich erneut, sehe die haarige, leblos wirkende gespreizte Spinne an der Wand und fühle mich auch von ihr beobachtet. Ich wende mich zum Fenster, dort sitzt der Segelflieger, die Schwingen breit in meine Richtung geöffnet und meine Angst riechend. Ich krieche unter die Decke. Dort wartet das haarige Hinterteil. Ich hebe den Kopf, sehe nach links, nach rechts, nach oben und unten, überall ist der stumme Fisch auf dem Trockenen, sind die stummen Lippenbewegungen. Weg! Denke ich. Ich will weg!!
Neben mir eine Bewegung. Eine selbstverständliche, bereits tausendmal vollzogene Bewegung. Ein Männerarm zieht mich sacht an sich heran.
„Du hast geträumt, meine Liebe. Du hast geträumt. Ich bin da.“
Wohlig seufzend rolle ich mich auf ihn. Ertrinke in meiner eigenen Feuchtigkeit.
Ich finde alte Briefe der vergangenen Frau ihres vergangenen Mannes.
Die Schmerzen im Kopf melden sich verstärkt zurück. Ich erhebe mich und stoße mich am Türrahmen auf dem Weg zum Medikament. Bevor ich die nächsten meiner Tabletten nehme, sollte ich essen. Ich werde Magenkrämpfe bekommen, von den Tabletten auf nüchternem Magen. Ich zwinge mich dazu, bereite mir ein Brot und schlinge es hastig hinunter, werfe beide Tabletten nach.
Hitze steigt langsam vom Magen über die Speiseröhre bis in den Kopf. Der Schmerz wird bald nachlassen.
Warum musste ich auch Briefe der vergangenen Frau meines vergangenen Mannes finden? Die gedruckten Buchstaben eines Briefes, den die Frau vor fast zehn Jahren schrieb, weisen vom Schriftbild auf ein einfaches Schreibprogramm eines einfachen Rechners hin. Nicht einmal die Unterschrift der vergangenen Frau ist handgeschrieben.
Alte Erinnerungen steigen zur Hitze in den Kopf.
Ich sehe die vergangene Frau neben mir in der heimeligen Küche sitzen und mich mit ihr über den gemeinsamen Mann sprechen.
Es ist 3.00 Uhr, die vergangene Frau kam nicht zur Ruhe, in ihrer Liebe zum vergangenen Mann. Sie fuhr mehr als 200 km, mitten in der Nacht. Sie ließ die gemeinsamen Kinder allein in der Wohnung, um mit ihrem vergangenem Mann und der neuen Frau zu sprechen. Sie schrie hysterisch auf der Straße der neuen Frau, nach ihrem vergangenen Mann. Sie zerstörte und trat gegen das neue Auto der neuen Frau ihres vergangenen Mannes. Der vergangene Mann verließ fluchtartig das Haus durch das Kellerfenster, in Angst vor den Anfällen seiner vergangenen Frau und ließ seine neue Frau mit der vergangenen Frau allein. Die neue Frau holte schließlich die schreiende vergangene Frau in ihre Wohnküche. Die vergangene Frau wollte nicht glauben, dass sich ihr vergangener Mann nicht in der Wohnung der neuen Frau befand. Sie konnte nicht wissen, dass er aus Angst um sein Leben die neue Wohnung durch ein altes Kellerfenster verlassen hatte. Die neue und die vergangene Frau bemühten sich um ein klärendes Gespräch. Drei Stunden später konnte die neue Frau die vergangene Frau davon überzeugen, dass es besser wäre, die kleinen Kinder der vergangenen Frau und ihres neuen Mannes nicht länger allein in der fernen Wohnung zu lassen. Noch immer hysterisch verließ die vergangene Frau die Wohnung der neuen Frau. Der vergangene Mann kehrte durch das geöffnete Kellerfenster zur neuen Frau in die neue Wohnung zurück.
Die neue Frau und der neue Mann sprachen am folgenden Tag nicht ein gemeinsames Wort.
Es ist das alltägliche Szenario. Die Ältere der Nachbarskinder weint. Die Mutter schreit.
„nun beeile dich doch mal, wie lange soll ich denn noch warten, du wirst nie selbständig, nun mach doch mal deine jacke alleine zu, was willst du mit deinem kuscheltier im kindergarten, sollen dich die anderen kinder auslachen, wirst du wohl deine schuhe richtig herum anziehen, wieso kannst du noch immer keine schleifen binden, zieh die dreckigen stiefel aus, du sollst deine halbschuhe anziehen, hör endlich mit dem gewinsel auf, bist du noch immer nicht fertig, nimm dir ein beispiel an deiner schwester, die ist jünger als du und bereitet mir nicht diesen ärger, wann wirst du endlich aufhören mit der langsamkeit, hast du eigentlich dein frühstücksbrot aufgegessen, du hast dich doch schon wieder mit schokolade beschmiert, jetzt können wir von vorn beginnen, zieh deine jacke aus und den pullover kann ich gleich wieder waschen, ich hatte die ganze woche wäsche, nie werde ich fertig, warum heulst du jetzt auch noch, immer musst du dich benehmen wie ein schwein, nimm dir ein beispiel an deiner jüngeren schwester, sei still, still, still, still!“
Das Mädchen weint, weil es am Ohr vom Hausflur in die Wohnung zurück gezerrt wird.
Ich denke: das übliche Theater. Das geht jetzt noch so, bis die Mutter mit den zwei Mädchen auf dem Weg zum Kindergarten ist. Einmal sprach ich mit meiner Nachbarin darüber und versuchte zu erklären, dass die Kinder darunter leiden. Die Nachbarin verstand es nicht. Freitags ist sie besonders gereizt.
Freitag.
Ein Tag, an dem die Schuldner unbesorgt sein können. Der Wochentag, an dem ich mir frei genommen habe.
Ich beschließe mich abzulenken und beginne in Schränken und Schubladen zu kramen.
Neueste Kommentare