wünsche ich euch ein schönes, liebevolles, gemeinsames Wochenende.
Beieinandersitzen
Ein Gedicht von Heinz Kahlau
Einfach beieinandersitzen,
tut mir gut und macht mich froh,
dieses stille Beieinander
war bei keiner andern so.
Ohne Zeichen, ohne Rede
steigen wir aus unsrer Hast,
setzen wir uns hin und schweigen,
halten beieinander Rast.
Jeder ist dann auch der andre,
still und freundlich ist der Blick,
doch dann lächeln wir und springen
in die große Hast zurück.
Problem
Ein Gedicht von Heinz Kahlau
Du bittest mich, ich soll dich kühler küssen.
Nur meinem Blick erlaubst du anzufassen.
Von meinen Händen möchtest du nichts wissen.
Ich soll sie tief in meinen Taschen lassen.
Gelassenheit ist eine schöne Gabe.
Ich fürchte nur, sie wird uns wenig nützen.
Wenn ich die Hände in der Tasche habe,
wie soll ich mich vor deinen Händen schützen?
Kürzlich fuhr ich wieder einmal durch O., meine Heimatstadt. War es eine magische Kraft, die mich zum Haus trieb, in dem meine Großeltern schon wohnten? Oder war mein Traum inzwischen so übermächtig geworden, dass ich ihm nachgehen musste?
Ich weiß noch, wie es war, als ich im Alter von sieben Jahren mit meiner Großmutter “verkaufen” spielte. Sie hatte immer so rosa Plastetütchen im Schubfach ihres alten Küchenbuffets. In diese Tüten steckte ich die unterschiedlichsten Dinge und meine Großmutter kaufte sie dann. Natürlich bezahlte sie nicht mit Geld, sie schenkte mir ihr gütiges Lächeln. Und strich mir immer übers Haar. Immer fand sie freundliche Worte. Manchmal besiegelten wir mit einem Handschlag das Geschäft. Stundenlang packten wir Tüten ein und Tüten aus, sie saß in ihrem Schaukelstuhl vor dem alten Kachelofen und ich auf einem Stuhl davor. Zwischen uns einen Hocker, den Ladentisch. Noch heute kann ich sagen, wie die Gegenstände in der Anrichte im Wohnzimmer angeordnet waren, hatte ich sie doch unzählige Male aus dem Schrank genommen, verkauft und auch wieder hineingestellt.
“Guten Tag! Sie möchten kleine Gläser? Einen Moment bitte, ich muss erst schauen, ob wir welche haben …”
Geduldig wartete meine Großmutter und freute sich dann, wenn ich ihr die Gläser verpackte.
Es gibt so vieles, woran ich mich erinnere.
Mittagessen bei Großmutter. Entweder kochte sie Nudelsuppe oder bereitete Kartoffelpuffer zu. Ich durfte wählen. Und ich liebte den alten Küchentisch. Man konnte ihn ausziehen. Fasste man an zwei Griffen und zog man daran kräftig nach vorn, kamen zwei Emailleschüsseln zum Vorschein, die von einem Holzrahmen gehalten wurden. In einer dieser Schüsseln spülte meine Großmutter das Geschirr, sobald das Wasser auf dem Herd heiß genug war, und stellte es in die Schüssel nebenan. Schnell griff ich zum Geschirrtuch und trocknete ab, wusste ich doch, dass ich, wenn die Schüsseln wieder unter dem Tisch verschwunden waren, einer meiner Lieblingsbeschäftigungen nachgehen konnte. Großmutter nahm die geblümte Wachstuchdecke vom Tisch! Ich durfte malen! Ich durfte nach Herzenslust die Tischplatte bemalen. Immer lag die Kreide griffbereit und meine Großmutter freute sich über jede Sonne, die ich links oben in die Ecke malte, und jedes Haus, das sich meist rechts auf dieser riesigen Tafel befand. Die Tischplatte war so groß, noch nie zuvor hatte ich etwas ähnliches gesehen. Und auch nie danach. Oder ich malte draußen vor dem Haus auf den Steinen. Großmutter saß dann im Liegestuhl neben mir und motivierte mich zu immer schöneren Zeichnungen.
Es gibt so viele Erinnerungen.
Als Großmutter starb, wohnte ich natürlich noch bei meinen Eltern, ich war 14 Jahre alt. Eine Zeitlang versuchte Großvater in der Wohnung allein zurechtzukommen. Obwohl er ein schwieriger Mensch war, man könnte ihn sogar als Eigenbrötler bezeichnen, musste er eines Tages einsehen, dass es so nicht ging. Meine Eltern nahmen ihn zu sich ins Haus. Damals war ich 17 Jahre, ziemlich selbständig und wollte meine eigene Wohnung. Ich bekam sie. Die Wohnung meiner Großeltern.
Meine Freunde und ich renovierten und modernisierten. Zwar blieb die Toilette auf dem Hausflur, doch eine Dusche wurde installiert, die Elektrik erneuert usw. Die Wohnungsgesellschaft erklärte sich bereit, neue Fenster einzusetzen. Wir schliffen die Dielung und strichen Türen. Den alten Küchentisch entsorgten wir, obwohl ich ihn gern behalten hätte. Und ich achtete darauf, dass der lilafarbene Flieder vor dem Fenster keinen Schaden nahm. Manchmal pflückte ich ihn gleich vom geöffneten Fenster und holte mir den Duft des blühenden Flieders in die Wohnung. Damals bereitete ich für meine Freunde Unmengen an Bratkartoffeln zu. Der Geruch kross gebratenen Specks vermischte sich mit dem des Flieders.
Ich stieg aus meinem Wagen und fotografierte das Haus, in dem ich meine Kindheit verbrachte und den Prozess des Erwachsenwerdens hinter mir ließ.
Die Wohnung, in der, so die Erzählung meiner Mutter, Russen im Ehebett lagen, als sie durch O. kamen, auf dem Weg nach Theresienstadt. Die Soldaten der Roten Armee wollten sich lediglich ausruhen, und jeder in O. hieß sie herzlich Willkommen, meine Mutter aber fürchtete sich vor den Stiefeln, die die Russen nicht einmal im Bett auszogen und die unter der Bettdecke hervorlugten. In Augenhöhe erschienen sie meiner Mutter riesig. Die Wohnung, in der mein kleines Töchterchen die ersten Schritte lief und nächtelang durchweinte, weil sie wieder einmal mit einem ihrer fürchterlichen Pseudokruppanfälle kämpfte und ich bemüht war, sie zu beruhigen, dabei aber selbst keine Ruhe fand. Die Wohnung, in der ich traurig am Bügelbrett in der Nähe des Küchenfensters stand, weil ich schlimmen Liebeskummer hatte und selbst beim Bügeln nicht verpassen wollte, wenn der Liebste eventuell vorbeiging. Er blieb weg, obwohl ich ihn so sehr herbeiwünschte. Die Wohnung mit der Toilette auf dem Hausflur. Nie ging ich nachts auf die Toilette. Das Gebäude war dunkel, ich fürchtete mich. Manchmal dachte ich, Ratten kletterten durch das Toilettenrohr. Ich hielt es einfach bis zum Morgen aus.
Wie wünschte ich mir, ich könnte dieses Haus erhalten. Ich würde eine Senioren- WG eröffnen. Sechs Wohneinheiten, pro Wohnung zwei Bewohner. Jeder hätte sein eigenes Zimmer mit Bad und WC, eine Gemeinschaftsküche und einen Aufenthaltsraum. Den Fahrstuhl könnte man mittig einbauen. Auf dem Gelände hätte ein kleines Café Platz, ab und an käme ein Alleinunterhalter, der den alten Menschen Freude vermittelte. Und der Fliederbaum. Es gibt ihn noch. Ich würde darauf achten, dass er im Zuge der Baumaßnahmen keinen Schaden erleidet. Mit Mandy hätte ich eine ideale Pflegefachfrau (sofern sie daran Interesse hätte) und ihre Tochter könnte sich den Traum einer Ergotherapie (nicht nur für die Senioren-WG-Bewohner, in O. gibt es dafür sicher umfassenden Bedarf) erfüllen.
“Haus Lisbeth” würde ich die Seniorenwohngemeinschaft nennen.
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Leider war das Gebäude verschlossen, nicht eine einzige Tür konnte ich öffnen. Zu gern wäre ich ins Haus selbst gegangen, hätte mir alles noch einmal genau angeschaut.
Obwohl – in meinem Kopf sind Bilder. Es braucht keinen neuen Besichtigungstermin. Bilder der Menschen, die in diesem Haus wohnten, Bilder der Wohnungen. Bilder des Kellers, in dem mein Großvater für seinen Dalmatiner das gekaufte Freibankfleisch in exakt gleiche Würfel schnitt. Die Messer gut geschliffen in kleinen Lederschlaufen an einer Holzwand. Bilder vom Dachboden, der Bodenkammer, in der sich meine uralte Puppenstube befand oder der große Leinensack, bis zum Rand gefüllt mit Faschingskostümen. Über den Boden gelangte man auf die andere Seite des Hauses. Es war für mich immer eine Abenteuerreise und manchmal verbrachte ich den Nachmittag so. Ich lief die Steintreppen auf unserer Seite bis auf den Dachboden, öffnete leise die knarrende Bodentür, die noch dazu klemmte, und rannte die Stufen auf der anderen Seite wieder hinab, schnell über den Hof bis zu unserer Hauseingangsseite. Immer und immer wieder.
Jetzt, zu Hause, hier in meiner Wohnung, schaue ich auf den uralten Schlafzimmerschrank, die alten Nachtschränkchen und die Frisiertoilette. Und seit einigen Tagen hängt auch das uralte Bild, das sich immer neben dem Schlafzimmerschrank an der Wand befand, an genau der Stelle links des Schrankes. Meine Ma schenkte es mir. All die Jahre seit dem Tod meiner Großmutter hing es in ihrem Haus. Und war dort nicht zu Hause. Eines Morgens fiel es von der Wand. Einfach so. Das Glas zersprang und meine Ma war ratlos. Ich ließ es restaurieren.
Manchmal denke ich, ich sollte mich endlich vom alten Schlafzimmer meiner Großeltern trennen. Den Anfang hatte ich schon gemacht, damals, als meine Tochter zur Welt kam. Ich kaufte ein neues Bett. Natürlich finde ich die neuen Schränke, die man überall kaufen kann, wunderschön. Und bei meiner Vorliebe für klare, kalte Farben und Flächen könnte ich mir gut vorstellen, so einen Riesenschrank zu besitzen. Ich kaufe ihn nicht. Es wäre nicht richtig.
Ich habe einen Traum.
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Warum ich gerade dieses Zitat und ausgerechnet zum Wochenende wählte?
Nun – morgen beginnt endlich das Projekt:
30 Wochen 30 Buchstaben 30 Aussagen.
Und ganz ehrlich? Ich kann es kaum noch erwarten!
Worauf wartet ihr so?
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