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08

Hommage an eine Großmutter

 

Als Großmutter starb, bekam ich am ganzen Leib warzenähnlichen Ausschlag.

Es begann an den Händen und zog sich rautenförmig vom Hals über den Busen bis hin zu den Oberschenkeln. Besonders der Daumen meiner linken Hand war von schlimmen Wucherungen betroffen.

„Wir müssen zum Arzt!“, sagte Mutter und schleppte mich von einem Dermatologen zum anderen.

„Das ist sicher im Zusammenhang mit der Pubertät zu sehen“, brummte der eine.

Ein anderer meinte:

„Suchen Sie für Ihre Tochter am besten psychologische Beratung, es ist durchaus möglich, dass diese Erscheinung mit dem Tod der Großmutter zu tun hat.“

Mir wurden Mittelchen und Tinkturen verabreicht und ich musste die verschiedensten Salben auftragen. Nichts zeigte dauerhafte Wirkung. Letztendlich vereinbarte Mutter einen Termin beim Psychologen. Es folgten zwei wöchentliche Gesprächstermine, die ich nur einhielt, weil ich von Mutter dazu gezwungen wurde. Wichtiger jedoch ist, dass mir vom ersten Tage an meine Großmutter erschien. Ich weiß. Es klingt äußerst unglaubwürdig. Doch glauben Sie mir, so war es.

Selbst jetzt, da ich schreibe, habe ich das Gefühl, Großmutter sitzt hinter mir und streicht mir übers Haar. Sie hatte schmale, schöne Hände und trotz ihres Alters waren sie nur ein ganz klein wenig runzlig. Ihr schlichter goldener Ehering erschien im rechten Ringfinger wie eingearbeitet. Nie legte sie ihn ab.

Immer strich sie mir über das Haar. Ganz gleich, ob ich traurig war, oder vor Freude nicht ruhig sitzen konnte.  Manchmal legte ich meine Hände an Großmutters Haar. Sie war stets gut frisiert und die Friseurbesuche waren für sie etwas Besonderes.  Ihr Haar schimmerte dann ein wenig violett und sah aus wie eine Perücke.

Ich kenne Großmutter nicht anders, nie habe ich sie unfrisiert oder in einem alten Kittel gesehen.

Als Großmutter starb, war ich nicht da.

Zuletzt sah ich sie ziemlich geschwächt in ihrem Bett liegend. Ich konnte ihr nicht helfen und als sie schließlich starb, war ich gerade mit meinen Freundinnen unterwegs. Ich nannte sie „Freundinnen“, obwohl sie das im grunde genommen gar nicht waren.  „Das ist doch kein Umgang für dich!“, sagte Mutter immer. Je mehr sie darüber sprach, desto hartnäckiger beharrte ich auf meinen Umgang. Großmutter starb also im Krankenhaus und ich war mit meinem Umgang unterwegs.

Vergangene Nacht war ich mit Großmutter unterwegs.  Wir trafen uns mitten im Gladiolenfeld, den Lieblingsblumen meiner Großmutter. An jeder einzelnen Blume wuchsen Schuhe. Lila, gelb, rot, weiß… in den Farben der Gladiolen. Großmutter saß zwischen den langstieligen Blüten und lachte mich an. Ich schnitt Schuhe, wie man im Normalfall Blumen pflückt.

„Hannah! Schneide doch nicht so viele Schuhe, die noch gar nicht auf sind!“ Großmutter beobachtete mich aus den Augenwinkeln. Unbeirrt schnitt ich weiter Schuhe vom Grün. „Hilfst du mir tragen, Großmutter?“, frage ich sie. „Ich kann dir heute nicht bis nach Hause folgen, mein Enkelkind.“, entgegnete sie. Und ich lief, den Arm schwer von den zu tragenden Schuhen, allein nach Hause.

Oft besuchten Großmutter und ich den Zoologischen Garten. Sie kaufte mir am Bahnhof ein Eis. Und im Zoologischen Garten ein weiteres. Überhaupt stopfte mich Großmutter mit Süßigkeiten voll. Sie war der Ansicht, ich bekäme nicht ausreichend zu essen. Natürlich dauerte es nicht lange und ich hatte eine enorme Gewichtszunahme zu verzeichnen. Die Hänseleien der Mitschüler ließen nicht auf sich warten. „Sie hat Watte im BH!“, schrieen sie, und: „Fette Hannah, lach einmal!“. Ich konnte Großmutter nicht böse sein, wusste ich doch, dass sie sich alles mühsam vom Mund absparte. Es war mit Sicherheit nicht einfach, Großvater auszutricksen. Meine Großmutter entwickelte eine Fähigkeit, für die ich sie noch heute bewunderte.

„Einem guten Mann sagt man nicht viel, und einem schlechten  gar nichts.“ Das war einer ihrer Leitsätze. Großvater schien also ein schlechter Mann zu sein. Ich denke, er bekam von all dem gar nichts mit. Aber vielleicht wollte er auch gar nichts bemerken. Dann wäre er natürlich ein guter Mann, der sich als schlechter Mann darstellt, es aber gar nicht ist. War Großvater nun ein guter oder ein schlechter Mann? Das werde ich wohl nie erfahren.

Er brach sich beim Treppensturz das Genick.

Großmutter jedenfalls war eine gute Frau. Vielleicht ist das auch die Erklärung dafür, dass ich sie immer noch um mich spüre. Manches Mal mehr, dann wieder weniger. Aber ich fühle mich nie allein. Vielleicht liegt die Ursache auch darin begründet, dass ich noch immer in ihren Möbeln wohne. Fast ist es so, als ob Großmutter vor ihrer Anrichte steht und heimlich den für mich versteckten Eierlikör im Waffelbecher hervor holt. Großvater saß in diesen Momenten, den Rücken der Anrichte zugekehrt, vor dem Fernseher und schaute Karl Eduard von Schnitzler´s „Schwarzen Kanal“. Einige der alten Möbel stehen in meiner Wohnung und so ist meine Großmutter auch nach mehr als fünfundzwanzig Jahren noch immer bei mir.

In meinen Augen bleibt sie die schöne, ältere Frau mit dem silbergrau/violetten Haar und den behutsam berührenden Händen.

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21 Responses to “Hommage an eine Großmutter”


  1. 1 paradalis
    27. März 2008 um 06:13

    … obige Aufnahme hängt übrigens in meiner „Ahnengalerie“ Wohnzimmer/Treppenaufgang zum Obergeschoss. Und meine Großmutter ist das stehende Mädchen, 3. Person von links.
    Den Text bitte ich mit allem gehörigen Abstand zu lesen. Bedenken Sie bitte die „dichterische Freiheit“, sowie sämtliche Übertreibungen. Sie wissen ja: „Übertreibung macht anschaulich!“.

    Mindestens 70% davon sind glatt erfunden.
    🙂

  2. 2 Lutz
    27. März 2008 um 11:55

    Na ja, trotz dichterischer Freiheit, das ist doch so persönlich, mir fällt kein Kommentar dazu ein.

  3. 3 paradalis
    27. März 2008 um 12:53

    Hallo Lutz.
    Ich finde, es ist vor allem übertrieben.
    🙂

    Doch dass ich meine Großmutter bei mir habe- ja. Das ist die Wahrheit.
    !

    … übrigens. Immer wenn ich in meinem Wohnzimmer an dieser Aufnahme vorüber gehe und meine Großmutter darauf betrachte, entdecke ich große Ähnlichkeiten. Schon der leicht bockige Gesichtsausdruck erinnert mich an meine eigenen Kinderfotografien.

    🙂

  4. 4 Lutz
    27. März 2008 um 13:02

    Weißte, ich habe mir zu Ostern fleißig das TV programm reingezogen.
    ich finde nichts mehr übertrieben! 🙂

    Aber sonst, sagen wir als „Ode“ an die Großmama? Doch, würde ich so gelten lassen.

  5. 5 paradalis
    27. März 2008 um 13:07

    Du musst Musik hören, lieber Lutz!! Musik!! Kopfhörer auf die Ohren und einfach nur in den Himmel schauen. In meinem Obergeschoss war der Hausinhaber/Architekt so intelligent, für ausreichend Licht zu sorgen. Soll heißen, egal auf welcher Seite ich mich im Raum befinde, ich habe riesengroße Dachfenster. Nicht die kleinen Luken, vor denen manche Menschen auch noch Vorhänge anbringen, um soviel Tag wie nur möglich auszusperren.
    In schlaflosen Nächten kann ich die Sterne sehen und tagsüber fällt alles Licht in den Raum, so dass ich selbst jetzt, vom Schreibtisch aus, den Zug der Wolken beobachten kann.
    Die Türen haben wir auch gleich weggelassen. Es gibt nur eine zum Flur und Bad. Und zur Dachterrasse natürlich.
    🙂

    Die richtige Atmosphäre für Musik. Ich hoffe, du als Fachmann für gewisse Dinge *g* wohnst genauso günstig.

  6. 6 Lutz
    27. März 2008 um 13:20

    Nun, liebe Heike, der Fachmann für gewisse Dinge, der baute sich mal selbst ein Haus um und aus. Zog dann in die, den Sternen am nächsten liegende Wohnung. Sein Schlafzimmer war in einem Turm, dort das Dach aus Glas. So konnte er im liegen auf dem Rücken, die Sterne sehen und die Wolken ziehen. Doch mit den Wolken zogen auch die Träume fort und grässliche Fratzen blickten ihn dann an.
    Dann, im ersten Sommer und der war heiß, da waren in diesem Traumraum über 40 Grad, noch viel mehr unter der Zudecke. Da hat er sich entschlossen, nicht mehr zu warten, dass die Träume zurückkommen und der Hitze zu entfliehen.
    Ach und, Musik höre ich auch, vielleicht nicht jedermans Geschmack. Sicherlich auch nichr Bar-tauglich, jedoch für meinen geliebten Rotwein auch nicht.

  7. 7 Lutz
    27. März 2008 um 13:56

    … und für Whisky gleich gar nicht, hatte ich vergessen.

  8. 8 paradalis
    27. März 2008 um 16:23

    Zu 6.
    🙂

    Das mit dem Turm klingt fantastisch. Aber ein Turm ist ein Turm ist ein Turm.
    Meine Dachfenster liegen sich gegenüber. Öffne ich sie weit, kühlt es durch den Durchzug ab. Gut, dass in der Mitte des Raumes eine Säule steht. Daran sind die Grünpflanzen befestigt. Denn sonst würde es die hin und her ziehen und ich könnte sie vom Hof aufsammeln.
    Was nun die „Fratzen der Vergangenheit“ anbelangt… irgendwo sollte man sich ein Plätzchen schaffen, an dem ihnen der Zutritt verwehrt wird.

    Was ist das für Musik, die du hörst?

  9. 9 dyzzy
    27. März 2008 um 17:13

    Auch wenn der Text übertrieben ist. Als Hommage an die Lieblingsgroßmutter taugt er sehr gut.

    Das mit der Dachwohnung kann ich uneingeschränkt so gelten lassen, klingt so ähnlich wie meine Wohnung. Nur die Himmelsluken könnten bei mir ein Stück größer sein. Das stört aber die Musik nicht weiter 🙂

  10. 10 dyzzy
    27. März 2008 um 17:21

    Übrigens mit rauh,laut, ungeschliffen, ehrlich meinte ich sowas:

    🙂

  11. 11 paradalis
    27. März 2008 um 17:24

    🙂
    danke.

  12. 12 paradalis
    27. März 2008 um 17:27

    und zu 9.
    (ich muss aufpassen, dass ich nicht durcheinander gerate)
    *g*

    ich mag solche wohnungen. offen, weit, hell. es ist die beste idee überhaupt gewesen, hier die türen einzusparen und die räume nicht „einzukästchen“.
    ich sage immer, ich wohne in einer masionette, die auch ein loft ist. schick mir doch mal ein paar fotos von deinem zuhause, herr fotograf.
    🙂

  13. 13 gokui
    27. März 2008 um 18:04

    es ist authentisch genug und auch wenn 70% übertrieben oder/und erfunden sind, die wahrheit hat ein bild, das bild von deinen worten.

  14. 14 paradalis
    27. März 2008 um 18:21

    das hast du sehr schön geschrieben.
    🙂

  15. 15 Lutz
    28. März 2008 um 08:25

    zu 8.

    Das hier: http://www.youtube.com/watch?v=Kz3J-uFaYow&feature=related

    oder Kate Bush oder Enya, Slade, Sweet

    je nach Gefühlslage eben.

  16. 16 Ada Mitsou
    1. April 2008 um 15:10

    Ich find den Text herrlich 🙂

  17. 17 paradalis
    1. April 2008 um 18:46

    ganz ehrlich, ada mitsou?
    ich auch.
    :-))
    danke.

  18. 18 Ada Mitsou
    16. April 2008 um 14:56

    Hallo noch mal 🙂
    Ich habe diesen Text mal in meiner Perlenrubrik verlinkt. Er ist einfach zu gut *g*
    Ich hoffe, das ist okay.
    Liebe Grüße!

  19. 19 paradalis
    16. April 2008 um 18:06

    Auch hallo.
    😉

    Danke, das ist ein großes Kompliment für mich!!

    Liebe Grüße!
    Heike

  20. 26. Oktober 2009 um 21:04

    70% frei erfunden? Dass wir Schreiber uns da nicht in die Tasche lügen. Ich behaupte: 70% sind wahr. Erinnerung ist immer auch intuitive Verarbeitung und Beziehungshygiene zu Erlebtem.
    Auch wenn ich übertreibe, erzähle ich von mir. Wenn ich erfinde, auch.

    Ach ja, liebe Paradalis: Sie werden Post bekommen von der blogbibliothek.ch

    Und ich sage schon mal danke!

  21. 27. Oktober 2009 um 07:48

    Dankeschön und willkommen, Kurt.
    Was wäre passender zu deinem Kommentar, als das Zitat von Max Frisch, welches ich eben auf deinem Blog las?

    Max Frisch schrieb:
    “Man kann sich nicht niederschreiben. Man kann sich nur häuten.”

    Danke und viele Grüße
    Heike.


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