22
Mai
08

Eine andere Geschichte

Die Straße ist ebenso holprig wie damals.

Keinen Abend kam sie mit heilen Knien nach Hause. Schuld waren die Schlaglöcher und das alte Rad des Bruders. Das ist nun schon Jahrzehnte her und Hannah kann nicht einmal genau sagen, was der eigentliche Grund für den Besuch ihres alten Heimatdorfes ist. Vor mehr als dreißig Jahren war sie glücklich, dass sie dem Dorf und den Bewohnern den Rücken kehren konnte und sich in der Stadt niederließ. Die Bewohner des Dorfes waren ihr immer ein wenig unheimlich, als Mädchen schon, und selbst jetzt, als erwachsene Frau beschleicht sie ein ungutes Gefühl, als sie die noch immer von den inzwischen alt gewordenen Menschen bewohnten Häuser erblickt.

Sie fährt die Straße entlang, und von beiden Seiten strecken sich ihr zartgliedrige, weiße Finger entgegen. Es liegt Reif. Der Winter hält auch in dem kleinen Dörfchen Einzug.
Hannah fährt nur Schritttempo und überlegt, ob sie zu Fuß weiter geht. Sie stellt ihren Wagen am ehemaligen Dorfkonsum ab. Das Haus verfällt. Es war nicht immer ein Dorfkonsum. Hannah lernte erste Buchstaben, erste Worte, als das Haus den Wissensdurst neugieriger Erstklässler stillte. Zwei Klassen wurden von einem Lehrer in einem Raum unterrichtet. Zur Toilette musste man über den Hof. Immer rannte man zum abgesessenen Plumpsklosett. Im Winter vor Kälte und im Sommer, weil das Örtchen der Versammlungsort der Fliegen war. Es war einfach nur widerlich, den Abort zu benutzen und man rannte eben, weil der Drang nach Erleichterung unerträglich wurde und man rennen musste.

Eine Frau im dicken Pelz und schwerem, leicht schwankendem Gang nähert sich ihr. Sie sieht aus wie ein Braunbär, schmunzelt Hannah. Wie ein Bär, dem der eigene Pelz zu schwer ist. Und ein wenig wie ein Seemann, mit ihrem wiegenden Gang. Hannah kennt die Frau nicht. Es muss eine Zugezogene sein. Sorgfältig streift sich Hannah wollene Handschuhe über ihre kalten Finger, zieht sich die Mütze tiefer ins Gesicht und schlingt um ihren Hals einen warmen Schal.
Sie wechselt ihre Schuhe und verknotet die derben Schnürsenkel.
Gut, dass ich daran gedacht habe, denkt sie. Die Wege jenseits der Straße werden nicht besser geworden sein im Laufe der vergangenen Jahre.
Mit einem merkwürdigen Gefühl zwischen Freude und Angst schließt sie ihren Wagen, nimmt ihre Tasche, hängt sie sich über die Schulter und macht sich auf den Weg. Alte Pfade will sie gehen. Alte Erinnerungen herauf beschwören? Ungute Erinnerungen ablegen?
Die Frau im dicken Pelz ist im Nebel verschwunden, der sich plötzlich wie eine Vorahnung über das Dorf legt. Es ist heller Tag und dennoch scheint es, als ob die Nacht erste Zeichen schickt.
Hannahs Schritt verlangsamt sich, als sie sich dem Haus des Eigenbrötlers nähert.
„Hansi, Hansi!“ hört sie die Kinderschreie im Ohr. „Hansi hat den Arm verloren, Hansi hat den Arm verloren!“ summt es in ihrem Kopf.
In der Gruppe waren wir immer stark.

Hansi, Hannah kennt bis heute nicht seinen genauen Namen, ängstigte nicht nur die Kinder im Dorf. Hansi spinnt, sagten die Erwachsenen, wenn sie im Dorfkrug ihr Bierchen tranken. Vor Hansi muss man sich in Acht nehmen. Hansi hätte einmal zu tief ins Glas geschaut, erzählten sich die Leute hinter vorgehaltener Hand. Ein Häcksler trennte ihm den Arm vom Leib.
Schaute er der Dorfschönen nach, als sein Arm in den Häcksler geriet? Das ist nicht geklärt, es ist so vieles nicht geklärt. Wenn sie Hansi hänselten, wedelte er mit seinem Stumpf. Glatt war der Stumpf und vorn zugenäht, nein, wie mit nachlässigen Stichen zugezogen. Und Hansi bekam diesen traurigen Blick. Die Brauen zogen sich zusammen und sein Mund wurde schmal. Der Stumpf hing an seiner rechten Körperhälfte und baumelte in der Luft.

Einmal lugten Hannah und ihre Freunde neugierig durch ein Fenster von Hansis Behausung. Hansi stand vor einem großen, mannshohen Spiegel und bemühte sich mit der linken Hand, der einen, die ihm geblieben war, die Knöpfe seiner längst verschlissenen und zu klein gewordenen Uniform zu schließen. Hansi war damals, noch zweiarmig, Zugbegleiter und in unserer Fantasie verlor er so manches Mal seinen Arm auf den Schienen. Er war nicht einfach in den Häcksler gekommen. Vielleicht hatte er ja ebenso wie wir Pfennige auf die Schienen gelegt, um sie von den darüber hinweg brausenden Zügen platt zu walzen. Vielleicht hatte er den herannahenden Zug nicht gehört und dieser fuhr ihm dann den Arm ab. Und Hansi schleppte sich blutend zum nächsten Gehöft. In der Fantasie war alles möglich.
Oder Hansi rettete einem kleinen Hündchen das Leben, das sich zwischen den Schwellen verklemmte und bekam dabei seinen Arm nicht frei, als der Zug nahte. Vielleicht wollte Hansi auch der Dorfschönen einen, in voller Blüte stehenden Kirschzweig brechen und übersah bei seiner Mutprobe den Baum, welcher ihm den Arm abriss, als er sich aus dem Zugfenster lehnte. Wer weiß das schon.
Ich werde Hansi danach fragen, denkt Hannah. Er wird mir nichts tun, ich bin kein Kind mehr. Sicher erkennt er mich nicht, es sind mehr als dreißig Jahre ins Land gezogen. Er wird nicht mehr wissen, dass ich mit am lautesten schrie. Damals war ich klein und rundlich, mit kurz geschorenem Haar und Schorf an den Beinen. Ich wirkte immer wie ein Bengel. Ich werde ihn einfach fragen. Ich werde ihn fragen, wie er seinen Arm verlor.
Und Hannah läutet an Hansis Tür.
Hans-Georg Münsterfeldt liest sie. Seit wann hat er ein Schild an der Tür? Und Hans-Georg heißt er also. Hannah schellt erneut.
„Moment, Moment“ tönt eine brummige Stimme. „Ich komm ja schon, ich komm ja schon.“ Schlurfende Schritte nähern sich. Hansi muss inzwischen weit über siebzig sein, denkt Hannah.
Wir waren zu dieser Zeit sechs oder sieben, Hansi an die vierzig. Die Tür öffnet sich einen Spalt. Ein grauer Kopf mit buschigen Augenbrauen, die Haut faltig und voller Altersflecken, erscheint im Türrahmen. Ein kleiner, krumm gewordener alter Mann, der sich auf eine Gehhilfe stützt, sieht Hannah an. Er muss geschrumpft sein, er war ein Hüne, damals…
„Gut, dass du kommst, Hannah“, sagt Hans-Georg Münsterfeldt. „Ich habe schon auf dich gewartet.“ Hansi öffnet einladend die Tür. „Ich gieße uns einen Tee auf, vielleicht magst du dich inzwischen setzen?“
„Woher wussten Sie, dass ich den Weg zu Ihnen finde?“ entgegnet Hannah. „Mein Kind, manche Dinge weiß man einfach.“ Und Hans-Georg schlurft müden Schrittes in eine Richtung, in der Hannah die Küche vermutet. Das Pfeifen des Teekessels reißt sie aus ihren Gedanken. Dampfend und wohlriechend steht der Tee auf dem kleinen Tisch neben dem Spiegel, in dem sie damals Hansi beobachteten.
„Ja, Hannah. Ich bemerkte wohl, dass ihr mir zugeschaut habt, als ich mühsam meine Uniform schloss.“ Hört sie die Stimme Hans-Georgs. „Und ich spürte auch, selbst durch die Scheibe meines Fensters, dass du mir gern behilflich gewesen wärst. Als einzige dieser schreienden, plärrenden Quälgeister.“
Hannah schaut beschämt zu Boden. Sie hatte den Mut nicht und schrie im Chor mit den anderen Kindern.
„Glaube nicht, mir sei entgangen, was über mich gesprochen wurde. Die Gerüchte drangen auch zu mir.“ Leise wiegt Hansi seinen Kopf von rechts nach links und links nach rechts. Tick Tack, Tick Tack, wie ein Uhrpendel.
„Hin und Her, Hin und Her, Hansis Arm ist nicht mehr schwer!“ Noch so ein Singsang, der sich plötzlich als Erinnerung in Hannahs Kopf festsetzt. „Ihr seid sehr grausam zu mir gewesen.“
Hans-Georg Münsterfeldt blickt Hannah gerade in die Augen. Schwarze, leicht trübe, alte Männeraugen treffen auf strahlendes Blau.
Ein Blau, in dem sich Tränen des Bedauerns sammeln. „Du musst jetzt nicht weinen, Hannah, ihr wusstet es nicht besser. Und – ich werde dir nun die Wahrheit erzählen. Die Wahrheit meines verlorenen Arms. Trink einen Schluck Tee, mein Kind. Er wird dich wärmen.“

„Es war kurz nach meinem fünfunddreißigsten Geburtstag.“ Hans-Georg räuspert sich. „Verliebt war ich damals, in eine wunderschöne Frau. Lana hieß sie und sie war eine Aussiedlerin. Sie arbeitete hier in einer unserer Textilfabriken. Morgens stieg sie in den 5.32 Uhr Zug um auf Arbeit zu gelangen. Der 15.45 Uhr Zug brachte sie wieder in ihre Unterkunft. Täglich sah ich Lana und sie sah mich, doch mehr als ein verstohlenes Lächeln konnte ich ihr nie entlocken. Eines Morgens hielt ich vergebens nach ihr Ausschau. Auch an den folgenden Tagen fuhr Lana nicht mit dem Frühzug und auch nicht einen Zug später. Sie fuhr bei keinem meiner Kollegen mit, die ich nach Lana fragte. Etwas Schlimmes war geschehen. Es konnte gar nicht anders sein. Ich machte mich also auf die Suche nach meiner einzigen großen Liebe. Ich musste sie finden. Ich lief durch die Straßen der Stadt und glaubte verrückt zu werden. Ich tauschte meinen Dienst, fuhr täglich mit einem anderen Zug und quälte all meine Kollegen mit Fragen. Keiner hatte Lana gesehen. Lana war und blieb verschwunden. Meine Suche begann im Frühjahr, der Zeit der tauben Nesseln, der Gänseblümchen im grünen Gras und der Ostermärsche. Viele Menschen kreuzten meinen Weg. Mit rudernden Armen, ja Esther, damals hatte ich noch zwei von diesen, “ und Hans-Georg wedelt mit seinem Stumpf vor Hannahs Nase, „beschrieb ich Lanas Gestalt und versuchte mit meinen Worten ihre Schönheit sichtbar zu machen.“ Hannah lauscht gespannt, ihr Tee ist längst kalt, ihre Wangen sind von Rot überzogen. Ungeduldig mit den Füßen wippend wartet sie auf die Fortsetzung der Geschichte. „Ich fragte viele Menschen, ich bereiste viele Länder. Ich machte Bekanntschaft mit Lügnern, Hehlern und Betrügern. Mit Scharlatanen. Mit ehrlichen Menschen. Und ich lernte einen großen Dichter kennen. Er war Jude aus dem deutschsprachigen Raum Rumäniens. Seine Gedichte mag ich heute noch.“

Hans-Georg kramt in einer Schublade seiner alten Kommode und unter Stöhnen und Ächzen hält er Hannah schließlich ein kleines Bändchen hin. „Die Niemandsrose“ liest sie. Und den Namen des Dichters.
Hannah schließt die Augen und die Familiengeschichten ihrer Großeltern stehen bildhaft vor ihr. Sie sieht die Stiefel in Höhe des Kopfes ihrer Mutter, die damals ein Kind war. Russen wären es gewesen, denen Mutter ihr Bett überlassen musste. Russen wären es gewesen, die eine Unterkunft benötigten. Auch Mutter sprach oft davon und beschäftigte sich stundenlang mit eben diesem Gedichtband.

„Also, auch in Wien und Paris suchten sie nach ihrer Lana?“ Beredtes Schweigen ist die Antwort. Dann fährt er fort. „Weißt du, die Begegnung mit ihm, dem Dichter, war eindrucksvoll. Ich, ein einfacher Eisenbahner. Belesen zwar, doch aus einem winzigen Dorf, im Gespräch mit ihm. Er, der kurze Zeit später von einer Brücke sprang und ertrank. Traurig. Traurig.“
Hans-Georgs Kopf bewegt sich wieder im Takt eines imaginären Uhrenpendels.
„Auf meiner Suche konnte er mir jedoch nicht behilflich sein. Lana fand ich auch in Paris nicht.“ Hans-Georg ist in seinen Erinnerungen versunken.
„Aber Ihr Arm, Herr Münsterfeldt, wie verloren Sie denn nun Ihren Arm? Und fanden Sie Lana?“ Hannahs Ungeduld wächst.
„Mein Arm… ich kann mich nicht erinnern.
Eines Morgens wachte ich an einem Bahndamm auf und der Arm war fort.“
Hansi sieht Hannah schmunzelnd in die Augen.
„Du glaubst mir nicht. Du möchtest wie all die anderen schreienden Gören eine Geschichte hören. Du möchtest die Wahrheit. Warum möchtest du die Wahrheit? Nutze deine Fantasie, mein Kind.“
Hannah erhebt sich und steht vor dem alten Mann mit dem Stumpf an der rechten Seite seines Körpers. Sie ist nicht schlüssig, ob sie verärgert oder belustigt sein soll.
„Setz dich, Hannah, setz dich. Was hast du erwartet? Ich habe dir viel erzählt in dieser Stunde. Benutze deine Fantasie.“ wiederholt Herr Münsterfeldt. Er wendet seinen Blick in Richtung Küche und ruft mit sanfter Stimme:
„Können wir bitte noch Tee haben?“ Die Tür öffnet sich. Eine schlanke Frau bringt ein Tablett.

„Danke Lana.“
Und Hans-Georg legt mit einer zärtlichen Geste seine linke Hand auf Lanas Wange.

 

(c)hh, erschienen in Pulsschläge 2006


1 Response to “Eine andere Geschichte”


  1. 1 gokui
    24. Mai 2008 um 20:41

    das bild bin ich: morgens um halb vier vor dem doppelten espresso.


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