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Jun
08

Wie Paul Janeck seine Frau verlor

Paul Janeck verlor seine Frau, als er ein Insekt, das von eben dieser Frau bereits mehrere Stunden lautlos beobachtet wurde, einfach in die Freiheit schickte. Er öffnete ohne nachzudenken das Fenster und nahm seiner Frau die Beschäftigung, der sie sich seit dem frühen Morgen hingab.

Begonnen hatte es folgendermaßen:
Paul Janeck schlief noch neben seiner Frau, als sie die Bewegungen an der glatten Glasscheibe verfolgte. Das Insekt kroch am Glas hoch und rutsche herunter. Es versuchte es erneut, blieb kleben, putzte mit den Beinen seinen Körper, legte wohl auch Eier ab und begann weiter zu kriechen. Eine schmale Schleimspur zeigte an, dass sich das Insekt schon geraume Zeit an der Scheibe befand.
Paul J. röchelte und stöhnte leicht im Schlaf, als spürte er etwas von den Gedanken, die das Insekt seiner Frau suggerierten.
Paul Janecks Frau Hannah überlegte, das Insekt zu fangen und es in Pauls Nase zu stopfen, aus denen büschelweise Haare wuchsen. Es könnte sich an den bebenden Nasenflügeln ein Nest bauen, seine Nachkommen hinterlassen und ab und an ins Freie fliegen.
Paul J. würde niesen müssen, oder vielleicht erschlug er das Insekt auch. Vielleicht aber bemerkte er den Vorgang gar nicht.
Jedenfalls stand für Hannah an diesem Morgen fest, dass sie Paul verlassen würde.
So geschah es dann auch im späteren Verlauf des Tages. Ein weiterer Grund, der Hannah in ihrem Vorhaben bestärkte, war die Tüte.

Nicht erst seit Pauls Verrat trug seine Frau die Tüte mit sich herum. Hätte sie diese nur nie an sich genommen. Als Paul Hannah nicht mehr beachtete, stahl sie ihm die Tüte. Aber was sollte sie damit anfangen? Sie könnte sie der Müllverbrennungsanlage übergeben, beispielsweise. Daran musste sie täglich vorbei, auf dem Weg zum Büro. Selbst die Klappe der Anlage hatte sie schon geöffnet, im letzten Moment beschloss sie, die Tüte nicht in den Schacht zu werfen.
Hannah stopfte also die Tüte in ihre große braune Tasche, ein großes eckiges Ungetüm, in das man alles stopfen kann, wovon man ausgeht, dass man es jemals brauchen könne und das man dann doch jahrelang nicht benötigt.
Natürlich konnte so ein Lederding auch peinlich werden.
Einmal, sie erzählte mir davon, stolperte sie und die Tasche glitt ihr vom Arm. Der Inhalt ergoss sich mitten in die Menschenmenge, in der sie sich bezüglich ihrer Studien aufhielt. Natürlich sind es gerade diese Momente, in denen die Menschen aufmerksam sind.
Die Tasche fiel und alle Anwesenden bückten sich und krochen übereifrig auf dem Boden umher, um etwas vom Inhalt der Tasche zu erspähen. Möglicherweise stahlen sie dabei auch Buchstaben aus der Tüte. Hannah ist sich bis heute nicht sicher. Sicher ist jedoch, dass sich die Tüte merkwürdig leicht anfühlte, als sie sie in der Ledertasche verstaute. Hannah hat ja diese kleine Frau mit dem stechenden Blick in Verdacht. Die fiel ihr gleich auf, schon bevor die Ledertasche vom Arm glitt.
Es war so eine auf den ersten Blick anmaßende Frau, die ihre fehlende Körpergröße wahrscheinlich durch den stechenden Gesichtsausdruck wettmachen wollte. Oder es war der bärtige Mann.
Sie misstraute schon immer Männern mit Haaren im Gesicht.

Das mit den Buchstaben war auffällig. Seit Hannah die Tüte bei sich hatte, die ihr im Grunde nicht gehörte, die sie auch gern los werden wollte, von der sie sich aber aus unerfindlichen Gründen einfach nicht trennen konnte, geschahen merkwürdige Dinge. Die Buchstaben belästigten sie mit Worten, die sie gar nicht hören mochte. Gegen die sie sich nicht zur Wehr setzen konnte, so sehr sie sich auch bemühte. Gesagt ist gesagt. Gelesen ist gelesen. Punkt.
Manchmal hatte Hannah sogar das Gefühl, von Buchstaben getötet zu werden.
Das Z beispielsweise stößt gleich drei Messerstiche mitten ins Herz.
Oder nehmen wir das A.
A wie Anfang, Aufforderung, ausbaufähig?
Wie trügerisch. Zwei Linien aneinander gelehnt, durch eine weitere miteinander verbunden. Bläst der Wind von vorn, kippt es nach hinten. Geht ein Lüftchen von hinten, fällt es haltlos vornüber.
Hannah könnte endlos fortführen, es würde sich nichts daran ändern, dass sie in jedem Buchstaben einen Verrat entdeckte.
B wie Betrug, den ihr Paul mit seiner absichtlich oder versehentlich liegengelassenen Buchstabentüte antat.
Sie hatte noch nie einen Mann an Buchstaben verloren. Noch nie. Diese krakeligen Dinger? Was wollte Paul nur damit.
Wühlte sie in der Tüte entstand vor ihrem Auge die Vision eines nebulösen Textwesens, nach dem sich Paul sehnte. Auf dessen Spuren er wandelte, immer im Bemühen, einen Schritt zurück zu bleiben um es nicht zu demaskieren. Mit Realität hatte Paul wohl nicht viel im Sinn. Wie sonst war zu erklären, dass Paul Janeck seiner Frau nicht einmal ein Insekt gönnte?
Er öffnete das Fenster, das Insekt flog in die Freiheit und Hannah schleppt seitdem eine Tüte mit sich herum.

Mir ist nicht bekannt, wie Hannah die Situation mit Paul Janeck klärte. Wir sprachen nicht mehr über das Insekt oder diesen Mann.
Die Tüte endlich loszuwerden wurde zum Hauptanliegen.
Und so kam sie in meinen Besitz. Hannah übergab sie mir zur Aufbewahrung.

Nur, was soll ich nun damit anfangen?


7 Responses to “Wie Paul Janeck seine Frau verlor”


  1. 1 arsfendi
    14. Juni 2008 um 09:51

    So eine Buchstabentüte ist doch einfach genial, wenn man dann erst einmal die Verwendung der einzelnen Buchstaben selbst in der Hand hat.
    Ich würde mir als erstes das H herauspicken. Zwei gerade senkrechte Linien, die miteinander durch eine Waagerechte verbunden sind. H wie Herz. Da kann nix kippen. Zudem das H als Dehner auch gilt.
    Witzig ist es auch mit dem S, dessen Verwendung dann bei so manchem Schwierigkeiten hervorruft. Genauso wie bei dem N geht so mancher dann doch etwas verschwenderisch damit um. Aber mit ein wenig Übung sollte dann auch das gelingen.

    Also wenn Du dann mal ein paar Buchstaben aus der Tüte übrig hast, gib sie einfach an mich weiter. Ich werde bestimmt das B und das V seiner richtigen Verwendung zuführen.;-)

    Umärmelungsgruß

    Sabine

  2. 2 paradalis
    14. Juni 2008 um 11:45

    Süße, Du meinst also:
    H- wie Heike
    und
    S- wie Sabine?
    🙂

    Umärmelungsgruß zurück!!

  3. 3 Kay
    15. Juni 2008 um 06:41

    Wenn das W noch frei ist würd ich das nehmen. Es ist schön groß. Wenn ich es denn hätte ginge ich in meine Werkstatt. Dort nehm ich dann meine kleine japanisch Säge und mache viele kleine Punkte daraus. Mit den hunderten von kleinen Punkten geht es wieder 2 Etagen höher in das gemütliche Wohnzimmer. Es ist schon dunkel, das zerteilen des W hat lange gedauert. All die kleinen Punkte werf ich auf den Glastisch. Unter den Glastisch entzünde ich viele kleine Teelichter. Ich mach es mir gemütlich und sehe zur Decke. Das W ist ein Wunder, die kleinen Punkte werfen im Kerzenlicht kleine Schatten an die Decke die miteinander Tanzen. Wenn der Morgen dämmert hol ich mir eine Tüte damit das W nicht wegkommt.

    Liebe Grüße Kay

  4. 4 paradalis
    15. Juni 2008 um 06:44

    Lieber Kay,
    wie schön!
    Danke!!

    Liebe Grüße
    Heike
    (… und nicht verärgert sein, weil meine Zeit zur Zeit so knapp ist! – Ich glaube, das „Z“ wie Zeit, mag ich wirklich nicht so sehr…)🙂

  5. 5 Kay
    15. Juni 2008 um 07:20

    Liebe Heike,
    Na das Z geht doch auch zu zerschnippseln. So wird auch das Z ein tanZender Haufen zappelnder Punkte.
    Nein bin nicht böse wegen der Zeit, Ich selbst leide auch desöfteren unter dem Z.
    Denk dann einfach an dich! Brauch man nicht viel Z dafür.
    Liebe Grüße Kay

  6. 6 arsfendi
    15. Juni 2008 um 09:22

    Das mit den Schnipseln gefällt mir. Ein schöner Gedanke.
    Ich würde dann anstatt des Z einfach das M nehmen, M wie Muße.
    Und wenn dann erst einmal die Punkte an der Decke tanzen, habe ich ja auch noch das S für die Seele um diese baumeln zu lassen.
    Also diese Buchstabentüte hat wirklich was. Wie schön, dass Du sie mit uns teilst.

    Liebe Grüße Sabine

  7. 7 paradalis
    15. Juni 2008 um 12:19

    Ja Sabine, da hatte Kay eine wirklklich gute Idee. So einen Buchstabenhimmel möchte man sich doch glatt anschauen.🙂

    Und-
    ich danke Euch. Dass Ihr Euch inspirieren lasst!
    !

    Liebe Grüße!


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