10
Aug
08

Textfragmente

 

Es muss an einem Dienstag gewesen sein. Aber es kann auch Mittwoch stattgefunden haben. Genaueres ist nicht mehr in meiner Erinnerung.

Als ich am Morgen erwachte, war das Vögelchen tot. Ich wusste es, bevor ich es auf der Straße liegen sah und den Blick nicht abwenden konnte. Sicher hat es ein dumpfes „klack“ gegeben, als es vom Ast stürzte. Vielleicht auch ein „plapp“. Ich hörte es nicht. Doch ich erwachte davon. Später, als ich mich auf dem Weg zur Arbeit befand, lag es vor mir. Es hatte einen krummen, seiner Größe keinesfalls angepassten Schnabel. Stand das Vögelchen in der Hackhierarchie ziemlich weit oben? Oder es war, als es noch lebte, eine Art Paradiesvogel gewesen. Sein Köpfchen war leicht verdreht und der zierliche Körper unnatürlich gekrümmt. Es wird vor Kälte vom Ast gestürzt sein. Geraume Zeit stand ich vor dem Vögelchen. Ich überlegte, es an den Straßenrand zu bringen, es vielleicht sogar in die Erde zu betten.

Eine umgestürzte Tanne blockierte den schmalen Pfad, der kaum sichtbar von der Straße durch das angrenzende Waldstück führte. Die Spitze der Tanne bewegte sich und als ich genauer hinsah, erblickte ich zwei kopulierende Ratten. Nun muss erwähnt werden, dass ich erst kürzlich eine mehr als unangenehme Begegnung mit gerade eben diesen Tieren hinter mich gebracht hatte. Ich versteinerte.
Zu allem Überfluss starrten vier rote Augen in mein Gesicht, während die dazugehörigen Körper weiter der Vermehrung nachgingen. Ratten sind ca. vierundzwanzig Tage schwanger, dachte ich. Danach werfen sie acht bis zwölf Rattenwelpen, die nach vier bis sechs Wochen geschlechtsreif sind. Würde ich mich also im Wald verlaufen und fände keinen Weg aus dem Dickicht, wäre ich binnen kürzester Zeit von Ratten umzingelt. Meine Panik verstärkte sich. Gern hätte ich das Vögelchen in den Wald gebracht und dort begraben. Doch da waren die Ratten. Wann würden sie sich ans Tageslicht kopulieren?

Die Nacht riecht nach Ruß.
Ich sitze und bewache Deinen Schlaf. Mein Kind.

Heute morgen erzähltest Du mir Deinen Traum. Vor deinen Augen war ein Rollstuhlfahrer, der fest verkeilt in den Bahnschienen stand. Der Traum vom nahenden Zug. Immer lauter, immer schneller, immer zischender. Laut pfeifend. Er kann sich nicht befreien, der Mann in seinem Stuhl. Er kann nicht weg. Und im nächsten Moment siehst Du nichts mehr.

Du erwachst vom Geschrei des Windes im alten Gebälk unserer Mansardenwohnung.

Er,
ein weiterer wichtiger Bestandteil ihres Lebens, würde erst dann wieder schreiben, wenn sie wieder schrieb.
Diesen Satz gab er ihr mit auf den Heimweg.
Seit einiger Zeit schrieb sie nur noch kurze Gedanken in die Tastatur. Schnell gedacht und eingehämmert. Manchmal nicht einmal gedacht. Nicht in Gedanken gehämmert. Die hämmernden Hammerschläge ihrer Emotionen hart auf die Tastatur geschlagen. Von da auf den Bildschirm.
Laut schreiend springen die Buchstaben entgegen, ganz gleich ob Tag oder Nacht.

„Ich werde erst dann wieder schreiben, wenn du wieder schreibst.“

Die Tochter hielt ein Buch in den Händen, indem jeder Satz mit „ICH“ begann. Sie wollte es vortragen, las jedoch eine halbe Seite, dann hatte sie genug des Geschriebenen. Es sei eine langweilige Geschichte und sie würde lieber vorlesen, was ihr gefällt und dieses Buch sei es eindeutig nicht. Achtlos legte sie das Buch beiseite.

Könnte es funktionieren, wenn man aus dem „Ich“ ein „ER“ machte?

„Er drückte ihr zwei Löffel aus Metall in die Hand um sie zu neutralisieren, wie er es nannte. Er hätte früher, als er noch ein Kind war, beim Fahren in Vaters Auto ständig Übelkeit verspürt. Er hatte in seiner Erinnerung Metall berührt, um die Übelkeit zu vertreiben. Er wartete darauf, dass die Wirkung eintrat und die Übelkeit, die sie seit mehreren Stunden plagte, nachließ. Er erhob sich vom Bett.
Er lief vom Bett ins Bad und stützte ihren Kopf, der sich über der Toilettenschüssel befand. Er konnte ihr nicht helfen. Er wurde durch diese Hilflosigkeit brummig und auch vorwurfsvoll. Er wiederholte ständig, warum sie nicht auf ihn gehört hatte und sie den Raum mit der Katze nicht sofort verließen, als sie dieser gewahr wurden. Er lief vom Bad in die Küche. Er erklärte ihr im lauten Tonfall, sie solle kein Mineralwasser trinken, das würde den Brechreiz erneut auslösen. Er sagte fast hilflos, sie sei nicht gesund, mit ihr sei etwas nicht in Ordnung. Er lief von der Küche in das Zimmer, in dem sich das Bett befand.
Er wiederholte, sie solle die Löffel festhalten. Er sagte, wenn er streichelnd versuchen würde, sie zu beruhigen, ändere sich nichts. Er meinte, sie solle neutralisiert werden.“

Geschrieben. Gelesen. Weggeworfen.

Er würde erst dann wieder schreiben, wenn sie wieder schrieb.

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1 Response to “Textfragmente”


  1. 1 Kay
    10. August 2008 um 15:51

    Ach, liebe Heike,
    Was träumst du denn? Denk an was schönes bevor du in die Nacht gleitest. Oder sind es Sehnsüchte die dich so schlafend wach halten?
    Sicher trägt deine Arbeit ein Teil bei. Möchte nicht mit dir tauschen!
    ganz lieben Gruß, Kay


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