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Mai
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Pulsschläge – 01 –

Sie verstehen sicher, dass ich auf die Geschwindigkeit, bei der ich am besten schreiben kann, nicht näher eingehen werde.
Erst kürzlich erhielt ich ein weiteres Strafmandat bezüglich der vollzogenen Geschwindigkeitsüberschreitung. Anhängend war eine Einladung zur Teilnahme an einem Aufbauseminar, auch Idiotentest genannt. Natürlich wurde mir das nicht umsonst zugesandt, damit verbunden war die Aufforderung, umgehend 17,90 € zuzüglich Auslagen zu zahlen, für ein Schreiben, um das ich nicht gebeten hatte:

Verwarnung wegen wiederholter Verkehrszuwiderhandlungen gemäß § 4 Abs. 3 Satz1 und Abs. 8 StVG i.V.m. § 41 FeV und Anlage 13 zu § 40 FeV

„Sehr geehrte Frau H.,
als Inhaber einer Fahrerlaubnis sind Sie in besonderem Maße mitverantwortlich für die Sicherheit und Ordnung im Straßenverkehr. Sie haben die folgenden Verkehrszuwiderhandlungen begangen, die im Verkehrszentralregister des Kraftfahrt-Bundesamtes in Flensburg eingetragen sind. Die in der Anlage einzeln aufgeführten Verstöße sind nach einem einheitlichen Punktesystem zu bewerten. Für Sie ergeben sich 9 Punkte. Wegen Ihres Verhaltens werden Sie hiermit verwarnt.“

Bla bla bla.
Ich bezahlte die Gebühren und Auslagen und achte seither auf rote Ampeln und Geschwindigkeitsbeschränkungen. Eigens zum Schreiben im Wagen legte ich mir eine stabilere Mappe zu, als es die Handelsüblichen erlauben. Diese halb auf meinem Schoß, halb aufs Lenkrad gelehnt, schreibe ich. Die Vibrationen des Basses als Luftzug in Höhe des linken Knies spürend.
Vorbei fliegende Bäume.
Zuvor schrieb ich lange Zeit auch auf Bahnhöfen, für meine Bekannten unverständlich.
„Was findest Du nur immer in diesen Hallen, Anna! Es stinkt, die Kinder schreien, und dann immer diese blecherne Stimme … ‚Bitte alles aussteigen, dieser Zug endet hier. Es bestehen Anschlussmöglichkeiten in folgende Richtungen …‘ “

Irgendwann hatte ich mir angewöhnt, morgens gegen neun mit meinen Schreibutensilien am Bahnsteig zu erscheinen. Meist setze ich mich auf einen dieser Stühle aus Metall, bei denen ich immer denke, dass sie einen Abdruck auf meiner Kleidung hinterlassen. Die Blicke der Anwesenden stören mich nicht, das kalte Metallgitter ebenso wenig. Wissen Sie, ich sitze einfach nur da und halte reglos Bleistift und Papier in den Händen. Eine eigenartige Stimmung überkommt mich, während ich da warte, als ob ich auf einen Zug warte. Als ob ich auf einen Menschen warte, der bald aus einem Zug steigen wird. Ich bewege mich kaum, nur meine Augen blicken interessiert auf die Reisenden und Wartenden, die unruhig in ihren Bewegungen sind.
Alles ist in Bewegung begriffen, Züge fahren ein, Züge fahren aus. Sie spucken die Menschen auf den Bahnsteig, die mit dem Geruch einer langen Reise und langem regungslosen Innehalten behaftet sind. Nach einer Zugfahrt tragen Reisende immer diesen Duft am Körper. Nirgends sonst riecht man die eigenartige Mischung aus Schlaf und Schweiß, Rauch und etwas anderem, das ich nicht definieren kann. Belegte Brote vielleicht. Und hart gekochte Eier. Manchmal riecht es auch nach Apfel. Nach frischem, gerade erst verzehrten Apfel.

Zuggäste eilen auf die wartenden Bekannten zu. Andere steigen eher zögerlich aus den Abteilen, gerade so, als ob sie weiter reisen möchten und sich nicht über die Ankunft freuen. Verliebte fallen sich in die Arme, Töchter eilen lachend auf ihre Mütter zu und Väter nehmen stolz die erwachsenen Söhne in den Arm. All das bemerke ich und möchte es festhalten. Die Bewegung möchte ich halten, die Menschen, die wechselnden Gestalten. Die unterschiedlichen Charaktere mit den so ganz verschiedenen Lebensläufen.

– Fortsetzung folgt –

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5 Responses to “Pulsschläge – 01 –”


  1. 1 gokui
    17. Mai 2009 um 10:21

    eigenartig ist es schon, wenn man unterwegs ist oder an orten wo menschen unterwegs sind, regt es um schreiben an. ich weis selber nicht wieviele „wortfindungen“ ich „beim schreiben verloren habe“ nur weil ich keine mappe bei „ordnungsgemäßen führen eines kraftfahrzeugs im öffentlichen straßenverkehr“ auf dem oberschenkel habe.

    bei mir kommt noch erschwerend hinzu, daß das radio mit diversen tageseinblicken läuft und mir dazu auch etliche, zuweilen bissige kommentare einfallen. erst am freitag habe ich so gegrübelt, ob ich nicht ein aufnahmemedium in elektronischer form mitführen sollte ( eventuell noch mal ein proargument für ein IPhone ? ) , um meine gedanken einfach aufzusprechen.

    aber bis jetzt ist es nur ein gedanke geblieben.

  2. 17. Mai 2009 um 10:23

    Lieber Gokui, setz diesen Gedanken bitte in die Tat um! Es geht so vieles verloren, wenn man es nicht sofort notiert …
    Und das ist schade.
    🙂

  3. 3 gokui
    17. Mai 2009 um 14:42

    ja liebe paradalis,

    in der tat es gibt soviel worum es schade ist. gerade bei den gedanken ! dennoch, eventuell liegt es auch an meiner einstellung die ich mir inziwschen angeeignet habe – oder auch aneignen musste – zu sagen, sche** drauf.

    aber du hast absolut recht. aber mein leben besteht nun mal leider nicht ausschließlich aus dem schreiben hier ( und woanders ). es gibt nicht viele dinge, wo man mir auch schon gesagt hat „mach genau das“ oder „warum machst du das nicht einfach so“. ich glaube aber nun zumindest teilweise zu wissen warum das so ist. ich bin da wohl nicht so fixiert in einer sache, ich denke gerne kreuz und quer, bin hier aktiv und dort und so kommt schon einiges zusammen.

    es ist mein „ich“.

    aber das mit dem schreiben, da hast du recht und alle anderen auch. leider fehlt mir im moment auch etwas die zeit. und, es gibt auch gedanken die werde ich nie zu ende denken können.

  4. 17. Mai 2009 um 22:33

    Wenn ich das so sehe, bekomme ich doch so langsam wieder Lust aufs Fotografieren…..

  5. 18. Mai 2009 um 05:27

    Schön, Frau O.
    Das freut mich! Ich bin gespannt.
    🙂


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