19
Mai
09

Pulsschläge – 03 –

Vor mir fährt Frau Christine Tochterhagen.
Ich kenne sie von meinen unzähligen Geschwindigkeitsfahrten übers Land. Ohne uns groß verständigen zu müssen, halten wir meist an der nächst gelegenen Raststätte, um uns zu begrüßen. Dann erzählt sie von ihrem Mann und ihrem Leben. Ich habe den Verdacht, dass sie auf der Flucht ist und ihr Leben hinter sich lassen möchte. Oder ihrem Leben immer mehrere Stundenkilometer vorauseilt. So auch heute. Flüchtig umarmen wir uns. So flüchtig, als wäre unsere letzte Begegnung erst gestern gewesen. Es ist ein außergewöhnliches Verhältnis zwischen uns Frauen. Wir begegnen uns bereits über einen längeren Zeitraum und tauschen unsere Gedanken. Es scheint, als würde uns etwas davon abhalten, unsere Gespräche auch außerhalb des Geschwindigkeitsrausches fortzusetzen und die Begegnungen freundschaftlicher werden zu lassen.
„Ach, Anna“, sagt Frau Tochterhagen. „Es gibt Tage, da habe ich das Gefühl, aus der Wohnung flüchten zu müssen. Mein Ehemann schenkt dem keine Beachtung. Er bemerkt weder meine frisch nachgezogenen Lippen, noch meine Aufmachung, die auf alles andere als einen Spaziergang hin deutet.“
Frau Tochterhagen bestellt sich einen weiteren Espresso.
„Dann begebe ich mich auf die Straße. Weiter als ein paar Meter kann ich nie zurücklegen, ohne unsicher zu werden. Die Blicke der Männer, die ich früher, vor der Ehe mit Manfred, als wohltuend empfand, verunsichern und stören mich jetzt. Neulich beispielsweise schlang ich mir trotz der wenig frühlingshaften Temperaturen meine Jacke um die Hüften. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass alle Welt auf meinen Hintern starre. Natürlich fror ich und meine sich aufrichtenden Brustwarzen zogen die Blicke der Männer an. Ich eilte nach Hause zu meinem Ekel. Doch was mich die Männer auf den Straßen zuviel beachten, beachtet mich mein Mann zu wenig. Er versteht es nicht, dass mir seine Blicke wichtig sind. Ich denke, er sieht nur sich. Wahrscheinlich würde es nicht einmal auffallen, käme ich überhaupt nicht mehr nach Hause.“
Ich ziehe an meiner Zigarette und weiß, spätestens jetzt sollte ich mich äußern. Wozu sonst erzählt sie mir das alles?
„Wissen Sie, Frau Tochterhagen, diese Situation ist mir bekannt. Ich verstehe sie gut. Meine Versuche einfach nur zu gehen, enden ähnlich. Ich komme nicht weit. Ich laufe zurück nach Hause und plündere meinen Kühlschrank.“
Erneut macht sich Schweigen zwischen uns beiden Frauen breit. War ich zu förmlich, zu kurz angebunden? Erwartete Frau Tochterhagen im Gegenzug eine Offenbarung?
Wir verabschieden uns. Und sehen in anderen Fahrzeugen weitere Frauen.
Auf der Flucht? Die Absätze ihrer Schuhe, ihrer rechten Pumps ebenso gezeichnet vom häufigen Fahren.
Frau Christine Tochterhagen wirft mir einen letzten Blick zu, bevor die Tür ihres Wagens ins Schloss fällt.

– Fortsetzung folgt –


4 Responses to “Pulsschläge – 03 –”


  1. 19. Mai 2009 um 21:40

    Schnelles Autofahren als Ausgleich dafür, vom Liebsten daheim nicht ausreichend beachtet und gewürdigt zu werden… Interessanter Gedanke…
    Bin schon gespannt auf die Fortsetzung!
    Liebe Grüße!

  2. 20. Mai 2009 um 06:07

    Meine Liebe, danke. Manchmal habe ich das Gefühl, einfach nur so vor mich hin zu tippseln. Umso schöner, wenn es auch neugierig macht und du immer wieder hierher zurück findest.
    Danke!

    Liebe Grüße!🙂

  3. 20. Mai 2009 um 10:04

    ich wollt nur schnell „Bescheid“ geben *kicher*
    http://www.kerkis-farbkleckse.de/kommentare/….1188/ <- das ABC-Projekt

  4. 20. Mai 2009 um 10:30

    Danke Renee!🙂

    Ich mach mich mal auf die Suche …

    Liebe Grüße!


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