21
Mai
09

Pulsschläge – 05 –

Ich denke an die bedauernswerten Menschen, die am Existenzminimum leben.
Den schuldhaften und nicht schuldhaften Alkoholikern und der kaufsüchtigen Marianne, die ständig Markenkleidung für ihre Tochter Clarissa erwirbt, da die Tochter alles ist, was ihr nach der Scheidung blieb.

Auch zu dem alkoholkranken Sohn eines alten Mannes werde ich mich zum wiederholten Male aufmachen müssen. Der alte Vater wird mir die Tür aufhalten, mir den einzigen harten Stuhl anbieten und seine Pfeife vom blank geputzten Tisch räumen.
Er ist alt und unsagbar müde. Sein schlohweißes Haar, das er mit langsamen, schwerfälligen Bewegungen noch immer so pflegt wie in jungen Jahren, als es ihm noch keine Mühe bereitete, den Arm mit der Schildplattbürste hinter den Kopf zu führen, reicht ihm bis auf die Schultern. Jeden Morgen rasiert er die einzelnen herausragenden Härchen in seinem sorgfältig gestutzten Bart. Er zieht seine beste, abgetragene Kleidung über und setzt sich in den alten, morschen Lehnstuhl.
Er sinnt vor sich hin. Er denkt an seine Frau Lisbeth, die lange vor ihm gegangen ist. Er tröstet sich mit dem Gedanken, dass es nicht mehr lange dauern kann, bis sie sich wieder sehen. Er denkt an seine Zeit als junger Buchhalter in einer alten Fabrik, die längst abgerissen ist. Er weint um seinen Sohn. Und wünscht sich, bei seiner Frau Liesbeth zu sein.

Der Sohn, mein Schuldner, wohnt fünfzigjährig noch immer in des Vaters Wohnung. Franz war immer ein guter Sohn. Fleißig und arbeitsam. Bis zu jenem Augenblick, als er begann, den Alkohol als seinen besten Freund zu betrachten. Seinen alten Vater im Lehnstuhl nimmt er nicht mehr wahr. Eben sowenig wie das gerahmte Foto seiner Mutter. Die unbezahlten Rechnungen wachsen auf dem Tisch im Zimmer des Sohnes. Die Menge der leeren Bier und Schnapsflaschen gleichermaßen.
Der Moment, als sich die amtliche Seite mit ihm beschäftigte, kam.

Der Vater legte sich in sein Bett und wollte nicht mehr aufstehen. Er hoffte dort auf die Erlösung in Form eines barmherzigen Todes. Tränen hatte er keine mehr. Die einst scharfsinnigen Augen sind von tiefer Trauer verschleiert und es fällt ihm schwer, sie offen zu halten. Das muss Franz wohl aufgerüttelt haben. Seine offenen Rechnungen zahlte er. Damals, bei meinem ersten Besuch. Nun ist er erneut mein Schuldner.

– Fortsetzung folgt –

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