23
Mai
09

Pulsschläge – 07 –

Ich versuche Buchstaben von der Tastatur auf den Bildschirm zu bringen. Ich bemerke, dass meine Hände selbständig arbeiten. Sich meine Finger von allein bewegen. Ich denke an van Gogh und die Legenden um das abgeschnittene Ohr. Der Mythos des wahnsinnigen Genies. Müssen denn alle kreativ veranlagten Menschen dem Wahnsinn verfallen?
Ich bin ein fauler Mensch. Ich bin bequem. Ich würde am liebsten das tun, was ich am liebsten mache. Gern würde ich einfach nur dasitzen, vielleicht mein Mandelbäumchen betrachten, dessen rosa Bälle selbst jetzt noch, in der Dunkelheit, ein wenig leuchten. Ungestört und unbeobachtet einfach nur da sitzen.
Ich erhebe mich aus meinem Sessel, gehe zur Toilette um mich zu erleichtern und bemerke, dass ich gezwungen bin, mich während meiner Fortbewegung am Türrahmen, an Wänden und anderen Gelegenheiten festzuhalten. Eine Jacke löst sich vom Bügel und fällt auf den Boden. War ich es? Verselbständigen sich die Dinge? Werde ich mir eines Tages ein Ohr abtrennen? Die Buchstaben, die ich so sehr liebe, scheinen sich von allein auf der Tastatur zu bewegen.
Ich beobachte meine Finger beim schreiben. Jeglicher Bezug zu den neuerdings wieder abgekauten und angefressenen Nägeln fehlt mir. Es ist noch gar nicht lange Vergangenheit, da wurde ich auf die Echtheit meiner langen, gepflegten Nägel angesprochen. Seit wann reiße ich wieder am Nagelbett bis es blutig ist? Ich mache eine Pause. Ich lese das Geschriebene. Füge da ein Wort ein. Streiche da ein anderes. Ich verwechsle die Buchstaben und meine Finger bewegen sich noch schneller über die Tastatur. Sie fliegen nach oben und nach unten, aus einem i wird versehentlich eine 9. Manchmal denke ich, ich solle es einfach so stehen lassen und es mir am nächsten Morgen betrachten. Ich solle betrachten, zu welchen Kreationen meine fliegenden Finger mit dem angefressenen Nagelbett, in der Lage sind. Doch ich werde den Schein wahren. Solange es mir möglich ist.

Ich bin längst dabei mich zurück zu ziehen. Ich betrüge inzwischen meine Freunde am Telefon. Ich erzähle, es geht mir gut. Ich erzähle, es sei alles in Ordnung.
Und ich nehme mir ein neues Glas Wein aus der zweiten Flasche des gerade angebrochenen Abends.
Während ich das schreibe, bemerke ich weitere grammatikalische Fehler. Ich berichtige sie. Ich berichtige mich. Mit mir ist alles in Ordnung. Ich bemerke alles. Mir entgeht nichts.
Das Telefon läutet.

– Fortsetzung folgt –

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2 Responses to “Pulsschläge – 07 –”


  1. 1 gokui
    23. Mai 2009 um 23:24

    müssen wir uns sorgen machen ?
    intuition ist ein guter wegbegleiter. das schwierige ist nur diese intuition steuerbar zu machen. auch mir fliegen die finger oft. das ist schon wahnsinn !

  2. 24. Mai 2009 um 08:16

    Gokui, ich glaube wirklich, dass alles in Ordnung ist. Wir müssen uns nicht sorgen! Alles ist gut.
    🙂

    Dir einen schönen Sonntag und lieben Gruß!


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