30
Mai
09

Pulsschläge – 12 –

Teilnahmslos lehne ich in meinem Stuhl.
Die Unterarme auf der Lehne ruhend, zeigen meine Finger nach unten. Ich beobachte meine Hände, meine Finger. Durch die Stellung der Arme beginnen die Finger zu kribbeln. Ameisen laufen emsig auf dem abgerissenen Nagelbett und arbeiten sich die Arme bis zu den Schultern hinauf. Ich wechsle meine Haltung und richte mich auf. Ich beginne zu frösteln. Ich erhebe mich, öffne die Kommode und finde ein warmes Kleidungsstück meines Mannes. Ich bemerke kleine Löcher im Wollstoff und denke, es werden die Motten sein.
Wann tötete ich zuletzt eine Motte und bemerkte den Staub, der aus ihr fällt?

Asche zu Asche. Staub zu Staub.

Am schnellsten erwischt man die Motte, umschwirrt sie das Licht.
Gedanken umschwirren mich wie Motten das Licht.
Ich habe eine Phobie. Sobald etwas Flatterndes meinen Kopf umschwirrt, werde ich panisch. Neulich waren es die Sittiche meines Bekannten, die im Wohnzimmer Freiflug hatten. Er lässt sie frei fliegen und verschafft den armen Vögeln das Gefühl einer Freiflugillusion. Der Freiheit von einhundert Quadratmetern.

Oft stehe ich mit meinem Mann am Fenster und wir beobachten die vom Himmel fallenden Vögel. Leise und verhalten stehen wir da und erwarten einen lauten Aufprall, der jedoch nie erfolgt. Die Vögel fallen nicht auf den Boden, kurz zuvor erheben sie sich mit starken Schwingen und fliegen aufwärts, knapp am Fenster vorbei. Eng umschlungen stehen wir an eben diesem Fenster, mein Bauch ist an seinen Rücken gepresst und wir fühlen die Körperwärme der sich einander begehrenden Leiber. Die Gedanken fallen. Und erheben sich erneut.

– Fortsetzung folgt –

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4 Responses to “Pulsschläge – 12 –”


  1. 30. Mai 2009 um 10:19

    Deine Pulsschläge sind überaus interessant und tiefsinnig. Haben Platz für Assoziationen und Interpretationen. Sehr schön hier auch das Foto. Vielleicht wäre es noch etwas ausdrucksstärker, wenn es S/W wäre…
    Was denkst du?

  2. 30. Mai 2009 um 22:13

    Du ziehst einen förmlich in diese Geschichten hinein. Manchmal verspüre ich beim Lesen Beklommenheit. Manches daran erinnert mich an vergangene Ängste und Leiden.
    Liebe Grüße, wünsche dir schöne, erholsame Pfingsten.

  3. 1. Juni 2009 um 08:39

    Ihr Lieben! Dankeschön.

    Und euch natürlich einen schönen Pfingstmontag.
    🙂

  4. 1. Juni 2009 um 09:37

    Dir/euch auch einen herrlichen Pfingstmontag und einen schönen Guten Morgääähn 😉


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