14
Dez
09

Monolog

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Erinnern Sie sich?

Sie müssen damals gerade frisch liiert gewesen sein, als ich Ihnen endlich begegnete.

Sie trugen einen roten Mantel, der Sie wie Knecht Ruprecht wirken ließ. Sie wissen schon, wie ein Weihnachtsmann, allerdings ohne dicken Bauch und weißem Bart.

Ich sagte es Ihnen doch auch, erinnern Sie sich?
Jedenfalls wirkten Sie sehr auffällig in Ihrem roten Mantel. Und Ihr Gesicht strahlte, als wären Sie in der ersten Verliebtheit. Wie setzten uns auf eine Bank im Park, und ich wollte gern Ihre Geschichte hören. Die Geschichte, die Sie dazu brachte das alltägliche Grau abzulegen und in diesen wunderschönen roten Mantel zu schlüpfen. Zuvor trugen Sie immer grau, ich konnte es beobachten, da Sie in meiner Nachbarschaft lebten.
Immer wenn Sie Ihr Haus verließen und mich bemerkten, neigten Sie Ihren Kopf zu einem kurzen Gruß. Wissen Sie wie glücklich Sie mich mit dieser Geste machten?
Ich, ein alter Mann und Sie, die junge Frau in grau. Das Grau verstand ich nie, ich dachte oft, wie gut würde Ihnen doch rot stehen oder blau oder eine andere strahlende Farbe. Jetzt kann ich es Ihnen ja gestehen, immer erschienen Sie so, als ob Sie nicht existieren wollen. Als ob Sie notgedrungen Ihr Haus verlassen müssen, vielleicht, um Lebensmittel zu kaufen, aber sich im Grunde gar nicht fortbewegen wollen. Auch heute ist mir nicht klar, ob Sie einer Tätigkeit nachgingen und wovon Sie damals Ihren Lebensunterhalt bestritten. Glauben Sie mir, ich saß oft an meinem Fenster und beobachtete Sie. Und immer trugen Sie diesen grauen Mantel und die klobigen schwarzen Schuhe, in denen Sie wie ein Mann wirkten. Ich verstand das Versteckspiel wirklich nicht, dabei hatte ich Sie einmal, ich bin sicher, Sie bemerkten es nicht, spärlich bekleidet gesehen. Eilig wechselten Sie Ihre Kleidung, es war nur Sekundensache. Ich sah Ihre schmalen Schultern, die zarten Brüste und Ihre langen Beine. Sie zogen sich um und staksten dabei durch das Zimmer. Hilflos sahen Sie aus, ein wenig wie ein Reh und als Sie angekleidet Ihre Wohnung verließen, waren Sie in Ihrem grauen Mantel und den klobigen Schuhen wieder wie ein Jüngling, nicht wie eine zarte Frau.

Und dann, eines Tages, trugen Sie diesen roten Mantel. Unter dem Mantel ein Kleid und an den Füßen zierliche Stiefelchen. Schön war das, Ihr langes schwarzes Haar lugte unter der Kappe hervor und auf dem Gesicht machte sich ein breites Lächeln Raum. Und Sie sahen mich an, als ich gerade in diesem Moment aus meiner Haustür trat. Sie neigten nicht nur den Kopf, sondern waren bereit mir Ihre Geschichte zu erzählen, die Geschichte, die Sie dazu brachte, das alltägliche Grau abzulegen.

Nun sitzen wir hier und ich lausche dem Nichts.

Sie erzählen nichts, denn ich sitze allein.
Ich sitze allein auf dieser Bank und schicke meine Fantasie auf Wanderschaft, während um mich herum die Menschen in Eile vorüber hasten. Ab und an streift mich ein mitleidiger Blick.

Meine Füße spielen mit vom Wind heran getriebenen letzten Blättern und es setzt sich Schnee in mein Haar.


11 Responses to “Monolog”


  1. 14. Dezember 2009 um 02:37

    Guten Morgen liebe Heike,
    hoffentlich hattest du ein angenehmes Wochenende.

    Eine schöne Geschichte, die du uns da erzählt hast. Grade als die Geschichte anfing spannend zu werden, war sie auch schon zu Ende. Jetzt sitze ich mitten in der Nacht vor meiner Emma und grübele, warum diese junge Frau sich immer so trist gekleidet hat.
    Ich hoffe doch, es gibt eine Fortsetzung.

    Liebe Grüße und einen schönen Wochenanfang wünscht dir🙂
    Bärbel

    • 14. Dezember 2009 um 07:50

      Guten Morgen liebe Bärbel.

      Ja, ich hatte ein schönes Wochenende, war aber gestern so geschafft, dass ich nur gefaulenzt habe. Nach einem fantastischen Abendessen, 5 Whisky und jeder Menge Gespräche, bin ich am Samstag erst gegen 2.00 Uhr ins Bett gefallen. Davon musste ich mich gestern erholen.

      Das mit der Geschichte … ich empfinde das genauso. Und habe schon oft über eine Fortsetzung (Erklärung) nachgedacht. Allerdings war alles, was mir dazu einfiel, irgendwie banal. Und so steht die Geschichte da und wartet auf ihre Zeit.

      Danke für deinen lieben Kommentar und ich hoffe, es geht dir auch gut!
      Liebe Grüße🙂
      Heike

  2. 14. Dezember 2009 um 08:33

    Liebe Heike,

    das ist eine wunderschöne Geschichte – eine Gänsehautgeschichte!
    Ich grüble jetzt auch ein wenig, warum die Frau wohl immer so trist und grau gekleidet war, aber ich kenne das auch.. manche Geschichten brauchen Zeit🙂

    Liebe Montagmorgengrüße
    Lilo

  3. 14. Dezember 2009 um 10:34

    Eine gar herrliche Geschichte, meine Liebe! Sehr tiefgründig, vielschichtig und rätselhaft. Und die Phantasie anregend. Die Gedanken spazieren lassend, was das Schicksal dieser Frau betrifft…
    Liebe Grüße, wünsche dir einen guten Start in die neue Woche!🙂

  4. 14. Dezember 2009 um 10:55

    Auch ich hoffe auf die Fortsetzung!

  5. 9 werner
    14. Dezember 2009 um 12:04

    Nein, diese Geschichte braucht keine (geschriebene) Fortsetzung.
    Gerade durch den offenen Schluss hat sie ihre Stärke.
    Dem Nichts zu lauschen…
    das ist es, was wir verlernt haben und was doch so interessant sein kann.
    Lass diese Geschichte einfach so stehen und jede und jeder kann und soll sich selbst das Geheimnis dieser jungen Frau und des alten Mannes ausmalen, und dabei meinetwegen seine eigene Umgebung und seine eigene Situation mit hinein weben.
    Begnüge dich damit, unsere Phnatasie anzuregen.
    Und erzähle uns noch mehr solche Geschichten!

    Werner

  6. 11 werner
    14. Dezember 2009 um 18:51

    da freue ich mich aber über so ein Lob🙂


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