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Was bin ich froh, ihn wiedergefunden zu haben!

Albert Camus

„Albert Camus

Schrifsteller und Dramatiker
.
.
Geburtsdatum 7. November 1913
Geburtsort
Mondovi, Algerien

Sterbedatum 4. Januar 1960
Sterbeort
Autounfall bei Villeblevin, Yonne

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Albert Camus ist geboren in dem algerischen Dorf Mondovi (nahe Bone bzw. heute Annaba), wo sein Vater kurz zuvor Kellermeister eines Weinguts geworden war. Als der Vater 1914 gleich bei Kriegsbeginn in der Marneschlacht verwundet wird und stirbt, zieht die Mutter mit Albert und seinem älteren Bruder zurück zu ihrer verwitweten Mutter nach Algier in das Kleine-Leute-Viertel Belcourt. Hier verdient sie das Geld für ihre Familie erst als Fabrikarbeiterin, später als Putzfrau, wobei nicht nur die beiden Jungen sondern auch sie selber unter dem strengen Regiment der Großmutter stehen.
1924 erhält Camus‘ Grundschullehrer mühsam die Erlaubnis von Mutter und Großmutter, ihn für die Aufnahmeprüfung des Gymnasiums vorzubereiten. Camus besteht und pendelt hinfort zwischen der ärmlichen Welt von Belcourt und dem bürgerlichen Milieu der Schule, wo er seine Herkunft vor den Klassenkameraden versteckt und sich seiner wenig präsentablen Mutter schämt, die nicht nur Analphabetin ist, sondern auch schwer hört und Sprachstörungen hat. Um seinen Status in der Klasse zu verbessern, ist er sehr sportlich und erwirbt sich Meriten als tollkühner Torwart eines Fußballklubs. 1930, nach dem ersten Teil des baccalauréat, erkrankt er an Tuberkulose und muss für lange Monate in ein Sanatorium in Südfrankreich. Nach seiner Rückkehr wird er von der kinderlosen Schwester seiner Mutter und ihrem Mann, einem wohlhabenden und literarisch interessierten Metzgermeister, aufgenommen. Hier fühlt er sich wohl, liest, schreibt und entwickelt Dandy-Allüren. Seine Mutter sieht er nur selten.

1932 legt er den zweiten Teil des bac ab. Sein Traum wäre die École Normale Supérieure, doch gibt es in ganz Algerien keine classes préparatoires. Er beginnt also ein Studium der Philosophie an der neu eröffneten Universität von Algier, wo er Freundschaft schließt mit einem jungen Professor, Jean Grenier. 1934, mit 21, verheiratet er sich mit der 19-jährigen Simone Hié, der hübschen, aber auch extravaganten (und morphiumsüchtigen) Ex-Verlobten eines Freundes. Simone ist zwar gutbürgerlicher Herkunft, doch hat ihr Vater die Familie verlassen, was mitsamt ihren Extravaganzen ihren Wert auf dem Heiratsmarkt ausreichend mindert, um sie für Camus erreichbar zu machen. Dass sein Onkel und seine Tante diesen Wert sogar für Null halten und strikt gegen die Heirat sind, stört Camus wenig, seine Mutter informiert er gar nicht erst. Er zieht zu den Hiés und schreibt für Simone kleine Texte über seine Jugend, die er zu einem ersten Büchlein zusammenfasst: L’Envers et l’endroit (gedruckt 1937).

1935, nach der Bildung der „Volksfront“ der linken Parteien, wird er, wie viele junge Intellektuelle, Kommunist und auch Mitglied im P. C. Die Partei setzt ihn ein, um im arabischen Bevölkerungsteil der Stadt antikolonialistische Agitation zu betreiben und auch Mitglieder zu werben. Letzteres erweist sich zwar als unmöglich (weil der kommunistische Atheismus die Moslems abstößt), doch erhält Camus Einblick in die sozialen und psychologischen Probleme der damals etwa 8 Millionen „Araber“, die beherrscht und ausgebeutet werden von etwa 800.000 Algerienfranzosen, d.h. den Nachkommen französischer, spanischer und italienischer Einwanderer sowie der französisierten einheimischen Juden (wobei diese Algerienfranzosen, „les pieds noirs“, keineswegs allesamt wohlhabend sind).

Als 1936 die Volksfront die Wahlen gewinnt, werden in ganz Frankreich neue kulturvermittelnde Institutionen gegründet, um das Bildungsniveau der „Werktätigen“ zu heben. In Algier gründet Camus mit anderen Linken ein „Théâtre du travail“, wo er ein erstes Stück redigiert und inszeniert: Révolte dans les Asturies, das den Streik der spanischen Bergarbeiter verarbeitet. Mehr nebenbei legt Camus sein Diplôme d’études supérieures ab mit einer Arbeit über die antiken nordafrikanischen Philosophen Plotin und Augustinus.

Im Spätsommer reist er mit Simone in Italien, Österreich und der Tschechoslowakei. In Prag bemerkt er, dass sie sich bei Ärzten prostituiert, um an Morphium zu kommen. Er ist zutiefst getroffen und bricht mit ihr. Zurück in Algier hat er Probleme mit der Parteiführung, die auf Anweisung von Moskau jegliche antikolonialistische Agitation einstellt, weil diese die Verteidigungskraft Frankreichs gegenüber dem aufrüstenden Deutschland schwächen könnte, vor dem auch Stalin Angst zu bekommen beginnt. Camus, dem inzwischen die soziale und politische Gleichstellung der „Araber“ am Herzen liegt, ist enttäuscht von diesem Kurswechsel seiner Partei und will weiter agitieren, wird aber ausgeschlossen. Ebenso enttäuscht ist er 1937 über das Scheitern eines Gesetzesvorhabens in der Assemblée nationale, wonach zumindest die gebildete und teilweise akkulturierte arabische Elite in Algerien das volle französische Bürgerrecht erhalten sollte.

Ein weiterer, persönlicher, Schlag ist, dass er wegen seiner Tuberkulose nicht zur agrégation zugelassen wird. In seiner Enttäuschung beginnt er einen ersten Roman um einen tuberkulosekranken jungen Mann, der einen reichen Krüppel ermordet und bestiehlt, um dann selbst in einer Villa hoch über dem Meer zu sterben: La Mort heureuse. Dieses sehr persönliche Werk stellt er aber nicht fertig, sondern benutzt es als Steinbruch für einen neuen, zunächst politisch motivierten Roman um einen ganz normalen jungen Algerienfranzosen, der eher zufällig einen jungen Araber erschießt, für sein Verbrechen aber einsteht und sich zum Tode verurteilen lässt: L’Étranger. Dieser Roman, dessen Entstehung sich über mehrere Jahre, bis 1940, erstrecken wird und der sich während dieser Zeit mit zusätzlichen Themen und Problemen auflädt, die die ursprüngliche politische Intention fast verdecken, wird Camus erfolgreichstes Werk.

Obwohl er nur mühsam von einem Hilfsjob im meteorologischen Institut von Algier lebt, schlägt er 1938 einen Posten als Lehrer in einer algerischen Kleinstadt aus. Er lernt seine spätere zweite Frau kennen, eine Mathematikstudentin. Ein Freund beschafft ihm einen Posten als Reporter bei dem neuen (linken) Blatt Alger républicain. Eine seiner Spezialitäten dort werden Gerichtsreportagen, zumal von Prozessen gegen „Araber“, die gar zu leicht die volle Härte des Gesetzes zu treffen pflegte. Nebenher schreibt Camus eine erste Version seines ersten vollständig eigenen Stücks: Caligula, ein Drama um die Sinnsuche eines jungen Mannes.

Im Sommer 39 schreibt er eine anklagende Artikelserie über eine Hungersnot im Hinterland Algiers, gegen die die französischen Behörden seines Erachtens nichts tun. Als im September der Krieg ausbricht und eine Zensur eingeführt wird, hat er ständig Ärger und wird Anfang 40 nach Frankreich ausgewiesen, kurz nachdem er geschieden ist und sich wiederverheiratet hat. Er geht nach Paris, wo er einen Hilfsjob an einer Zeitung bekommt. Unmittelbar vor Beginn des „blitz allemand“ (10. Mai) hat er den Étranger fertig (der aber erst 1942 gedruckt wird, als wieder halbwegs normale Verhältnise in Frankreich herrschen und es wieder Papier gibt).

Kurz bevor die Deutschen in Paris einmarschieren, flüchtet Camus mit der Redaktion seiner Zeitung nach Clermond-Ferrand und weiter nach Lyon, wo er den Waffenstillstand und die Anfänge des neuen État français unter Pétain erlebt. In der Folgezeit führt er eine unstete Existenz zwischen Frankreich und Algerien, schreibt aber fleißig. Im Winter 41/42 verfasst er in Oran (dem Heimatort seiner Frau, wo er eine Lehrerstelle bekommen hat) Le Mythe de Sisyphe, einen philophischen Essai über den Sinn der menschlichen Existenz, den er in der Bejahung ihrer Tragik und in deren Überwindung durch Pflichterfüllung zu sehen scheint. Der Sisyphe trifft offenbar die Stimmung im besetzten Frankreich, Camus wird bekannt, zumal auch der Étranger gut einschlägt. 1942 ist er wieder in einem Sanatorium in Frankreich und kann nicht nach Oran zurück, nachdem die Deutschen im November auch den bisher unbesetzten Süden, die zone libre, besetzt haben und Algerien von anglo-amerikanischen Truppen besetzt wird.

Die persönliche Situation der Trennung von seiner Frau und die allgemeine Lage im besetzten Frankreich, wo er sich inzwischen der Widerstandsbewegung, der Résistance, angeschlossen hat, verarbeitet er in dem Roman La Peste, einem Hohenlied der Pflichterfüllung unter Männern. Das Buch erscheint zwar erst 1947, ist dann aber trotzdem noch ein großer Erfolg, weil es den Franzosen offenbar die Besatzungszeit verklären hilft, in der sie laut dem rasch entstehenden Mythos angeblich allesamt erklärte oder doch wenigstens verkappte résistants gewesen sind. Ebenfalls 1943 schreibt Camus das Stück Le Malentendu und beginnt er seine Mitarbeit an dem im Untergrund erscheinenden Blatt Le Combat, dessen Chefredakteur er 1944, nach der Libération, wird.

Trotz seines Wirkens als Widerständler versucht er, an einer deutsch-französischen Versöhnung zu arbeiten mit seinen Lettres à un ami allemand (1945). In den Nachkriegsjahren ist er zusammen mit Sartre (mit dem ihn kurze Zeit auch ein freundschaftliches Verhältnis verbindet) einer der maîtres à penser des Existentialismus. Wie Sartre, begnügt auch er sich nicht mit einer Literatenrolle, sondern versucht, journalistisch in die Politik hineinzuwirken als humanitärer, gemäßigt linker Pazifist, als der er zumal die Rigidität der französischen Kolonialpolitik und die Exzesse der Kolonialtruppen brandmarkt. Da er jedoch über den Parteien zu stehen bemüht ist, gerät er oft zwischen die Fronten. So scheitern z.B. 1956 seine Vermittlungsversuche im beginnenden Algerienkrieg kläglich, denn sein Plädoyer für eine bürgerrechtliche Gleichstellung der „Arabes“ ist den meisten Franzosen zu radikal, dagegen ist seine Vorstellung von einem letztlich doch französischen Algerien für die meisten Algerier inzwischen unakzeptabel. 1957 kommt ein Sammelband von meist in Algerien spielenden Erzählungen heraus, L’Exil et le Royaume. Wenig später erhält Camus den Nobelpreis.

Am 4. Januar 1960 kommt er bei einem Autounfall ums Leben, mitten in der Arbeit an einem Roman um seinen ihm nur aus Erzählungen bekannten Vater, Le Premier Homme (inzwischen als Fragment postum erschienen). Der Ruhm von Camus, der lange mit Sartre auf eine Stufe gestellt wurde, beginnt inzwischen offenbar etwas zu verblassen, doch ist er zweifellos eine sehr wichtige (und eher sympathische) Figur des französischen Geisteslebens im 20. Jh.

nach: Prof. Gert Pinkernell,
Französische Literatur“

Quelle:
http://www.frankreich-experte.de/fr/6/6216205.html

Derzeit lese ich mich gerade in seinen Werken fest und werde euch natürlich daran teilhaben lassen.
🙂

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10 Responses to “Was bin ich froh, ihn wiedergefunden zu haben!”


  1. 9. Januar 2010 um 11:59

    Camus mag ich auch sehr gern 🙂

  2. 9. Januar 2010 um 12:39

    Was für ein Glück auch für MICH, dass du ihn wiederentdeckt hast, liebe Heike! *freu*
    Ich denke an „Hochzeit des Lichts“ und an vieles mehr… das mich sehr beeindruckt hat…
    Außerdem hat er einen Tag vor mir Geburtstag! 🙂
    Herzliche Grüße zu dir, Elisabeth

    • 10. Januar 2010 um 16:06

      Liebe Elisabeth, ich bin gerade mit „Der Pest“ beschäftigt, ein wirklich geniales Buch.
      „Hochzeit des Lichts“ werde ich sicher auch noch lesen. Danke für den Tipp!
      Hab einen schönen Sonntag und liebe Grüße
      Heike.
      🙂

  3. 11. Januar 2010 um 13:43

    Siehste, du hast durch eine Radiosendung Albert Camus wieder entdeckt, und ich durch Sunny’s Projekt Zahlenzauber 100 John Galsworthy, einen meiner Lieblingsautoren wieder gefunden. 🙂 Medien können schon was durchaus segensreiches sein!


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