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Reise in die Vergangenheit. Oder: Alles ändert sich.

Ich weiß noch, vor fast zwanzig  (Na Mensch, da habe ich mich doch glatt vertippt! Danke Claudia fürs Aufmerksam – machen) 🙂

dreißig  Jahren

fuhr ich manchmal mit meinen Freundinnen von O. nach Chemnitz, um einen schönen Tag auf dem Brühl zu verbringen. Ein kleines Geschäft schloss sich an das andere an, der Brühl galt als bessere Einkaufspassage.

Damals hatte ich immer das Verlangen, die üblichen osttypischen Einheitsshirts zu verändern, indem ich bspw. die Nähte der Shirts auf den Schultern auftrennte und Spitze einnähte, einmal trennte ich sogar das FDJ – Emblem von der blauen Bluse (und schaffte mir damit natürlich keine Freunde in der Freien Deutschen Jugend – aber das Blau der Bluse war so hübsch, nur das Emblem … ),  ich kaufte diese Spitze immer im Kurzwarengeschäft auf dem Brühl.

All die vielen Farben und Formen, das Nähgarn hübsch nach Farben sortiert – in den Regalen bunte Wolle – ich mochte dieses Geschäft. Meine Freunde und ich schlichen um das „Delikat“, dort gab es Waren, die üblicherweise im Konsum an der Ecke nicht zu erwerben waren. Natürlich dachten wir, das wäre alles viel besser als das, was in den ostdeutschen Haushalten täglich auf den Tisch kam. Vielleicht war daran auch Karl – Eduard von Schnitzler schuld. In seiner Sendung

„Der schwarze Kanal“ 

wetterte er immer so auf den bösen Westen im Allgemeinen und auf die bösen Kapitalisten im Besonderen, dass wir natürlich herausfinden wollten, ob das wirklich alles so schlimm war.

Im „Delikat“ 

oder auch im

 „Excuisit“   auf dem Brühl konnten wir uns einen ersten Einblick verschaffen, welches Schlaraffenland der Westen ganz sicher sein musste. Es waren zwar noch immer keine „Westartikel“, die in diesen Geschäften angeboten wurden, aber die“ bessere“ ostdeutsche Gesellschaft kaufte dort sehr gern ein. Was doch so eine besondere Verpackung alles bewirken konnte, denn der Inhalt des Produktes unterschied sich mitnichten von den Konsum – Artikeln.

Wir allerdings setzen uns auf die Bank vor dem „Goldbroiler“, und ließen uns ein aufgespießtes Huhn aus echter ostdeutscher Freilandaufzucht schmecken. Heute suche ich allein beim Anblick der aufgereihten Spießhühner in den Imbissbuden das Weite. Einerseits wegen der Gedanken von Massentierhaltung, die zwangsläufig in meinem Hirn erscheinen,  andererseits wegen des Anblickes. Und nicht zuletzt wegen des Geruchs.

Es gab Bekleidungsgeschäfte, Cafés – die Wohnungen auf dem Brühl waren begehrt, jeder wollte da wohnen.

Was heute davon noch übrig ist?

Das Waffengeschäft gleich neben der Rosa – Luxemburg – Oberschule, die stolz ein Schild der jungen Pioniere an der Hauswand zur Schau trägt.

Neues? Peer Streinbrück neben dem Waffengeschäft unter einer der DDR typischen Straßenlaternen.

 –

Ich bin mir nicht sicher. Klar, der Brühl wirkt heute wie ein Schandfleck, all die „vergammelten“ Ecken, der Müll – aber: Die Menschen, die da wohnen, leben ihre Kreativität aus, entfalten sich auf ihre Weise. Man würde ihnen ihr Lebensgefühl nehmen, stellte man den „Wohlstandszustand“ wieder her, man würde sie vertreiben. Wo sollten sie dann hin?

Vielleicht wäre es schon ausreichend, wenn man den Müll, der sich überall in den Hinterhöfen und auf den Wegen befindet, entfernen würde. Es ist schade, dass die Bewohner des Brühls darauf nicht mehr achten. Denn ich denke, eine Zeitreise zurück in die Vergangenheit des einstigen Prachtviertels wäre irgendwie das Falsche.

Übrigens – je länger ich darüber nachdenke, umso mehr gefällt mir, dass gerade da, wo früher der Ketchup wie Gold gehandelt wurde, Menschen eingezogen sind, denen es  völlig schnuppe ist, dass der Ketchup, den sie kaufen, vom Billigdiscounter um die Ecke ist.

🙂

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14 Responses to “Reise in die Vergangenheit. Oder: Alles ändert sich.”


  1. 24. August 2013 um 13:48

    Diese kleinen Geschäfte von früher, die vermisse ich. Alles ist in Riesen-Einkaufszentren zusammengepfercht. Die sind alle gleich, egal ob in Berlin, Chemnitz oder Schweden. Hochgestylte Konsumtempel ohne Flair. Die ehemals „feinen“ Gegenden in den Städten sterben. Schade drum!

    Graffiti find ich fast überall blöd. Wie kreativ die auch sein mögen. Ist erst eine Wand besprüht, kommt die nächste dazu, dann sammelt sich Müll, Hundesch…usw. Gegen die eigene Vermüllung tun die Anwohner vielleicht was, aber wenn erst alles von außen zugetragen wird, dann hat selbst der Fleißigste Anwohner keine Lust mehr.

    Deine Fotos sind tolle Aufnahmen vom Verfall einstiger Werte.
    Hoffentlich ändert sich da mal was und es wird „volksnah“ renoviert. Ich meine nicht luxussaniert!

    Aber sag mal, ist das, was Du schilderst nicht schon fast 25 Jahre her? 🙂

    Liebe Grüße an Dich!
    Claudia

    PS: Ich überlege noch immer, wie jemand es geschafft hat der Skulptur die Weste anzuziehen 😉

    • 26. August 2013 um 08:25

      Danke Claudia, ja, „volksnah“ saniert klingt gut, das wäre wohl in Ordnung, auch für die Einwohner. Schön auch, dass ich gleich mal 10 Jahre unterschlagen habe, ich habe es oben korrigiert, sorry – und danke, dass du darauf aufmerksam gemacht hast. 🙂

      Ich denke ja, die Skulptur haben sie eingestrickt. Am Mann selbst gearbeitet, sozusagen. 🙂

      Liebe Grüße!
      Heike

  2. 24. August 2013 um 14:15

    Ich liebe den Flair der meisten kleinen Geschäfte. Leider findet man sie immer seltener.
    Ich liebe gute Graffiti und finde, sie kann das Stadtbild auflockern.
    Edel-Sudes Mutter soll bei uns, wo ich als Kind lebte, um die Ecke gewohnt haben. Ob es allerdings stimmt, weiß ich nicht. Es wurde gemunkelt, er reiste stets in der Nacht an, weil er sonst verprügelt worden wäre. Wie gesagt, ob es stimmt, ich weiß es nicht.

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende,
    Bärbel

    • 26. August 2013 um 08:27

      Liebe Bärbel, das wäre ja ein Ding, mit Sudel Edes Mutter. Ist schon eigenartig, er macht auf mich ohnehin so einen Eindruck wie einer der Jungs, die man früher auf dem Schulhof verprügelte, und die sich im Erwachsenenalter dafür auf diese unschöne Art versuchen an der ganzen Menschheit zu rächen.

      Liebe Grüße an dich, und ich hoffe, es geht dir gesundheitlich einigermaßen?

      Heike

  3. 5 Viktor
    24. August 2013 um 19:42

    Allgemeiner moralischer und geistiger Niedergang. In der DDR war das Leben besser.

  4. 24. August 2013 um 20:55

    Liebe Heike, leider ist es auch hier im Westen oft so, dass früher schöne Straßen es nicht mehr sind.
    Aber deine Fotos sind ja sagenhaft. Da waren kreative Köpfe am Werk, die vielleicht doch der Gegend wieder Leben einhauchen könnten…. Es aber kaum schaffen werden.

  5. 9 gokui
    24. August 2013 um 22:03

    Freie gestallterische Kunst hat was – finde ich.

  6. 27. August 2013 um 10:34

    Ich bin mal gespannt wohin sich der Brühl entwickelt, wenn in die Aktienspinnerei die Unibibliothek einzieht.
    Aber schade ist es um dieses Viertel schon. Im Goldbroiler wurde man noch plaziert. Wie gut, dass es den Straßenverkauf gab.

  7. 1. September 2013 um 15:24

    Ich mag solche Rückblicke sehr.

    Heute vor einer Woche hatten meine Kinder und ich unseren 30. Jahrestag der Auswanderung.
    Und seitdem habe ich mich selten bis garnicht an die Deli- und Exquisit Läden in der DDR erinnert.
    Aber jetzt wo du drüber schreibst…. Ich habe mir dort immer mal guten Kaffee gekauft oder Schokolade. Wobei ich dir recht gebe, die Qualität war dann doch nicht so überragend. Man hat sich übertölpern lassen von der Verpackung. Nie mehr seitdem hatte ich das Gefühl, Geld übrig zu haben und nicht so richtig zu wissen, was ich damit anfangen soll.

    Den Schmuddel-Ede habe ich persönlich getroffen. Er trieb sich immer mal in Reichenbach an „meiner“ Fachschule herum; um dort die eine oder andere Studentin „abzugreifen“ für ein paar schöne Stunden. Und er war meistens erfolgreich. Da hat man die unglaublichsten Geschichten gehört, wie „billig“ er an das ran kam, was er begehrte. **örgs**schüttel**.

    Die Graffitis isoliert betrachtet sind wirklich schön. Aber meistens muss man auch da viele Frösche küssen.
    In kleineren Städten der DDR gabs es diese sog. besseren Viertel nicht und so sind sie heute auch nicht verfallen oder zugemüllt. Kleinstadt hat eben auch was Gutes.

    Danke für den Ausflug in unsere Vergangenheit.

    • 1. September 2013 um 15:36

      Liebe I., gerne. Ich freue mich, dass mein kleiner Ausflug Erinnerungen geweckt hat, mir geht es immer so, wenn ich in dieser Gegend unterwegs bin.

      Das mit dem Schmuddel-Ede ist ja ein Ding, aber genauso habe ich ihn auch eingeschätzt. Man muss aufpassen, bei so propagierenden Möchtegerncasanovas.
      Herzliche Grüße an dich und den Wildhüter.
      !
      🙂


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