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Einleitend:

Ich schreibe hier nicht von den Fehlern der Politikern, der Überforderung. Es ist eine schwierige Problematik, ich bin einmal mehr froh, kein Politiker sein zu (wollen) müssen. Mir geht es um den menschlichen Aspekt, der mich gerade ziemlich erschüttert.

Ich habe mich die ganze Zeit auf meine Finger gesetzt, allerdings, nachdem ich das Video

über die Bürgerversammlung gesehen habe, geht das nicht mehr.

Vor acht Jahren bin ich von Oederan (Einwohnerzahl ca. 8 000) nach Chemnitz gezogen, aber fühle mich mit Oederan noch ziemlich verbunden. Deshalb wächst wohl auch in mir immer mehr der Gedanke, dass ich mich fremd schäme. Mich für vieles schäme, was in dieser Kleinstadt geäußert wird, mich für viele Einstellungen fremd schäme.

Stellen wir uns an dieser Stelle bitte einmal vor, jetzt, plötzlich mitten in der Nacht, wir sind gerade eingeschlafen, bricht ein Krieg in Deutschland aus, Sirenen heulen, Bomben fallen, Häuser werden zerstört, Menschen getötet. Laute Schreie, Maschinengewehrfeuer, Flieger. Ohrenbetäubender Lärm. Vermisste Familienangehörige. Tote Familienangehörige.

Angst.

Man will nicht weg, will aber auch überleben. Und so flüchtet man.

Wie fühlt man sich, wenn man froh ist, dass man die Kriegsregion hinter sich gelassen hat, in einen Ort „aufgeteilt/einquartiert“ wird (man das so eigentlich nicht sieht, weil man ja froh ist, dass die Flucht vorüber ist) also man dann in einem Ort ist, in dem man sich wieder nicht traut, vor die Tür zu treten, weil man bereits im Vorfeld stigmatisiert wurde. Weil einem offene Feindseligkeit entgegen prallt. Weil man wohl als Flüchtling auch Angst haben muss, in diesem Ort die Kinder draußen spielen zu lassen.

Wie fühlt man sich selbst, wenn es einem so ergehen würde?

Natürlich ist das eine andere Religion, es sind andere Lebensumstände, ein anderer Kulturkreis. Es ist ein fremdes Land, aus dem die Flüchtlinge kommen. Wie würde es uns gehen, mit dieser viel bemühten „deutschen Gründlichkeit“ (von der man nur leider allzu oft nur dann etwas bemerkt, wenn es demjenigen auch passt gründlich zu sein) in einem fremden Land? Wie kämen wir zurecht? Würde man uns überhaupt haben wollen? Wäre man neugierig auf uns? Würde man uns willkommen heißen?

Würden sich denn alle gründlichen Deutschen sofort mit der jeweiligen, dort vorherrschenden Religion identifizieren können? Diese sofort leben können?

Würde man dort von den gründlichen Deutschen erwarten, dass sie das alles schon im Vorfeld genau recherchiert haben?  Vielleicht, während sie im Keller zitternd – vom Kriegsgeschehen überrascht, oder schon Wochen damit beschäftigt, einfach nur zu überleben – und betend im Keller hocken und darauf hoffen, dass der Krieg endlich endet?

Würde man erwarten, dass sie während des Kummers und der Sorge und des Kriegslärmes in der Lage sind, statt zu weinen, trauern, beten und hoffen, so nüchtern sind, und eine Fremdsprache lernen, die im Zufluchtsland gesprochen wird?

Würde man erwarten, dass man genau in dieser Zeit seine Religion/seinen Glauben (wie fremd er auf andere auch wirkt) aufgibt – wobei es doch historisch/geschichtlich belegt ist, dass es genau der Glaube ist, der einen in so schlimmen Zeiten nicht verlassen sollte, und der Trost spendet? – Ich möchte anmerken, ich bin nicht evangelisch, katholisch oder einer Religion zugehörig. Aber ich verfüge über einen gesunden Menschenverstand und Empathie.

Sicher wird es auch unter den vielen Flüchtlingen Menschen mit verbrecherischen Ambitionen geben. Ganz sicher hat man davor Angst. Ich auch, wenn ich hier in Chemnitz nachts noch mit meinem Hund raus muss- aber ist es notwendig, dass man Menschen vorverurteilt, obwohl man sie noch gar nicht zu Gesicht bekommen hat? Denn mal ganz ehrlich – ich wohne hier auf dem Sonnenberg und wie bekannt ist, passieren dort wöchentlich einige krasse Dinge. Da werden Drogendealer geschnappt, illegale Bordelle beräumt, Zuhälter festgenommen, die sich durch die Not der Prostituierten bereichern, getötete Menschen aus Wohnungen geborgen.

Und wie viele deutsche Bürger haben auch diese Ambitionen? Gab es nicht in Oederan in der Vergangenheit auch schon einige Vorfälle, begangen von deutschen Menschen mit verbrecherischen Ambitionen? Ich weiß noch, als ich Kind war, wurde ein Mädchen vermisst, das man dann später tot und zerstückelt auffand. Und gab es nicht erst im Sommer diesen Jahres im Freibad Oederan sexuellen Missbrauch an Kindern/Minderjährigen?

Interessant in diesem Zusammenhang ist diese PDF Datei:

Polizeiliche Kriminalstatistik Sachsen, Jahresüberblick 2014

SNXPKSXJahresXberblick2014

Allgemeine Hinweise:  Der Begriff „allgemeine Kriminalität“ steht für die Gesamtheit aller Delikte ohne ausländerspezifische Vergehen, d. h. ohne Verstöße gegen das Aufenthaltsgesetz, Asylverfahrensgesetz und Freizügigkeitsgesetz/EU.

Das Argument: „ich kann jetzt mein Kind nicht mehr nach 18.00 Uhr allein vor die Tür lassen…“ sorry, aber das hat wenig mit den Flüchtlingen zu tun – das ging vorher auch schon nicht mehr, wenn ich mir die ganzen Verbrechen, begangen von deutschen Mitbürgern, anschaue. Da heißt es dann nur immer: „Also dass mein Nachbar dazu fähig ist, nein, also das hätte ich nicht gedacht.“

Ganz sicher trete ich jetzt einigen damit auf die Füße. Unklug von mir, wo ich doch am Wochenende in Oederan eine Veranstaltung habe.
Aber – siehe oben – ich kann mich leider nicht mehr auf meine Finger setzen – ich schäme mich gerade ziemlich fremd für einige Oederaner.

Und – ich bin froh und dankbar, dass es auch einige Oederaner gibt, die es ähnlich sehen wie ich.


Merkwürdig, dass der Mensch oft vor allem Unbekannten mehr Angst als Neugier hat.


17 Responses to “.”


  1. 28. Oktober 2015 um 01:23

    Ich kann mir das gar nicht ganz angucken, so dermaßen rollen sich mir die Fußnägel hoch…

    • 28. Oktober 2015 um 07:31

      Der Bürgermeister Herr Schneider ist in einer schwierigen Situation. Auch hier bin ich wieder sehr froh, dass es mich nie gedrängt hat, ein solches Amt anzustreben. Er muss sachlich bleiben, sollte eher schlichtend und vermittelnd wirken, hat aber auch die Organisation hinzubekommen, und hat ganz sicher auch eine eigene Meinung … mich erschreckt das Verhalten einiger Oederaner ziemlich.

  2. 28. Oktober 2015 um 12:39

    Hallo, Heike, leider habe ich trotz Kopfhörer kaum etwas verstehen können, vor allem die Beiträge aus dem Publikum konnte ich nicht verfolgen.
    Aber die Tendenz ist ja klar. Und ich danke dir sehr, dass du hier diesen bekennenden Artikel eingestellt hast. Wie du schreibst, die Angst der Leute wird jetzt auf etwas kanalisiert, was nicht gerechtfertigt ist. Früher waren alles die Juden, jetzt sind alles die Ausländer und konkreter die Flüchtlinge.
    Die Zeit hat sich nicht zum Positiven hin entwickelt, leider.
    Einen lieben Gruß zu dir

    • 28. Oktober 2015 um 14:33

      Hallo Clara, Danke! Es ist letztendlich gar nicht so wichtig, die Diskussionsbeiträge im Beitrag genau zu verstehen, weil es ähnlich vieler anderer Städte und Gemeinden ist, Oederan nun halt auch ein sehr negatives Beispiel darstellt – eines von vielen. Und wenn ich dann noch in einer geschlossenen Facebookgruppe lese, wie sich darüber ausgetauscht wird, wo die Asylsuchenden im Ort nun wohnen, und dass man doch mal hingehen und schauen könnte … dann erschreckt mich das ziemlich.

      Es erinnert wirklich an so viele geschichtliche Verbrechen. Dabei haben sich doch die Mehrzahl der Deutschen immer dagegen verwehrt, bspw. im Ausland als Nazi hingestellt zu werden. Dabei war man doch ehrlich bemüht, einen anderen Eindruck von Deutschland zu vermitteln und konnte sogar schon Erfolge verzeichnen.
      Tja.
      Alles zunichte.

      Auch einen lieben Gruß zu dir, Clara.

  3. 5 mrs.diath
    28. Oktober 2015 um 13:46

    Ganz klasse geschrieben, besser kann man es fuer meinen Begriff gar nicht verfassen. Daumen hoch aus der Ferne in die Heimat.

  4. 9 Sarah Hain
    28. Oktober 2015 um 17:19

    Liebe Heike, ich habe mich über Deine offenen und mutigen Zeilen sehr gefreut.
    Sarah

  5. 28. Oktober 2015 um 21:18

    An dieser Stelle möchte ich mich für eure Beiträge und Zeichen herzlich bedanken.
    !!

    Es ist schön zu wissen, dass nicht nur ich es so empfinde, nicht nur ich diesen Eindruck gewonnen habe. Und es tröstet mich einmal mehr, dass es in Oederan (oder auch fern von Oederan) ganz viele Menschen gibt, die sich mit dieser negativen Propaganda NICHT identifizieren!
    Vielen Dank!

  6. 29. Oktober 2015 um 07:24

    Sehr guter Beitrag mit vielen wichtigen Fragen! Danke dafür!

    Seit Jahren beobachte ich, wie breit gefächert die Zustimmung für rechtes Gedankengut in Oederan ist. Eine ganze Weile frage ich mich schon, warum in Oederan so wenig gegen diese Stimmungsmacher unternommen wird. Wenn ich schätzen müsste, dann würde ich sagen, dass mindestens 20 % der Oederaner sich (teilweise) mit rechtem Gedankengut identifizieren können.

    Was ich damit eigentlich sagen will: Das Gepöbel, das wir uns in dem Video anhören müssen, kursiert schon lange in und um Oederan. Es wird durch die aktuelle Lage nur kanalisiert und viel deutlicher sichtbar.

    Ich kann und will niemanden verurteilen, der vor etwas Unbekannten Angst hat und diese Angst auch öffentlich artikuliert. Das ist absolut menschlich und unsere Demokratie kann das locker aushalten. Doch wenn Ängste mit unbegründeten Vorurteilen (bitte Video im PS ansehen) gepaart werden und jede Bereitschaft fehlt, sachliche Argumente zu akzeptieren, dann stehen wir vor einem ernsthaften Problem.

    Dieses Problem kann meines Erachtens nur gelöst werden, wenn die restlichen 80% (?), die sich nicht mit dieser Hetze identifizieren können, den Mund aufmachen und sich klar distanzieren. Ja, das braucht Mut! Von nichtdurchdachten Facebook-Kommentaren dürfen wir uns nicht einschüchtern lassen. Denn ich bin mir recht sicher, dass auch in Oederan die Menschen in der Mehrzahl sind, die eine Willkommenskultur befürworten – auch wenn es bei der Sprechstunde nicht so wirkte. Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Fraktion weniger herumpoltert und damit nicht so laut zu vernehmen ist.

    Es wird dringend Zeit, dass sich der Teil der Bevölkerung zu Wort meldet, der an ernsthaften Lösungen interessiert ist. Danke, dass du den Anfang gemacht hast!

    P.S.: Zu den Fakten hier mal noch ein gutes Video (mit deutschen Untertiteln): https://www.youtube.com/watch?v=RvOnXh3NN9w

  7. 29. Oktober 2015 um 22:16

    Vielen Dank für diese eindeutige Stellungnahme und Meinung!

    Die Flüchtlingsfrage können wir nur lösen, wenn wir endlich alle akzeptieren, dass wir durch keinerlei abwehrende Maßnahme erreichen, dass keine Flüchtlinge mehr kommen werden. Wer sich mit den weltpolitischen Zusammenhängen beschäftigt, begreift, dass wir einen ganz großen Teil zum jetzt aufgetretenen Problem beigetragen haben.
    Selbst wenn diese Einsicht noch nicht da wäre: Es sind überwiegend Menschen, die vor Tod und Folter fliehen. Wenn wir nicht unmenschlich handeln wollen, müssen wir diese Flüchtlinge, die bei uns Zuflucht suchen, zumindest mal schützen und menschenwürdig unterbringen.

    Es ist wichtig, dass mehr Menschen die wirklichen Hintergründe aufzeigen.
    Es ist wichtig, dass Politiker endlich aufhören, Pessimismus zu schüren.
    Es ist wichtig, zu sagen, dass, selbst wenn dieses Jahr noch über eine Million Flüchtlinge kommen sollten, der Anteil an unserer Gesamtbevölkerung dann höchstens 1,5 Prozent ausmacht!
    Es ist wichtig, zu wissen, dass viele gebildete Menschen kommen, die bei uns dringend als Facharbeiter gebraucht werden.
    Es ist wichtig, zu wissen, dass mit jedem Flüchtling, der bei uns eine Arbeitsstelle antritt, die Renten- und Sozialkassen zunehmend entlastet werden, und die Steuereinnahmen steigen!
    Es ist wichtig zu wissen, dass große Aufgaben vor uns liegen, dass es anstrengend werden wird, aber dass wir es schaffen können, wenn wir endlich aufhören, gegeneinander zu arbeiten!

    Es ist gut, dass Du so deutlich gesagt hast, dass viele Befürchtungen irrational und vor allem auch ungerecht sind! Ich wünsche Dir eine gute und in diesen Zusammenhängen vielleicht auch besinnliche Finissage in Oederan!
    Lieben Gruß, M!


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