Posts Tagged ‘Bahnhof

18
Mai
09

Pulsschläge – 02 –

Ich denke mich in die Menschen, die ich sehe.
Ein Herr Ende vierzig mit einer einzelnen roten Rose steht am Bahnsteig und zupft nervös an seiner Krawatte. Kennt er die Dame bereits, auf die er wartet? Sehen sie sich zum ersten Mal? Wie werden sie sich begrüßen? Er hat sich herausgeputzt für den Auftritt am Bahnsteig.
Neben ihm tritt ein junges Mädchen mit kräftig überschminkten Augen vom rechten Fuß auf den linken Fuß, winkelt das Bein an und stellt es auf einen kleine Vorsprung. Sie stellt das Bein zurück auf den Boden, winkelt das andere an, tritt vom rechten Fuß auf den linken und wieder zurück und blickt erneut auf ihre Armbanduhr. Sie streicht die Haare aus dem Gesicht, die ihr immer wieder dahin zurück fallen, steckt die Hände in die Taschen, sieht auf ihr Handy, tippt darauf herum, verstaut es zurück in die Tasche und blickt wieder auf die Uhr am zierlichen Handgelenk.
Ein Pärchen betritt den nahe gelegenen Bahnhofskiosk, die Frau bestellt sich einen Kaffee, der Mann wirft gleich nach dem eintreten Münzen in einen Spielautomaten. Sie, die Frau mit dem Kaffee in der Hand, ist eine sehr gepflegte Erscheinung und trägt modische Kleidung. Er, der Mann am Spielautomat, der diesen unermüdlich und zur Freude der Frau hinter dem Tresen mit neuen Münzen füttert, trägt verschlissene alte Jeans und dreckige Schuhe. Nach einer ganzen Weile, die Frau hat längst ihren Kaffee getrunken, verlassen die Beiden die Imbissstube und begeben sich aus der Bahnhofshalle.

Weitere Reisende schleppen ihre übergroßen Taschen in leicht gebeugter Haltung den Bahnsteig entlang. Ab und an machen sie Halt, wechseln ihr schweres Gepäck von einer Hand in die andere, und setzen sich erneut in Bewegung. Manche von ihnen bemerken die Frau auf dem Stuhl, werfen ihr einen flüchtigen Blick zu und eilen weiter.
Begebe ich mich auf meinen Weg zum metallenen Stuhl, komme ich in der Bahnhofshalle an einem Café vorbei. Immer überkommt mich Verlangen nach frisch gebrühtem Kaffee und knusprigen Baguette, obwohl ich mich doch gerade vom reichlich gedeckten Frühstückstisch erhoben habe. Immer überkommt mich auf Bahnhöfen Hunger. Das ist unnötig. Und dennoch, manchmal erliege ich der Versuchung. Dann beiße ich verstohlen von dem erworbenen Baguette. Später rauche ich eine Zigarette, sitze einfach nur da und warte. Ich genieße die Bewegung, während ich selbst ruhig und in gleichmäßigen Zügen den Rauch inhaliere und wieder aus stoße. Ich sehe die Menschen kommen und gehen, lachen und weinen, zornig und liebend sich begrüßen oder verabschieden.
Wann ich die Leidenschaft des schnellen Schreibens in meinem Wagen entdeckte?
War es, als die Bahnhöfe für mich ihren Reiz verloren? Hatte ich auf eben diesen Bahnhöfen ausreichend Leben gesehen? War auch dort nur alles Wiederholung? Fand ich deshalb Gefallen am Schreiben in meinem Wagen? Die Vibrationen des Basses am linken Knie spürend …

– Fortsetzung folgt –

17
Mai
09

Pulsschläge – 01 –

Sie verstehen sicher, dass ich auf die Geschwindigkeit, bei der ich am besten schreiben kann, nicht näher eingehen werde.
Erst kürzlich erhielt ich ein weiteres Strafmandat bezüglich der vollzogenen Geschwindigkeitsüberschreitung. Anhängend war eine Einladung zur Teilnahme an einem Aufbauseminar, auch Idiotentest genannt. Natürlich wurde mir das nicht umsonst zugesandt, damit verbunden war die Aufforderung, umgehend 17,90 € zuzüglich Auslagen zu zahlen, für ein Schreiben, um das ich nicht gebeten hatte:

Verwarnung wegen wiederholter Verkehrszuwiderhandlungen gemäß § 4 Abs. 3 Satz1 und Abs. 8 StVG i.V.m. § 41 FeV und Anlage 13 zu § 40 FeV

„Sehr geehrte Frau H.,
als Inhaber einer Fahrerlaubnis sind Sie in besonderem Maße mitverantwortlich für die Sicherheit und Ordnung im Straßenverkehr. Sie haben die folgenden Verkehrszuwiderhandlungen begangen, die im Verkehrszentralregister des Kraftfahrt-Bundesamtes in Flensburg eingetragen sind. Die in der Anlage einzeln aufgeführten Verstöße sind nach einem einheitlichen Punktesystem zu bewerten. Für Sie ergeben sich 9 Punkte. Wegen Ihres Verhaltens werden Sie hiermit verwarnt.“

Bla bla bla.
Ich bezahlte die Gebühren und Auslagen und achte seither auf rote Ampeln und Geschwindigkeitsbeschränkungen. Eigens zum Schreiben im Wagen legte ich mir eine stabilere Mappe zu, als es die Handelsüblichen erlauben. Diese halb auf meinem Schoß, halb aufs Lenkrad gelehnt, schreibe ich. Die Vibrationen des Basses als Luftzug in Höhe des linken Knies spürend.
Vorbei fliegende Bäume.
Zuvor schrieb ich lange Zeit auch auf Bahnhöfen, für meine Bekannten unverständlich.
„Was findest Du nur immer in diesen Hallen, Anna! Es stinkt, die Kinder schreien, und dann immer diese blecherne Stimme … ‚Bitte alles aussteigen, dieser Zug endet hier. Es bestehen Anschlussmöglichkeiten in folgende Richtungen …‘ “

Irgendwann hatte ich mir angewöhnt, morgens gegen neun mit meinen Schreibutensilien am Bahnsteig zu erscheinen. Meist setze ich mich auf einen dieser Stühle aus Metall, bei denen ich immer denke, dass sie einen Abdruck auf meiner Kleidung hinterlassen. Die Blicke der Anwesenden stören mich nicht, das kalte Metallgitter ebenso wenig. Wissen Sie, ich sitze einfach nur da und halte reglos Bleistift und Papier in den Händen. Eine eigenartige Stimmung überkommt mich, während ich da warte, als ob ich auf einen Zug warte. Als ob ich auf einen Menschen warte, der bald aus einem Zug steigen wird. Ich bewege mich kaum, nur meine Augen blicken interessiert auf die Reisenden und Wartenden, die unruhig in ihren Bewegungen sind.
Alles ist in Bewegung begriffen, Züge fahren ein, Züge fahren aus. Sie spucken die Menschen auf den Bahnsteig, die mit dem Geruch einer langen Reise und langem regungslosen Innehalten behaftet sind. Nach einer Zugfahrt tragen Reisende immer diesen Duft am Körper. Nirgends sonst riecht man die eigenartige Mischung aus Schlaf und Schweiß, Rauch und etwas anderem, das ich nicht definieren kann. Belegte Brote vielleicht. Und hart gekochte Eier. Manchmal riecht es auch nach Apfel. Nach frischem, gerade erst verzehrten Apfel.

Zuggäste eilen auf die wartenden Bekannten zu. Andere steigen eher zögerlich aus den Abteilen, gerade so, als ob sie weiter reisen möchten und sich nicht über die Ankunft freuen. Verliebte fallen sich in die Arme, Töchter eilen lachend auf ihre Mütter zu und Väter nehmen stolz die erwachsenen Söhne in den Arm. All das bemerke ich und möchte es festhalten. Die Bewegung möchte ich halten, die Menschen, die wechselnden Gestalten. Die unterschiedlichen Charaktere mit den so ganz verschiedenen Lebensläufen.

– Fortsetzung folgt –




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