Posts Tagged ‘Kaffee

20
Mai
09

Pulsschläge – 04 –

Die Mandelbäumchen blühen. Zarte rosa Blüten. Sie hängen wie kleine dicke Kugeln schwer an den Ästen.
Auch mein Kopf ist schwer und ich bin in Gedanken versunken. Sie spinnen ein kleines, fadenscheiniges Nest. Ein Frau Christine Tochterhagennest.
Obwohl ich es nicht möchte, sitze ich bei ihr und ihrem Ekel am Frühstückstisch. Unangenehmes Schweigen macht sich breit. Ein Schweigen, bei dem es scheint, als ob die Wände immer näher rücken und der Raum immer enger wird. Oder wird Frau Tochterhagen beschimpft? Ist ihrem Manfred das Frühstücksei zu hart, zu weich oder gar zu alt? Sind die frischen Semmeln von gestern, obwohl sie Frau Tochterhagen doch eben erst geholt hatte?
Frau Christine Tochterhagen wird schweigen. Sie wird keine Antwort geben, das Frühstücksritual hinter sich bringen und versuchen, ihren Tag zu gestalten. Was wird sie tun? Wird sie fahren? Wird sie gehen?
Das kleine, gesponnene Frau Christinetochterhagennest wird größer. Winziges Getier verfängt sich darin. Eine Fliege vielleicht, oder eine Spinne? Spinnen verfangen sich nicht in eigene Nester.
Vielleicht findet sich im gesponnenen Frau Christinetochterhagengedankennest ein kleines, rosa Blättchen vom Mandelbäumchen vor meinem Fenster? Ich wünschte es ihr. Ein klein wenig Farbe und Freude, eine kleine, winzige emotional angenehme Begegnung am heutigen Frühstückstisch.
Die Zeit drängt. Sie hindert mich, die Gedanken an winziges Getier und kleine Mandelbäumchenblätter weiterzuspinnen.
Eine feuchte, nasse Hundeschnauze erinnert mich stupsend daran, dass die täglichen fünf Kilometer gelaufen werden müssen. Es ist sehr früh am Morgen und nicht damit zu rechnen, dass ich unleidigen Menschen begegnen werde.
Wie bin ich eigentlich auf den Gedanken gekommen, mir diesen Riesenhund anzuschaffen? Es muss gewesen sein, als ich beschloss mehr an meine Gesundheit zu denken. Oder als ich den Süßspeisen wieder einmal den Kampf erklärte. Jedenfalls verfluche ich die Idee. Mein Hund ich inhalieren röchelnd die Abgase der Lastkraftwagen. Der Hund niest und mir tränen die Augen. Nach einigen Kilometern ist der Hund kaputt und weigert sich, mich den Berg hinauf zu ziehen. Somit habe auch ich Schwierigkeiten das gewählte Tempo beizubehalten und gestatte uns an der Anhöhe eine Pause. Der Hund und ich sitzen im Gras und lassen unsere Gedanken durch die Gegend schweifen. Ich sehe ihn an. Er denkt entweder an ein riesiges Steak oder an die Hundedame von nebenan. Er sieht mir an, dass ich mich nach meiner Dusche und einem zweiten Kaffee sehne.
Die restlichen zu bewältigenden Kilometer ziehen sich endlos und als wir endlich zuhause ankommen, verschwindet der Hund auf sein Lager und schläft weiter.
Meine Gedanken eilen beim zweiten Kaffee erneut zum Frau Christine Tocherhagennest und ich frage mich, aus welchem Grund ich mich heute besonders um sie sorge. Ich sollte mich auf meine Tätigkeit vorbereiten. Auf die Schuldner, die auf mich warten. Denen es lieber wäre, ich hielte die Termine nicht ein und würde vielleicht gar nicht erscheinen. Und so überlege ich, was ich heute tragen werde. Schwarze Kostüme, graue Kostüme, silberblaue Kostüme, Blusen und Shirts in allen Farben und Formen. Vielleicht sollte ich „meinen“ Schuldnern eine Freude bereiten und Farbe ins Spiel bringen? Wie wäre es mit violett oder rosa? Nein. Wie immer greife ich zu kalten weiß und strengem schwarz. Nur die halterlosen Strümpfe in meinen Pumps geben mir ein wenig heimliche Lust …

– Fortsetzung folgt –

18
Mai
09

Pulsschläge – 02 –

Ich denke mich in die Menschen, die ich sehe.
Ein Herr Ende vierzig mit einer einzelnen roten Rose steht am Bahnsteig und zupft nervös an seiner Krawatte. Kennt er die Dame bereits, auf die er wartet? Sehen sie sich zum ersten Mal? Wie werden sie sich begrüßen? Er hat sich herausgeputzt für den Auftritt am Bahnsteig.
Neben ihm tritt ein junges Mädchen mit kräftig überschminkten Augen vom rechten Fuß auf den linken Fuß, winkelt das Bein an und stellt es auf einen kleine Vorsprung. Sie stellt das Bein zurück auf den Boden, winkelt das andere an, tritt vom rechten Fuß auf den linken und wieder zurück und blickt erneut auf ihre Armbanduhr. Sie streicht die Haare aus dem Gesicht, die ihr immer wieder dahin zurück fallen, steckt die Hände in die Taschen, sieht auf ihr Handy, tippt darauf herum, verstaut es zurück in die Tasche und blickt wieder auf die Uhr am zierlichen Handgelenk.
Ein Pärchen betritt den nahe gelegenen Bahnhofskiosk, die Frau bestellt sich einen Kaffee, der Mann wirft gleich nach dem eintreten Münzen in einen Spielautomaten. Sie, die Frau mit dem Kaffee in der Hand, ist eine sehr gepflegte Erscheinung und trägt modische Kleidung. Er, der Mann am Spielautomat, der diesen unermüdlich und zur Freude der Frau hinter dem Tresen mit neuen Münzen füttert, trägt verschlissene alte Jeans und dreckige Schuhe. Nach einer ganzen Weile, die Frau hat längst ihren Kaffee getrunken, verlassen die Beiden die Imbissstube und begeben sich aus der Bahnhofshalle.

Weitere Reisende schleppen ihre übergroßen Taschen in leicht gebeugter Haltung den Bahnsteig entlang. Ab und an machen sie Halt, wechseln ihr schweres Gepäck von einer Hand in die andere, und setzen sich erneut in Bewegung. Manche von ihnen bemerken die Frau auf dem Stuhl, werfen ihr einen flüchtigen Blick zu und eilen weiter.
Begebe ich mich auf meinen Weg zum metallenen Stuhl, komme ich in der Bahnhofshalle an einem Café vorbei. Immer überkommt mich Verlangen nach frisch gebrühtem Kaffee und knusprigen Baguette, obwohl ich mich doch gerade vom reichlich gedeckten Frühstückstisch erhoben habe. Immer überkommt mich auf Bahnhöfen Hunger. Das ist unnötig. Und dennoch, manchmal erliege ich der Versuchung. Dann beiße ich verstohlen von dem erworbenen Baguette. Später rauche ich eine Zigarette, sitze einfach nur da und warte. Ich genieße die Bewegung, während ich selbst ruhig und in gleichmäßigen Zügen den Rauch inhaliere und wieder aus stoße. Ich sehe die Menschen kommen und gehen, lachen und weinen, zornig und liebend sich begrüßen oder verabschieden.
Wann ich die Leidenschaft des schnellen Schreibens in meinem Wagen entdeckte?
War es, als die Bahnhöfe für mich ihren Reiz verloren? Hatte ich auf eben diesen Bahnhöfen ausreichend Leben gesehen? War auch dort nur alles Wiederholung? Fand ich deshalb Gefallen am Schreiben in meinem Wagen? Die Vibrationen des Basses am linken Knie spürend …

– Fortsetzung folgt –




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