
“Was ist bei Dir Innen nach Außen?
Sie schweigt.
Dann wiederholt sie es. Da muss ich erst mal drüber nachdenken.
Der Titel ist schon Ok. Die sieben Männer in den achtzehn Jahren könnte ich hier verbraten. So. Da jetzt ja aktuell der Paul ist, könnte der sich wie ein roter Faden durch das Buch ziehen. Frage ich entsetzt: Wer ist Paul?
Na, wer ist denn jetzt aktuell? sagt sie.
Ich habe mit dem Moped angefangen und warte, dass es mich anguckt.
Wo sind da die Säulen?
Welche Säulen?
Ich sage: Sieben Männer, sieben unterschiedliche Geschichten. Aha.
Das ist doch ganz einfach. Wer ist denn jetzt der komplizierteste von denen?
Sagt sie. Du und der P. nehmen sich hier nichts.
Sage ich: Dann lass sie erst mal weg.
Aha? Hab ich ja eigentlich auch, ich habe mit dem Istzustand angefangen, ein Fisch, sagt sie, ich habe den mit dem Fisch genommen.
Dann unterbrechen wir das Gespräch zugunsten einer Entscheidung. Die Entscheidung lautet: Man nehme sich ein Bild und beschreibe es. Man nehme sich ein ruhiges Bild. Das Bild sollte beinhalten: Farben, Raum, keine Menschen. Vielleicht ließe sich über die reine Raumfusion eine menschliche Figur wahrnehmen, irgendwo am Rand erscheinen zwei Punkte, die einem Augenpaar gleich, den Betrachter dazu verleiten, sich zu erinnern, an ein Augenpaar, das den Moment der Nähe verrät, wir schauen uns also ein Bild an, und kommen über das Bild zu einer ersten Erinnerung, die Erinnerung lässt einen der sieben in der Folge darzustellenden Männer auferstehen. Denn man könne ja nicht immerzu in Medias Res gehen, um dann die Stimmung nur noch dadurch zu steigern, dass man selbst eskaliert und Granaten durchs Zimmer wirft. Wir werfen demnach lieber einen Teilaspekt unserer Bilder durch das Zimmer und hoffen, darüber einen Schwingungsbogen….
Parallel dazu entwickelte ich ein eigenes Konzept. Es lagen nun einige Monate zurück, die mich die Härte und Verzweiflung eines IT-Spezialisten lehrten und was mich da überraschte, war weniger meine Angst, den Aufgaben nicht standzuhalten, sondern der Irrsinn, Mitglied einer Strafkolonie zu sein, die an irgendwelchen Straßenbahntrassen baute, obwohl man wusste, dass es galt, Autobahnen zu bauen. Ach was. Man hatte einen Tag lang Kies ins Bett geschüttet und am nächsten Tag war alles wie von unsichtbarer Hand entfernt worden und man schüttete wieder Kies in irgendwelche Löcher. Mein Konzept ging also einher mit dem unmittelbaren Erleben. Vor Wochen war es irgendwelchen Idioten gelungen, in mein Netzwerk einzubrechen und sich allmählich die Hoheit zu verschaffen. Wochen zuvor war mir aufgefallen, dass sie einen meiner Rechner zu einem öffentlichen Server umfunktioniert hatten, auf den sie täglich pornografisches Material niederlegten. Wahrscheinlich hätte ich sie dulden sollen. Denn mit dem Tag, da ich ihre Vorgehensweise entdeckte, und die Filme von der Festplatte schmiss, nahm das Fiasko seinen Lauf. Es verlangsamte sich die gesamte Netzwerkperformance und mein Backupserver landete im Nirwana und die Festplatten fingen an, sich abzumelden. Ich wusste mir nicht anders zu helfen, als das gesamte System noch einmal aufzuspielen. Und diesmal sparte ich mir jeden weiteren Internetzugang. Doch auch hier konnte ich mit ansehen, wie mir die Privilegien unterm Arsch entrissen wurden und sich wiederholt die Festplatten abmeldeten. Jetzt entstand zum ersten Mal der Verdacht, dass einer der Mitarbeiter mir hier übel mitspielte. Ich fing also an, nacheinander Mitarbeiter zu verdächtigen. Und nacheinander sollten laut Konzept die verdächtigen Mitarbeiter ausgeschaltet werden. Und nachdem ich sämtliche Mitarbeiter ausgeschaltet hatte, blieb mir nichts anderes, als mit anzusehen, wie sich die selbständig ablaufenden Programme nicht abschalten ließen. Fernandez blieb auf der Liste übrig; von ihr erwartete ich das zu allerletzt. Die Geschäftsführung selbst war inzwischen zerstritten. Und dann befiel mich der Verdacht, dass das Konzept nicht besonders geistreich war…. Man sollte im Gegenteil Straussen züchten, dachte ich, da kam die Nachricht, sie habe ein Bild entdeckt.
Irgendwas aus der Ecke abstrakte Malerei. Felsen vor grauem Grund. Nein, Der Hintergrund selbst bildete den Felsen. Und im Vordergrund spielten sich abstrakte Würfelformen bunt einen Lavendelstrauß und Ohren und Bilderrahmen und irgendwelche Mondzeitmenschen liefen durchs Bild. Da schnippelte jemand mit einer Schere im Bild herum. Und diese Schere wanderte in die Arme eines der durchs Bild laufenden Figuren. Im Hintergrund elektronische Musik. Dunkel und hell wechselten sich ab. Im Dunkeln wurden irgendwelche Leuchtstreifen erzeugt, während am Tag der Strand sichtbar wurde. Eine Animation aus tausenden von Pixelbildern. Das erinnert an die Tradition der experimentellen und expressionistischen Bilderverfilmer. Ja. Umpf. Dada. Umpf… Önk. Reiß doch einfach das Maul auf auf auf dem Videoclip. Umpf. Kröt töt. Bums. Önk. Und stampfe mit den Füssen auf einem Klavier herum und schlage mit dem Hammer in die Glotze. Wir dokumentieren eine Performance. Und der Klang macht das Bild, das Bild macht den Klang. Zeitgenössische Technologie und Simultanübersetzung des Röchelns… Wir gehen doch immer wieder zu den Zwanzigern zurück. Bauhaus und Moderne und Abstraktion. Von Bildern gesättigt und in einer Art des Rauschens in einem hörbaren oder lesbaren Klangteppich, in Kontext und in Form lesbar als Wiedererkennung der Formen…. Umpfdada, Önk.
Repeated and returned to music impressions wandert das innere Bild zum Aussen. Ach ja?
Wir wollen mit Bildern und Klängen gleichzeitig arbeiten?
Vielleicht.
Man kann das tun, indem man das Bild auflöst.
Oder indem man den Klang auflöst.
Man kann das alles fragmentieren. Klar, kann man.
Bewusst oder unbewusst.
Wir sind jenseits der geschriebenen Wirklichkeit und verformen sie wie russische Konstruktivisten.
Wollen wir das?
Oder wollten wir nicht vielleicht doch eher einen Schundroman schreiben?
Einfach so. Hauptsache schreiben? Nein. Liebe Frau. Du hast mir zuviel gezeigt von dem, was jenseits der geschnittenen Bilder stattfindet, soviel, dass ich fast schon Migräne bekam. Ja, habe ich gesagt, Schleiern Schnitte Fädeln. Und permanente Überlappung der Ereignisse. Die visuelle Stimmulanz. Aber wir wollen doch hier nicht über die Bildercollagen in einem Brei des Einerlei verschwinden? Oder sind wir es schon lange, weil wir die Bilder einfach nur noch auf die Wahrnehmung der Bilder reduzieren und sehr stark über Montage und Schnitt reflektieren und weniger über das, was das Bild letzten Endes in uns erzeugt. Was erzeugt es denn in Dir?
Bist Du nun lebendig in dem, was sich Videospektrum nennt? Der Mann vor einem ausdörrenden Fluss und die Landschaft wie von Fatamorgasmen verzerrt? Was, wenn wir die Landschaft mit einer Frau gleichstellen, zu einem weiteren Ergebnis unserer Wahrnehmung kommt, wir lieben nicht die Konsequenz der Bilder, sondern das Gefühl der Verwirrung, die uns anmacht, wenn der Mann zum Fluss wird, aus dem Lust oder Luft aufsteigt. Man sieht Bildränder, Staub, man will das alles beseitigen ähnlich einer putzwütigen Mutter, die gerade dabei ist, unsere Kindheit wegzuwischen.
Strange. Und eigenartige Wirkung. Wir bleiben dabei. Die Erinnerungsqualitäten entstehen nicht durch super acht oder Schnitte, sondern durch das, was wir über die Nostalgie in den Bildern auferstehen lassen, die Geschichten, die uns bewegen und wegdriften vom Abstrakten zum Konkreten, als Finisch unserer Existenz, als Abbild unserer Lebenszeit. Wir treten in einen Wettbewerb der Bilder. Und weiterer Aspekt unseres gemeinsamen Konzeptes ist: Wer schreibt denn nun so, dass man es bis zum Ende lesen will?
Biographie.
Die Fantasmorgasmen des Bildes unten linke Ecke. Hervorleuchtend ein Augenpaar. Retuschiert mit einem weichen Pinsel, farblich der Umgebung angepasst, farblich ins Gegenlicht gestellt, und es leuchtet sowohl von Innen als auch von Außen Licht. Von Innen ist es eine Tischlampe von Außen das Sonnenlicht. Und im Zwischenraum, das ist das Licht unter der Decke, vermischen sich diese beiden Lichtstimmungen zu einem Schattenlicht. Museumslicht. Diffuses Licht. Ein Licht, unter das wir es noch nie miteinander trieben, denn wir trieben es immer bei Sonnenlicht oder Nachtlicht, aber nie, wenn beide Lichtverhältnisse aufeinander einströmten und sich dabei berührten wie ein Teil meines Lebens mit dem Fragment unserer Begegnung. Zwischen den elektrischen Lichtern und den Bewegungen des Films in der City oder den poems of lailas….Die Grossstadt als Möglichkeit, sich über die Zeit abstrakt zu nähern… husch husch und die Geschwindigkeit, die Überbevölkerung, die, nun abstrahier mal… Die moderne Grossstadt des zwanzigsten Jahrhunderts. Das überleben wir auch.
Übrigens, wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich, was mir heute geschah. Beim Rauchen einer Zigarette auf meiner Matratze bei laufendem Fernsehprogramm und stürzenden Märkten und Kinderwagen brannte ich mir mit einem Funken ein Loch ins Hemd, und nun sehe ich aus, als habe jemand mir eine Kugel durchs Herz gejagt, nur sitzt mein Herz diesmal auf der rechten Hälfte, aber der Fleck verrät viel von einem gefährdeten Lebenswandel. Immer den Abhang entlang und schaun wir doch, dass das nicht die Klippen sind, die sich irgendein Regisseur ausgedacht hat, sondern einfach nur eine leichte Brise an irischer Küste. Das Hemd weist einen Fleck auf und wenn man nicht genau hinsieht, könnte man meinen, ich sei heute erschossen worden.
My Darlin, liegst Du auch wieder in Ferderkern gebettet und hast Mühe aufzustehen? Schau ma. Da draußen rotieren acht girlies einen Pulk von durchschossenen Rosen, mitten ins Herz, die Durchschüsse waren schon mal eleganter animiert, aber nun sehen sie mit ihren Rändern tatsächlich aus, als sei ich heute Morgen erschossen worden. Hast Du auch so ein rotes Hemd an? Durchtränkt von Lebensfreude und Spannung. Setz dir doch mal nen anderen Kopf auf. So wie ich mir einen anderen Revolver besorge, einen aus Fingernägeln und Wolldecken und damit durchbohre ich mir ein anderes Hemd. Und weil ich aussah, als wäre ich am Morgen erschossen worden, war klar, das konnte nur gestern gewesen sein, denn heute sah ich doch aus wie eine visuelle Lust mit einem Fleck auf der Brust, der ja auch von Dir hätte stammen können, als Tropfen aus dem Schoss mit dem Hinweis, sich dem anzunehmen. Also nahm ich mir einen Herzschuss vor. Ich wollte mich im Herz getroffen sehen, doch der Schuss erreichte mich rechts.
Umpfdada. Vielleicht versuchen wir es doch besser mit sich öffnenden und schließenden Garagentüren. Das ist weniger anzüglich und erinnert mehr an Maschinen. Schnapp auf schnapp zu. Und hinter der geöffneten Tür sieht man noch immer keinen Menschen, sondern nur das Objekt des Besitzers. Das Auto. Oder die Gartenschaukel. Oder den Kinderwagen. Den umgekippten.
Für welches Bild hast Du Dich entschieden?
Auf und zu auf und zu. Die Bilder fahren nach Hause.”
(c)CB