Archive for the 'Kurzgeschichten' Category

18
Nov
16

Die Legende der Hühnergötter

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Vor langer Zeit, als die Welt noch nicht von Menschen besiedelt war, lebten am Wasser ausschließlich Hühner.
Sie bauten keine Nester, in die sie ihre Eier legten, sie ließen ihre Nachkommen einfach in den heißen Sand fallen und beachteten sie nicht weiter.
Diese Hühner waren auch nicht weiß oder braun oder geflammt. Sie waren nicht angenehm anzuschauen, sondern von äußerst hässlicher Gestalt. Sie hatten keine Federn, sondern dicke, borstige Stacheln. Und sie waren aggressiv. Sie waren gefräßig. Ihre Gier war grenzenlos, und es kam wohl auch vor, dass sie ihre eigenen Eier fraßen. Ständig flatterten die Kreaturen umeinander und stritten um herangespültes Strandgut. Sie fraßen alles, ganz gleich ob Stein, Sand, Ei, Fisch oder Tang. Sie fraßen sich gegenseitig auf, und ihr Zetern und Lärmen war so schrill, dass dem Einhalt geboten werden musste.

Über dem Wasser und dem Sand und dem Land lebte ein alter weiser Gott. Er hatte die Hühner in der Hoffnung auf Bereicherung geschaffen, doch das war ihm gründlich misslungen.
Tagaus, tagein ärgerte er sich und schließlich schrie er seinen Zorn heraus.
Er verfluchte sie:
„Ihr, die Ihr gierig und bösartig am Wasser lebt, Ihr, die Ihr vor nichts Halt macht, Ihr, die Ihr Euch gegenseitig verschlingt, Ihr sollt zu Stein werden! Da, wo Euer Herz ist, Ihr Gefräßigen, da wo Euer Herz ist, soll ein Loch sein. Ein Loch, durch das die Gezeiten fließen. Ihr sollt versteinern und Euer Herz soll ein Loch sein!“

Und so geschah es. Die Kreaturen wurden zu Stein.
Und da, wo einst ihr Herz war, wurde ein Loch, durch das die Gezeiten fließen.

(c) hh

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04
Dez
11

Die Protagonsieten

Hatte ich eigentlich schon von der Anthologie berichtet?

Ich kopiere der Einfachheit halber folgendes aus dem Literaturforum:

Unsere Anthologie erscheint am 01.Oktober 2011 in der edition doppelpunkt im Verlagshaus Pressel.

Hier kann die Anthologie vorbestellt werden:

Online-Shop

Alle beteiligten Autoren verzichten auf ein Honorar, denn die Erlöse des Buches unterstützen ein kleines Kinderheim in Istrien. Dies ist eine Initiative des adriaforum.com und des Autorenforum Zeilenweise.

edition doppelpunkt

http://www.edition-doppelpunkt.com

Literatur für Kenner

Das Heim, in dem maximal zehn Kinder betreut werden, ist ein Pilotprojekt der Caritas und des Staates Kroatien, in dem ausschließlich besonders schwere Fälle sexuell missbrauchter Kinder untergebracht sind.

Auszug aus dem Vorwort:

Bestimmt gibt es ein Haus in Ihrer Nachbarschaft, in dem mehrere Familien wohnen. Und Sie kennen wahrscheinlich auch einen Bewohner dieses Gebäudes vom Sehen, grüßen ihn flüchtig im Vorübergehen. Aber haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, was hinter den Außenmauern eines solchen Hauses unbemerkt von Dritten vorgehen könnte? Waren Sie nicht schon das ein oder andere Mal neugierig?

Autoren:

Philipp Bobrowski

Wolfgang Brunner

Heidi Gotti

Hartmut W.H. Köhler

Mario B. Kuhl

Germaine Paulus

Michael Romahn

Miriam Schaffner

Anett Steiner

Isa Theobald

Markus Walther

Heike Hultsch

Bitteschön. Meine Geschichte für euch zum Lesen. Viel Vergnügen.

Die Protagonsieten

Herr Prof. Dr. Ignatius Reetwig feierte seinen fünfundsechzigsten Geburtstag allein.

Das war nichts Besonders für ihn, genauso hatte er auch die Geburtstage zuvor verbracht. Außergewöhnlich an diesem Tage jedoch war, dass sein Geburtstag in einer anderen Umgebung stattfand.

Er war vor einigen Monaten umgezogen. Seine Wohnung lag im ersten Stock eines Mehrfamilienhauses und der Professor erhoffte sich die Anonymität, die dringend erforderlich war. Er durfte einfach nicht mehr auffindbar sein! Auch war es praktisch, dass sich im Erdgeschoss des Hauses ein Kiosk befand. Damit entfielen lange Einkaufswege und das Risiko, erkannt zu werden. Vielleicht könnte er sogar die Inhaber des Kiosks, eine Familie Barbanic dazu bringen, ihm die benötigten Lebensmittel einfach vor die Tür zu stellen. Einmal im Monat würde er die Ware bezahlen.

Mit Bedacht wählte er die Wohnung im Haus auf dem Zeile-Weise-Platz. Durch die Anzahl der Wohnungen erhöhte sich die Wahrscheinlichkeit, in diesem fünfstöckigen Haus nicht mit anderen Bewohnern in Kontakt zu kommen. Es war bekannt, je mehr Mieter ein Haus hatte, umso weniger kannte man sich oder erinnerte sich aneinander. Er richtete sich einen Wohn- und Schlafraum ein und nutzte die übrigen Zimmer als Labor. Die Änderung seiner Lebensumstände wurde notwendig, weil die Protagonsieten in L., seinem vorherigen Wohnort, überhand genommen hatten. Sie tauchten mittlerweile minütlich auf und bedrängten ihn mit immer neuen Forderungen. Herr Prof. Dr. I. Reetwig trug daran eine gewisse Mitschuld. Durch seine Forschungsarbeiten fühlten sie sich magisch angezogen. Wollte er sie loswerden, blieb ihm als einziges Mittel die Flucht.

Er hatte seine Spuren sorgsam verwischt. Sein Einfamilienhaus veräußerte er unter falschem Namen und mit dem daraus gewonnenen Kapital ließ er sich schließlich in der Stadt nieder.

***

Herr Professor Dr. Ignatius Reetwig forschte seit einigen Jahren in der Plastischen Chirurgie und hatte sich auf Gesichter spezialisiert.

„Nase verkleinern und Falten unterspritzen kann jeder“, pflegte er immer zu sagen. „Eine Gesichtstransplantation erfordert jedoch besonderes Können!“

Vorangegangen waren lange Studien, die er auf einer Bank im Park betrieb. Reglos saß er Stunden auf dieser Bank und beobachtete die Passanten. Er las in ihren Gesichtern und sein fotografisches Gedächtnis behielt jedes einzelne. Ihm entging kein Stirnrunzeln, und bald konnte er die Reaktionen der Gesichter auf verschiedene Stimmungen bereits voraussagen. Warum also sollte er nicht versuchen, den Menschen freundliche Gesichter zu verschaffen? Gesichter, auf denen insbesondere die negativen Stimmungen nicht mehr ablesbar waren. Die Vision vom Paradies auf Erden wurde für ihn immer deutlicher.

In diesem Park wurden auch die Protagonsieten auf ihn aufmerksam. Keiner wusste, wo sie herkamen, alle hatten aber eines gemeinsam – sie hatten drei Augen. Das dritte Auge befand sich mitten auf der Stirn. Mit diesem dritten Auge fiel es ihnen nicht schwer, sofort Dinge zu erkennen, die für andere unsichtbar waren. Sie schauten damit bis ins Hirn der Menschen, lasen die geheimsten Wünsche und Hoffnungen und machten sich diese zunutze. Sie manipulierten jeden, der nur in ihre Nähe kam. Es war für sie ein Spaß, ihre Macht zu demonstrieren. Sie schickten beispielsweise bei eisiger Kälte Passanten plötzlich nackt in einen Fluss, weil sie ihnen suggerierten, dass es warm sei und sie dringend eine Abkühlung benötigten. Doch das waren harmlose Spielereien im Gegensatz zu dem, was sie wirklich beabsichtigten.

Die Protagonsieten selbst wollten natürlich nicht erkannt werden, deshalb trugen sie die Haare bis weit über die Augenbrauen. Allerdings war ihnen klar, dass sie nicht dauerhaft verborgen bleiben könnten und so mussten sie sich etwas anderes einfallen lassen. Der Professor kam ihnen also gerade recht. Sie wussten von seinem Vorhaben und konnten darauf sogar Einfluss nehmen. Er würde ihnen einfach andere Gesichter transplantieren, die das dritte Auge oberflächlich mit einer Hautschicht bedeckten und so stände der Übernahme der Weltherrschaft nichts mehr im Wege. Im Verborgenen könnten sie alles vorbereiten und der Tag, an dem die Protagonsieten die einzigen Lebewesen auf der Erde sein würden, war nah. Zuvor mussten sie jedoch die Menschen eliminieren. Nicht einer von ihnen durfte übrig bleiben.

Lange Zeit manipulierten sie den Professor. Die Vollendung des alles verbergenden Gesichtes stand kurz vor dem Abschluss. Seine Versuche bewahrte der Wissenschaftler in gut sortierten und nummerierten Gläsern auf. Ab und an dachte Ignatius jedoch über die seltsamen Umstände nach. Warum nur waren die Protagonsieten so präsent? Wieso konnte er an nichts anderes mehr denken? Das war nicht richtig, so viel spürte er.

Die Protagonsieten wurden lästig. Aufdringlich. Und immer fordernder. Sie hinderten ihn am Essen und am Schlafen und stahlen ihm sämtliche Zeit. Soziale Kontakte pflegte er längst nicht mehr und es erwies sich für die Protagonsieten von Vorteil, dass Professor Dr. Ignatius Reetwig keinerlei Familie mehr hatte.

Ignatius wurde panisch. Er wollte nur noch weg.

***

Den einzigen Kontakt, den der Professor in seiner neuen Umgebung mehr schlecht als recht pflegte, war der zu einer jungen Frau, die in der Wohnung neben ihm wohnte. Eines Tages hatte ihn Hedwig Meister, so hieß die junge Dame, gefragt, ob sie nicht irgendwie behilflich sein könne. Putzen vielleicht, oder andere leichte Tätigkeiten. Sie benötigte einen Nebenverdienst und ihr war aufgefallen, dass der Herr Professor nicht oft aus dem Haus ging. Ignatius stimmte zu. Seitdem bereitete sie ihm das Frühstück und hielt seinen Wohnraum in Ordnung. Ins Labor ließ er sie nie und meist kam er erst dann heraus, wenn Hedwig wieder verschwunden war.

Von seinen Forschungsarbeiten konnte der Professor trotz des Umzuges nicht lassen, auch wenn ihm immer mehr Zweifel kamen, ob es richtig war, was er da tat. Hatte er in der Absicht begonnen, die Menschen zu verschönern, so schlug diese allmählich um. Was sollte das für eine Welt werden, in der alle Menschen identische, freundliche Gesichter hatten? Sicher war es manchmal von Vorteil, sich bedeckt zu halten und Gestik und Mimik unter Kontrolle zu haben, doch war es richtig, das zum dauerhaften Zustand zu machen?

„Ich werde damit aufhören“, brummelte er eines Morgens. Es war vier Uhr früh und an Schlaf war auch in dieser Nacht nicht zu denken gewesen. „Schluss damit!“ Vielleicht waren diese Gedanken auch ein Resultat der nachlassenden Wirkung der Protagonsieten, die den Professor wahrscheinlich in seiner neuen Umgebung noch nicht gefunden hatten und somit sein Hirn nicht mehr beeinflussten.

Ignatius klopfte während des Hin- und Hergehens im Labor mit der flachen Hand auf die vielen Gläser, in denen sich unzählige schöne Gesichter befanden. Ohnehin hatte er noch keines verwenden können, eine unbestimmte Furcht hielt ihn vor dem letzten Schritt, der Transplantation von schönen Gesichtern, zurück. Einmal nur war er der Versuchung erlegen gewesen und hatte eines der Gesichter verschenkt. Doch dieses Gesicht war sein erster Versuch und konnte eher hässlich als schön genannt werden.

„Ich werde aus dem Haus gehen! Jawohl!“, sagte er. „Ich muss diesem Schönheitswahn Einhalt gebieten!“

Der Professor nahm Hut und Mantel und schloss hinter sich die Tür. Wochenlang saß er auf Bahnhöfen, U-Bahn Stationen und in Einkaufszentren und beobachtete die Menschen. Nur um seine Kleider zu wechseln, eilte er nach Hause, und um ein schnelles Frühstück einzunehmen. Den Wunsch, sein Labor zu betreten, verspürte er nicht ein einziges Mal. Nur schnell zurück zu seinen Beobachtungen in der realen Welt, das war alles, was er wollte.

Er sah gestresste Gesichter, zornige Augen, verbitterte Münder, faltige, vom Leben gekennzeichnete Körper. Er sah Hass, Zorn, Trauer.  Tränen.  Aber auch Lachen und Freude. Er sah Ausdruck. Leben.

Dann hatte er genug.

Als er an diesem Abend in seine Wohnung kam, hielt er sich nicht im Wohn-Schlafraum auf, sondern lief sofort in das Labor. Mit einer schnellen Handbewegung wischte er sämtliche konservierten Gesichter aus dem Regal. Das Klirren hörte er gar nicht. Ebenso wenig nahm er den stechenden Geruch der Lösung aus Kaliumlactobionat, Kaliumdihydrogenphosphat und Magnesiumsulfat wahr, die Pfützen auf dem Boden bildete. Fast schien es ihm, als ob ihn all die schönen Gesichter, die darauf schwammen, hämisch angrinsten. Das Klopfen an der Tür ignorierte er.

Der Professor griff nach einem Skalpell und durchtrennte sich mit sicherer Hand die Halsschlagader.

***

Später, als die Polizeibeamten die Wohnung freigaben, bemerkte die junge Nachbarin des verstorbenen Professors etwas sehr Merkwürdiges.

Die Angestellten des Bestattungsunternehmens, die Herrn Professor Ignatius Reetwig in einem hölzernen Sarg mit sich nahmen, trugen eine außergewöhnlich lange Haarpracht. Den Männern hing das Haar tief in die Stirn, bis weit über die Augenbrauen …

14
Dez
09

Monolog

.

.

Erinnern Sie sich?

Sie müssen damals gerade frisch liiert gewesen sein, als ich Ihnen endlich begegnete.

Sie trugen einen roten Mantel, der Sie wie Knecht Ruprecht wirken ließ. Sie wissen schon, wie ein Weihnachtsmann, allerdings ohne dicken Bauch und weißem Bart.

Ich sagte es Ihnen doch auch, erinnern Sie sich?
Jedenfalls wirkten Sie sehr auffällig in Ihrem roten Mantel. Und Ihr Gesicht strahlte, als wären Sie in der ersten Verliebtheit. Wie setzten uns auf eine Bank im Park, und ich wollte gern Ihre Geschichte hören. Die Geschichte, die Sie dazu brachte das alltägliche Grau abzulegen und in diesen wunderschönen roten Mantel zu schlüpfen. Zuvor trugen Sie immer grau, ich konnte es beobachten, da Sie in meiner Nachbarschaft lebten.
Immer wenn Sie Ihr Haus verließen und mich bemerkten, neigten Sie Ihren Kopf zu einem kurzen Gruß. Wissen Sie wie glücklich Sie mich mit dieser Geste machten?
Ich, ein alter Mann und Sie, die junge Frau in grau. Das Grau verstand ich nie, ich dachte oft, wie gut würde Ihnen doch rot stehen oder blau oder eine andere strahlende Farbe. Jetzt kann ich es Ihnen ja gestehen, immer erschienen Sie so, als ob Sie nicht existieren wollen. Als ob Sie notgedrungen Ihr Haus verlassen müssen, vielleicht, um Lebensmittel zu kaufen, aber sich im Grunde gar nicht fortbewegen wollen. Auch heute ist mir nicht klar, ob Sie einer Tätigkeit nachgingen und wovon Sie damals Ihren Lebensunterhalt bestritten. Glauben Sie mir, ich saß oft an meinem Fenster und beobachtete Sie. Und immer trugen Sie diesen grauen Mantel und die klobigen schwarzen Schuhe, in denen Sie wie ein Mann wirkten. Ich verstand das Versteckspiel wirklich nicht, dabei hatte ich Sie einmal, ich bin sicher, Sie bemerkten es nicht, spärlich bekleidet gesehen. Eilig wechselten Sie Ihre Kleidung, es war nur Sekundensache. Ich sah Ihre schmalen Schultern, die zarten Brüste und Ihre langen Beine. Sie zogen sich um und staksten dabei durch das Zimmer. Hilflos sahen Sie aus, ein wenig wie ein Reh und als Sie angekleidet Ihre Wohnung verließen, waren Sie in Ihrem grauen Mantel und den klobigen Schuhen wieder wie ein Jüngling, nicht wie eine zarte Frau.

Und dann, eines Tages, trugen Sie diesen roten Mantel. Unter dem Mantel ein Kleid und an den Füßen zierliche Stiefelchen. Schön war das, Ihr langes schwarzes Haar lugte unter der Kappe hervor und auf dem Gesicht machte sich ein breites Lächeln Raum. Und Sie sahen mich an, als ich gerade in diesem Moment aus meiner Haustür trat. Sie neigten nicht nur den Kopf, sondern waren bereit mir Ihre Geschichte zu erzählen, die Geschichte, die Sie dazu brachte, das alltägliche Grau abzulegen.

Nun sitzen wir hier und ich lausche dem Nichts.

Sie erzählen nichts, denn ich sitze allein.
Ich sitze allein auf dieser Bank und schicke meine Fantasie auf Wanderschaft, während um mich herum die Menschen in Eile vorüber hasten. Ab und an streift mich ein mitleidiger Blick.

Meine Füße spielen mit vom Wind heran getriebenen letzten Blättern und es setzt sich Schnee in mein Haar.

04
Jun
09

Pulsschläge – 16 –

Schalten wir doch einfach alles Soziale ab. Treffen wir uns nur noch zur Lustbefriedigung.
„Guten Tag. Eine eilige Ejakulation bitte.“
Am besten zwischen zwei Whiskey Cobbler und dem Honeymoon. Und wenn die Sterne günstig stehen, ejakulieren sie möglicherweise sogar ein zweites Mal.
„Hallo? Haben sie heute schon ihr Hor®oskop studiert?“
Wenn sie zweimal still halten, gehört der Diamant aus dem Geschäft der 5th Avenue ihnen und wollen sie vielleicht danach noch zu Balducci`s?

Ist das die Entwicklung, die wir nehmen werden? Noch empfinden wir nicht so. Und doch. Wie viel erspart man sich? Ging es uns gefangen im eigenen Ich nicht besser? Wie leicht scheint es, sich das einzureden. Wie einfach ist es doch zu versteinern. Was tragen wir heute nicht wieder für eine tolle Maske! Und bitte, wir wollen doch mal nicht daran rühren! Nähe? Die haben wir doch noch nie benötigt! Natürlich nicht. Selbst als Kind verzichteten wir maulig darauf. Gebrachte Geschenke wurden genommen und Zärtlichkeiten unter dem Mantel der Scham abgelehnt.
„Liebling? Würdest du bitte ‚Danke!‘ sagen und der Tante einen Kuss geben?“
Klein Liebling packt das Geschenk und verschwindet im Nebenzimmer.
Die Erwachsenen? Am besten handhaben wir es doch auf die banale Art.
„Sie hätten gern mal wieder Sex?“
„Gern, ein neuer Wagen käme mir gerade recht.“
Doch was ist mit der Einsamkeit? Wie viele Kostbarkeiten sind nötig um sie zu ersticken? Jene Einsamkeit, die uns einholt, so sehr wir uns auch dagegen wehren. Die Einsamkeit, die nach uns greift und uns den Schlaf raubt. Einsamkeit, die sich auch mit Arbeit nicht betäuben lässt.
Mein Schneckenhaus ist greifbar nah. Es hat mir schon gute Dienste geleistet. Dort bin ich sicher. Und am Fenster ein Kaktus.

Der wider Erwarten blüht und junge Triebe bringt.

– Ende –

03
Jun
09

Pulsschläge – 15 –

Meinen eigenen Schweiß riechend, erwache ich.
Mücken überfallen mich, obwohl ich doch stets darauf achte, das Licht bei offenem Fenster gelöscht zu halten. Vergangene Nacht müssen sie sich eingeschlichen haben. Mein ganzer Körper ist von Stichen übersät und juckt unerträglich. Meine Fingernägel verletzen die Haut und hinterlassen blutige Striemen. Ich werde meine Nägel kontrollieren müssen. Gut, dass ich meine Kleidung nicht ablege und die Wunden verborgen bleiben. Was will das Ungeziefer nur? Mein Blut? Ich schlage wiederholt auf mich ein, um die saugende Mücke auf meiner Wange zu töten. Erfolgreich. Wieder ein Weibchen erschlagen. Eine ruhestörende Sirene weniger. Was bleibt ist ein blutiges Etwas mit herausragenden, filigranen schwarzen Gliedern. Ich wische dieses Etwas achtlos aus meinem Gesicht. Die Mücke ist tot, verwischt und dennoch nicht verschwunden.

Vielleicht wollen diese Blutsauger meine Gedanken? Und was ist mit den Gefühlen? Wieder einmal bewegen sich Alles im Kreis und ich überlege, ob es nicht besser wäre, ganz abzuschalten. Einmal durchschütteln bitte. Gut durchgeschüttelt wird es zum Einheitsbrei. Im Shaker mit gecrashtem Eis. Wir wollen doch immer schön cool bleiben… als Garnitur wahlweise eine schöne lange Selleriestange oder doch lieber eine knackige Cocktailkirsche? Oder hätten sie es gern flambiert? Und nicht vergessen, den Schalter umzulegen.
Noch bin ich voller Sehnsucht nach seinen Händen. Ich vermisse seinen Rücken, der sich mir voller Zuneigung entgegenstreckt und sich ungeduldig bewegt, sobald meine Hand nicht mehr auf seiner Haut ruht. Sein Blick, der bis in mein Innerstes dringt. Er saß mir gegenüber, der Blick leer und ausgebrannt. Seine Augen wirkten unheimlich müde.
„Es war so schön hier mit dir und nun wird wieder alles so still…“
Wann sagte er es liebevoll? Schwang in seiner Stimme bei ihrem letzten Treffen nicht auch Wut mit? Da war doch noch etwas. Nennen wir es Freude am Leben. Intensive Gefühle? Wann hörten wir zuletzt Musik und gaben uns ihr hin?

Wie gern wäre ich am See.

– Fortsetzung folgt –

01
Jun
09

Pulsschläge – 14 –

Eine umgestürzte Tanne erschwert zusätzlich das Vorwärtskommen.
Die Spitze der Tanne bewegt sich und als sie genauer hinsieht, erblickt sie zwei kopulierende Ratten, die sich einen Weg durch grüne Nadeln bahnen. Nun muss erwähnt werden, dass Frau Christine Tochterhagen erst kürzlich eine mehr als unangenehme Begegnung mit gerade eben diesen Tieren hinter sich gebracht hatte. Nicht verwunderlich also, dass sie versteinert, als sie zwei besonders ausgeprägte, riesige Tiere erblickt. Zu allem Überfluss starren vier rote Augen in Christines Gesicht, während die dazugehörigen Körper weiter der Vermehrung nachgehen. Ratten sind ca. vierundzwanzig Tage schwanger. Danach werfen sie acht bis zwölf Rattenwelpen, die nach vier bis sechs Wochen geschlechtsreif sind. Fände sie also keinen Weg aus dem Dickicht, wäre sie binnen kürzester Zeit von Ratten umzingelt.
Ihre Panik verstärkt sich. Gern hätte sie den Vogel begraben, hätte ihn in das Waldstück gebracht. Sie kann ihn doch nicht einfach so liegen lassen. Doch da waren die Ratten. Wann würden sie sich ans Tageslicht kopulieren? Christine läuft weiter, findet eine passende Stelle und begräbt den Vogel. Sie verspürt wenig Lust, wieder in die Nähe von Manfred zu gelangen. Ihre Schritte sind schleppend, als sie den Wald verlässt. Schon von weitem sieht sie Manfreds kahl werdenden Kopf, der aus dem Fenster hängt. Entweder er isst, oder er beobachtet seine Umwelt. Noch immer ist seine schwammige Gestalt im Unterhemd. Was würde geschehen, stürzte Manfred einfach so aus dem Fenster eines zwölfstöckigen Wohnblocks? Würde er es überleben? Er läge auf dem Boden, das Unterhemd blutig und sicher wäre er tot. Tot wie der Vogel, den sie eben beerdigte.
Christine malt sich Manfreds Begräbnis aus und währenddessen biegt der Leichenwagen in die Straße ein.
Ebold, der Fahrer, winkt ihr wie immer freundlich zu. Stets ist er gut gelaunt, trotz der toten Fracht, die hinter seinem Rücken liegt. Würde es eigentlich auffallen, wenn er zu der transportierenden Leiche eine Leiche zusätzlich deponieren würde? Natürlich müsste es eine Feuerbestattung sein, zu der er seine Fracht bringt. Aber auch das ist heutzutage nicht mehr ganz so einfach. Hörte sie nicht neulich erst von einer Frau, die wochenlang im Kühlhaus lag, bevor sie bestattet wurde? Frau Christine Tochterhagen allerdings ist sich sicher, dass auch Manfred einmal von Ebold transportiert wird.

– Fortsetzung folgt –

31
Mai
09

Pulsschläge – 13 –

Wieder sehe ich Frau Christine Tochterhagen am Tisch sitzen.

Es stinkt. Der Raps, der seinen aufdringlichen Duft bis zu uns ins Haus weht, ist störend. Wie Manfred, der ihr gegenüber sitzt. Sie sieht durch ihn hindurch, doch sie riecht ihn. Seit Neuestem betritt er im Unterhemd das Esszimmer, um so dem Frühstücksritual beizuwohnen. Ungeduscht und unrasiert sitzt er ihr gegenüber und stinkt. Sie beginnt, den Rapsgeruch zu lieben. Er übertüncht mit seinem gelben Geruch sämtliche andere vorhandenen Gerüche. Das Blättern der Lokalzeitung, die Manfred mit fettigen Fingern vor seinem Schädel hält, ist im Moment das einzige Geräusch. Manfred wird nicht mehr lange mit der Morgenzeitung beschäftigt sein. Er wird sich erheben, die Toilette aufsuchen, aus der dann Töne der Erleichterung dringen.
Heute soll es zum Mittag Herz geben. Vor langer Zeit waren sie zumindest noch kulinarisch kompatible, doch auch das änderte sich mit den Jahren. Frau Christine Tochterhagen hasst Herz. Ebenso wie die neu eingerichtete Küche, diesen Traum in Edelstahl und kühlem Grau mit großen weiten Arbeitsflächen und blinkenden immer frisch geschliffenen Messern. Noch raschelt die Morgenzeitung, doch das Rascheln wird nicht mehr lang anhalten.

„Christine!!“, hört sie ihn rufen. „Wenn ich von der Toilette zurück bin, müssen wir uns über die Zubereitung des Herzens unterhalten!“
„Es ist noch Zeit, Manfred. Sehr viel Zeit“, antwortet sie und nimmt ihren Mantel vom Haken. Sie wirft die Tür hinter sich ins Schloss. An der detaillierten Darstellung seiner Verdauung ist sie nicht im Mindesten interessiert. Auch nicht an den Geräuschen, die er dabei von sich gibt. Sein nerviges „Christineeeeee!!“, das aus dem geöffneten Fenster über die Straße tönt, überhört sie. Sie geht einfach weiter und bemerkt den Vogel, der vor ihr auf dem Gehsteig liegt. Er war bereits tot. Es muss ein klares „klack“ gegeben haben, als er vom Ast stürzte. Oder vielleicht doch ein dumpfes „plapp“. Ihr fällt der krumme Schnabel des Tieres auf. Der Vogel stand sicher in der „Hackordnung“ ziemlich weit oben. Oder er war, als er noch lebte, eine Art Paradiesvogel. Sein Kopf ist leicht verdreht und der zierliche Körper unnatürlich gekrümmt.
Geraume Zeit steht Christine vor dem Vogel. Sie überlegt, ob sie ihn in die Erde betten soll. Sie weiß nicht, was das ist, mit den fliegenden Gefährten. Sie weiß nicht, wieso gerade sie immer auf tote oder sich in Gefahr befindliche Vögel trifft. Erst neulich kam Christine dazu, wie ein Amselmännchen um sein Weibchen trauerte. Das Amselweibchen war auf der Straße überfahren worden. Ungeachtet des fließenden Verkehrs hüpfte das Männchen um sein totes Weibchen, flatterte aufgeregt mit den Flügeln und wollte die Straße nicht verlassen. Christine lief zu dem Amselmännchen, nahm es vorsichtig in ihre, zu einer Schale geformten Handflächen und trug es von der Straße. Den kleinen, warmen Körper des Tieres spürend, war Christine den Tränen nahe. Sie lief ein ganzes Stück mit dem Vogel in der Hand, bis sie ihn an einem Waldrand setzte. Er hüpfte ein paar Mal hin und her und flog dann davon.
Dieser Vogel jetzt lag jedoch gekrümmt auf dem Gehsteig und früher oder später würden Kinderwagen über ihn fahren, Katzen würden mit ihm spielen. Es wäre wichtig, den Vogel zu begraben. Christine geht, den Vogel in der Hand, zum Weg, der kaum sichtbar durch das angrenzende Waldstück führt.

– Fortsetzung folgt –




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